Wirtschaft

Selbst bei Öl-Embargo: Russland ist finanziell auf einen längeren Krieg vorbereitet

IfW-Handelsexperte: "Hoffnungen auf ein zeitnahes Einlenken Russlands im Ukraine-Krieg angesichts der einschneidenden westlichen Sanktionen dürften enttäuscht werden."
06.05.2022 09:37
Aktualisiert: 06.05.2022 09:37
Lesezeit: 1 min
Selbst bei Öl-Embargo: Russland ist finanziell auf einen längeren Krieg vorbereitet
Putin ist offenbar auf einen längeren Krieg vorbereitet. (Foto: dpa) Foto: Alexander Zemlianichenko

Die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens dürften Russland zeitnah nicht in die Knie zwingen. Sowohl die Situation des Staatshaushalts als auch strukturelle Besonderheiten der russischen Wirtschaft würden gute Ausgangsbedingungen für ein längeres Durchhalten einer auf ökonomische Unabhängigkeit setzenden Kriegswirtschaft schaffen, wie Rolf J. Langhammer, Handelsexperte am Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW), betont. Russland habe in den vergangenen Jahren sichtbare Erfolge beim Aufbau einer stabilen Finanzlage erreicht.

"Dazu gehören eine im internationalen Vergleich sehr niedrige öffentliche Verschuldung (bei 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), hohe Ersparnisse, eine zurückhaltende Ausgabenpolitik und eine starke Reservebildung", erklärt Langhammer. Das habe auch der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Bericht zur makroökonomischen Situation Russlands dem Land attestiert. Dieser verwiese zudem auf Erfolge Russlands, sich unabhängiger vom Dollar zu machen.

Hinzu kämen, so Langhammer , derzeit steigende Erlöse aus Energieexporten in Länder, die sich den Sanktionen verschließen oder, wie Deutschland, ihre Käufe teilweise noch aufrechterhalten. Der jetzige Ölpreis läge weit über dem vom IMF geschätzten notwendigen Preis für einen ausgeglichenen russischen Haushalt von 10–15 US-Dollar. Ein Öl-Embargo der EU dürfte dies zunächst nicht entscheidend ändern.

Strukturell würden Russland die geringe Bedeutung des privaten Dienstleistungssektors und das hohe Ausmaß geschützter Beschäftigung im öffentlichen Sektor helfen, wie der Handelsexperte ergänzt. "Diese Beschäftigten sind der Garant für die politische Unterstützung Präsident Putins im eigenen Land und werden bevorzugt alimentiert, das heißt durch Preiskontrollen oder Einkommenshilfen vor den Folgen des Inflationsanstiegs geschützt."

Das Entstehen von Schwarzmärkten würde die Regierung gegebenenfalls massiv bekämpfen, da diese die Gesellschaft spalten und den politischen Rückhalt schwächen könnten. Das Fazit Langhammers: "Die längerfristig mit Sicherheit eintretenden sehr negativen Folgen des Ausfalls wichtiger und unersetzbarer Kapitalgüter aus dem Ausland werden die russische Wirtschaft nicht schnell in den Untergang treiben. Der Westen wird langes Durchhaltevermögen zeigen müssen.“

Hinzu kommt, dass Russland in den ersten beiden Monaten nach der Invasion der Ukraine allein durch die Ausfuhr fossiler Brennstoffe schätzungsweise 63 Milliarden Euro eingenommen hat. Denn trotz der Bemühungen der EU-Länder, von russischer Energie unabhängig zu werden, kauften diese lange weiterhin Öl, Kohle und Gas aus Russland.

Dafür werden die wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Kriegs gegen die Ukraine auf die deutsche Konjunktur zunehmend spürbar: So fielen, neben Exporten und Einzelhandelsumsätzen, im ersten Monat nach Kriegsbeginn auch die Industrieaufträge. Ökonomen sprechen inzwischen sogar von einer "Durststrecke", auf die sich die deutsche Volkswirtschaft im Sommer einzustellen habe.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Top-Ökonom warnt: Wie die US-Außenpolitik Europas Wirtschaft belastet
07.02.2026

Die Europäische Union steht unter geopolitischem Druck, während wirtschaftliche Unsicherheit und geldpolitische Erwartungen neu justiert...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Geldanlage: Diese US-Aktien sollten Sie jetzt besitzen
07.02.2026

Ein wichtiger Sektor der US-Wirtschaft sorgt derzeit für überraschend starke Ergebnisse – trotz geopolitischer Risiken und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Datenhunger der Finanzämter: Wann Unternehmen E-Mails herausgeben müssen – und wann nicht
07.02.2026

Der Bundesfinanzhof hat Unternehmen im Streit um steuerrelevante E-Mails den Rücken gestärkt. Zwar bleibt die Pflicht zur Vorlage...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kove 800 X Pro: Chinesische Hersteller im europäischen Enduro-Markt
07.02.2026

Das Enduro-Segment gilt als besonders anspruchsvoll und stellt hohe Anforderungen an Technik, Qualität und Fahrverhalten. Kann ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft LNG: Warum Europas neue Gasabhängigkeit brandgefährlich ist
07.02.2026

Europas Gaspreise steigen, während politische Spannungen mit den USA zunehmen. LNG aus Amerika gilt als Rettungsanker, entpuppt sich aber...

DWN
Finanzen
Finanzen Begrenzung für Kreditkartenzinsen: Airlines und Investoren warnen vor Trumps Plan
07.02.2026

US-Präsident Donald Trump will Kreditkartenzinsen in den USA auf 10 Prozent begrenzen. Was als Verbraucherschutz verkauft wird, könnte...

DWN
Politik
Politik Ganz nah an Russland können Kinder nach der Schule zum Drohnentraining gehen
07.02.2026

In Litauen wächst der Druck, sich auf neue Bedrohungen einzustellen, und selbst Schulen geraten dabei in den Fokus. Was bedeutet es, wenn...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Dow Jones durchbricht die Marke von 50.000 Punkten
06.02.2026

Die US-Aktienmärkte erholten sich am Freitag nach einem einwöchigen Rückgang im Technologiesektor, da die Zurückhaltung der Investoren...