Deutschland

Krieg bremst deutsche Baubranche - "Wir können oft nicht bauen"

Lesezeit: 2 min
18.05.2022 11:36
Die deutsche Baubranche befürchtet dieses Jahr real bis zu 2 Prozent Umsatzminus. Besserung ist vorerst nicht zu erwarten. Schuld daran ist der Ukraine-Krieg.
Krieg bremst deutsche Baubranche -
Auch die teure Energie trifft die deutsche Baubranche enorm. (Foto: dpa)
Foto: Roberto Pfeil

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Anhaltender Materialmangel und steigende Baupreise, mehr Stornierungen und drohende Kurzarbeit: Der Ukraine-Krieg trifft die lange Jahre boomende deutsche Bauindustrie mit voller Wucht und sorgt dafür, dass die Branche ihre Ziele für 2022 einkassiert.

Man erwarte für die realen Umsätze nur noch "eine Entwicklung zwischen Null und minus zwei Prozent", sagte Präsident Peter Hübner vom Branchenverband HDB am Mittwoch in Berlin. Er bezeichnete die Lage als paradox. "Wir wollen bauen, wir sollen bauen, aber wir können oft nicht bauen." Grund seien Lieferengpässe bei Baumaterialien und höhere Rohstoffpreise. Dies sorge dafür, dass immer mehr Auftraggeber Projekte verschöben oder gleich stornierten.

Zum Jahreswechsel hätten alle Ampeln für den Bau noch auf grün gestanden, betonte Hübner. Man habe damals nominal für dieses Jahr noch ein Wachstum von 5,5 Prozent angepeilt. Nach Abzug steigender Baupreise wäre dies real ein Plus von 1,5 Prozent gewesen. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine veränderte die Lage aber völlig. Denn allein ein Drittel der vom Verband befragten Firmen bezieht Material aus diesen beiden Ländern. Neun von zehn Betrieben beklagen direkte oder indirekte Auswirkungen des Krieges auf ihr Unternehmen.

Der Chef des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB) zeichnete ein Bild mit trüben Aussichten. Für 2023 rechne er mit einem ähnlichen Umsatz-Rückgang wie im laufenden Jahr. "Wir hoffen, dass wir das Ganze 2024 wieder ins Positive drehen können." Positiv sei, dass die Baufirmen trotz der schwierigen Lage weiter Personal einstellen wollen. Man rechne für 2022 mit 920.000 Beschäftigten und so mit einem Plus von 9000.

Beim wichtigen Wohnungsbau, der der Branche jahrelang wachsende Geschäfte beschert hat, erwartet Hübner einen Umsatz-Rückgang in diesem Jahr. "Damit stehen die Ziele der Bundesregierung infrage", warnte der HDB-Präsident. Denn die Ampel-Koalition hat sich den Bau von jährlich 400.000 Wohnungen zum Ziel gesetzt. Der HDB rechnet für dieses Jahr nur mit rund 320.000 Wohnungen, da das "Bündnis bezahlbarer Wohnraum" in diesem Jahr auf Sanierung im Bestand setze statt auf Neubauten.

Die Umsatz-Prognose steht laut Hübner unter dem Vorbehalt, "dass sich im weiteren Jahresverlauf keine weiteren Verschärfungen bei Energiepreisen und dem Bezug von Baumaterial ergeben". Denn die teure Energie treffe die Betriebe enorm. "Für uns ist Diesel das Mega-Thema." Diese Abhängigkeit könne man auch so schnell nicht ändern. Einen Anstieg der Energiepreise um 30 Prozent könne die Branche nicht ausgleichen.

Zudem habe man mit Preissteigerungen zu kämpfen, Firmen könnten teilweise nur mit tagesaktuellen Preisen kalkulieren. Preise für Betonstahlmatten seien binnen Jahresfrist um 70 Prozent gestiegen und für Bitumen um 45 Prozent.

"Investoren sind derzeit hochsensibel", betonte Hübner. Dies gelte vor allem für private Bauherren und dürfte den Wohnungsbau auch 2023 spürbar bremsen, zumal die Kreditzinsen stiegen. Ferner sei bei den Materialengpässen kaum Besserung in Sicht. "Der Krieg legt die engen Lieferketten und Abhängigkeiten brutal und schonungslos offen." Dies zeige sich bei einem der größten Stahlwerke in Europa, dem Asowstal-Komplex im ukrainischen Mariupol. Dort, wo sich Soldaten unter Beschuss russischer Truppen verschanzt hatten, dürfte wohl vorerst nicht produziert werden. "Deshalb gibt es bei Stahl eine echte Angebotsverknappung", warnt Hübner.

Er plädierte dafür, den Produktionsstandort Deutschland weniger abhängig vom Ausland zu machen. Deshalb müsse man mehr heimische Rohstoffe nutzen können. Dies sei vor allem aus Umweltschutzgründen derzeit kaum möglich, kritisierte Hübner.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik DWN SPEZIAL: Französische Fallschirmjäger springen über Estland ab

Der Einsatz geschah kurzfristig und überraschend.

DWN
Deutschland
Deutschland Wohnimmobilien: Boom scheint zu Ende, Nachfrage bricht ein

Zwar haben sich Wohnimmobilien im Jahresvergleich um 12 Prozent verteuert. Doch die Quartalsentwicklung deutet auf ein Ende des Booms.

DWN
Finanzen
Finanzen Fed-Regionalpräsident: Müssen Leitzinsen jetzt „aggressiv“ anheben

Die US-Zentralbank soll nach Meinung eines Bezirkspräsidenten aggressiv gegen die Inflation vorgehen, die sie selbst in den vergangenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Was können wir vom Schweizer Rentensystem lernen?

Für die deutsche Altersvorsorge sieht es düster aus. Das belegen Statistiken mittlerweile zu hunderten. Vielleicht hilft ein Blick zu...

DWN
Politik
Politik EU-Erweiterungspläne auf dem Balkan scheitern

Die Hoffnungen der westlichen Balkanstaaten auf Fortschritte beim Beitritt wurden enttäuscht. Die Ukraine und Moldawien ziehen im Eiltempo...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: Washington tappt im Dunkeln

Obwohl die USA die Ukraine mit modernen Waffen unterstützt, weiß man in Washington nicht, wie sie eingesetzt werden.

DWN
Deutschland
Deutschland Ifo-Geschäftsklima: Gasknappheit drückt die Stimmung

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich spürbar eingetrübt. Sollten die russischen Gaslieferungen ausfallen, erwarten Ökonomen...

DWN
Finanzen
Finanzen Dax klettert wieder über 13 000 Punkte

Am Freitag ist der Dax wieder über die Marke von 13.000 Punkten gestiegen. Auf Wochensicht bleibt jedoch ein leichter Verlust.