Politik

Jeanne d’Arc gegen Ludwig XIV? Le Pen könnte Macron bei der Stichwahl besiegen

Am 24. April 2022 wird die Stichwahl zur französischen Präsidentschaft durchgeführt. Ein Sieg Emmanuel Macrons gegen seine Widersacherin Marine Le Pen steht auf wackeligen Füßen.
17.04.2022 10:21
Lesezeit: 3 min
Jeanne d’Arc gegen Ludwig XIV? Le Pen könnte Macron bei der Stichwahl besiegen
Marine Le Pen (r), Vorsitzende der rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN), macht mit einem Mann während eines Wahlkampfbesuchs auf einem Markt in Dünkirchen eine Foto. (Foto: dpa) Foto: Francois Lo Presti

Die belgische Zeitung „De Standaard“ kommentiert am Samstag den Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich:

„Emmanuel Macron hat noch eine Woche Zeit, um die launischen Franzosen zu überzeugen, ihr Schicksal trotz allem wieder in seine Hände zu legen. Vor fünf Jahren hatte er in dieser Phase bereits den Sieg errungen. Auch damals war Marine le Pen seine Gegnerin, aber mit ihrer rechtslastigen Kampagne hatte sie keine Chance gegen den jungen Technokraten, der in kürzester Zeit eine breite Bewegung der Mitte aus dem Boden gestampft hatte. Diesmal ist der Unterschied in den Umfragen viel geringer. Wenn Le Pen den Schwung der Wochen vor dem ersten Wahlgang behalten kann, ist der Abstand nicht unüberbrückbar. Macron selbst ist nach fünf Regierungsjahren nicht mehr der Herausforderer des Status Quo, sondern nur ein weiterer seiner Vertreter. Die einzige geplante Debatte zwischen den beiden Kandidaten am Mittwoch wird entscheidend sein.“

In Frankreich haben Tausende Menschen gegen die Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen demonstriert. 9.200 Menschen gingen am Samstag allein in Paris auf die Straße, wie eine Polizeisprecherin der Deutschen Presse-Agentur sagte. In ganz Frankreich waren 22.000 Menschen dem Aufruf von Gewerkschaften und Nicht-Regierungs-Organisationen gefolgt, wie französische Medien unter Berufung auf das Pariser Innenministerium berichteten.

Mit markigen Sprüchen will Frankreichs Sozialistische Partei zur Wahl des liberalen Präsidenten Emmanuel Macrons in der Stichwahl gegen die Rechte Marine Le Pen mobilisieren. „Wir haben alle Lust, scheiße zu sagen, aber gegenüber der Rechtsextremen - wählen wir ,Macron‘“, heißt es auf einem der am Freitag veröffentlichten Kampagnenplakate.

In einer Mitteilung von Parteichef Olivier Faure hieß es, die Gefahr, dass die Rechte an die Macht kommen könne, sei echt. Um dies verhindern, müsse Macron gewählt werden. Die veröffentlichten Plakate in Weiß, Rot und Grau nutzen Wortspiele und sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut. Zunächst geht es um die Wut und Enttäuschung der Wählerschaft, dann kämpferisch um ein Verhalten gegenüber der extremen Rechten. Die Wahl für Macron folgt am Ende in kleinerer Schrift eher als Nachgedanke.

Le Pen hatte sich am vergangenen Sonntag gemeinsam mit Präsident Emmanuel Macron für die entscheidende Stichwahl um den Einzug in den Élyséepalast qualifiziert. Sie erhielt gut 23 Prozent der Stimmen, Macron knapp 28.

Wenn Le Pen Präsidentin wird, versetzt sie der EU den Todesstoß

Im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen 2022 warf die Denkfabrik „Carnegie Europe“ zuvor die Frage auf, was passieren würde, wenn das Corona-Rettungsprogramm der EU scheitert. Die Antwortet lautet laut „Carnegie Europe“, dass Le Pen die Präsidentschaftswahlen gewinnt. Ein derartiges Ergebnis würde zwangsläufig dazu führen, dass sie eine Neuorganisation der EU als „L'Europe des Nations“ fordern würde. Zu ihren Vorschlägen würde die Streichung der Legislativinitiative von der EU-Kommission an den EU-Rat - die Übertragung der Macht vom zentralen Organ der EU auf einzelne Mitgliedstaaten gehören, was die supranationalen Elemente in der EU schwächen würde. Sie würde auch versuchen, den Binnenmarkt zu reformieren, unter anderem durch die Abschaffung der vorübergehenden Entsendung von Arbeitnehmern in andere Mitgliedstaaten, und sie würde versuchen, eine Einmischung der EU in innere Angelegenheiten zu verhindern. Wenn diese Forderungen nicht erfüllt werden würden, würde Frankreich Entscheidungen, die die Einstimmigkeit der EU erfordern, boykottieren.

Die Denkfabrik brachte mehrere Teams aus EU-Experten zusammen, besprechen sollten, wie die EU reagieren sollte, falls Le Pen tatsächlich Präsidentin wird.

„Erstens haben die vier Länderteams darüber nachgedacht, dass dieses Szenario eine noch größere Bedrohung für die EU darstellen könnte als der Austritt eines Mitgliedstaats (…) Bei der Reaktion auf dieses Szenario diskutierten die Länderteams, inwieweit Le Pen eingeschränkt werden könnte. Das französische Team war pessimistisch und wies darauf hin, dass das französische Präsidentensystem begrenzte Kontrollen und Abwägungen bietet. Trotzdem sollte die EU nicht versuchen, Frankreich einzuschränken, indem sie es mit Sanktionen isoliert, wie im Fall von Österreich im Jahr 2000. Das spanische Team warnte auch vor einer konfrontativen Haltung gegenüber Frankreich. Stattdessen sollte die EU Verhandlungen aufnehmen und die Franzosen so lange wie möglich mit Gesprächen beschäftigen. Die Niederländer waren sich einig: Reden Sie weiter mit Le Pen im Rat und halten Sie die Dinge in der Luft, um die französischen Pläne zu verzögern. In der Zwischenzeit schlug das deutsche Team vor, sich auf den Schutz des Schengener Übereinkommens und des Binnenmarktes zu konzentrieren, der den freien Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen ermöglicht, in der Hoffnung, dass die Präsidentschaft von Le Pen eine Amtszeit nicht überdauern würde (…) Unter den Teams gab es tiefe Besorgnis darüber, dass die EU nicht stärker als zuvor aus dieser Krise herauskommen könnte, wie dies normalerweise der Fall ist.“

Was Europa blühen würde, falls Le Pen die Präsidentschaftswahlen 2022 gewinnt, hatte der deutsche Ökonom Heiner Flassbeck in einem früheren Interview mit der Zeitung „Der Standard“ ausgesprochen:

„Wenn Marine Le Pen Präsidentin wird, ist Europa am Ende“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Nvidias steiler Kurssturz drückte den Technologiesektor ins Rote
26.02.2026

Trotz der hervorragenden Finanzergebnisse des KI-Riesen Nvidia konnte das Unternehmen die Investoren nicht ausreichend überzeugen. Dies...

DWN
Politik
Politik EU-Klimazoll: CO2-Zoll soll auch für Waschmaschinen und andere Waren kommen
26.02.2026

Künftig sollen 180 Industrieprodukte, darunter auch Haushaltswaren, unter den EU-CO2-Zoll fallen. Was die Kommission damit erreichen will.

DWN
Politik
Politik Bundeswehr bekommt Kamikaze-Drohen: Stärkung der Nato-Ostflanke
26.02.2026

Deutschland stellt 540 Millionen Euro für Kamikaze-Drohnen bereit und stärkt damit gezielt die militärische Präsenz an der...

DWN
Politik
Politik AfD: Verwaltungsgericht Köln stoppt die vorläufige Einstufung der AfD als rechtsextrem
26.02.2026

Die AfD hat vor dem Verwaltungsgericht Köln mit einem Eilantrag einen Erfolg erzielt: Der Verfassungsschutz darf sie vorerst nicht als...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KMU unter Druck: Deutscher Mittelstand leidet unter Konkurrenz aus China
26.02.2026

Einst brachte China deutschen Unternehmen glänzende Geschäfte, heute wächst der Druck aus Fernost. Einen harten Wettbewerb mit China...

DWN
Politik
Politik Epstein-Skandal: Chef des Weltwirtschaftsforums tritt zurück
26.02.2026

Der frühere norwegische Außenminister, Børge Brende, legt sein Amt als Präsident des WEF nieder. Was ist über seine Verbindungen zum...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Verlust 2025: Erneut keine Überweisung an die Bundesbank
26.02.2026

Die Zinspolitik der Euro-Währungshüter hinterlässt seit Jahren Spuren in der Bilanz der Europäischen Zentralbank. Über zehn Milliarden...

DWN
Finanzen
Finanzen Kupferpreis-Prognose: Was das Metall über die Industrie verrät – und was für Anleger jetzt wichtig wird
26.02.2026

Der Kupferpreis rückt angesichts globaler Infrastrukturprogramme, Energiewende und geopolitischer Verschiebungen zunehmend ins Zentrum der...