Politik

Hälfte der ukrainischen Kämpfer von Asowstal hat sich ergeben

Seit Montag haben sich in Asowstal 1730 ukrainische Kämpfer ergeben. Doch auch nach der Massen-Kapitulation harren viele weiter im Stahlwerk von Mariupol aus.
19.05.2022 17:03
Lesezeit: 2 min

In dem umkämpften Stahlwerk in Mariupol haben sich nach russischen Angaben mittlerweile 1730 ukrainische Kämpfer ergeben. Allein in den vergangenen 24 Stunden hätten 771 ihre Waffen niedergelegt, sagte der Chef der pro-russischen Separatisten in dem Gebiet, Denis Puschilin, am Donnerstag. Allerdings befinde sich annähernd die Hälfte der Kämpfer nach wie vor auf dem Gelände von Asowstal in der südostukrainischen Hafenstadt. "Lasst sie sich ergeben, lasst sie leben, lasst sie sich ehrlich den Anschuldigungen ihrer Verbrechen stellen", sagte Puschilin dem Internet-TV-Sender Solowjow Live.

Die Ukraine und Russland machen widersprüchliche Angaben darüber, wie viele Kämpfer, die sich seit Wochen in den Bunkern und Tunneln des riesigen Werkgeländes verschanzt haben, sich den russischen Truppen ergeben haben. Die Truppen, die sich ergeben haben, wurden in von russischen Truppen kontrolliertes Gebiet gebracht. Ihr Schicksal ist allerdings unklar.

Die Ukraine will einen Gefangenenaustausch organisieren. In Russland sind Stimmen laut geworden, die ukrainischen Kämpfer als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen. Puschilin sagte, die Verletzten würden medizinisch versorgt, die anderen seien in ein Straflager gebracht worden, sie würden aber gut behandelt.

Mit dem faktischen Ende der Kämpfe in Mariupol nehmen die russischen Streitkräfte die bislang größte ukrainische Stadt seit Kriegsbeginn am 24. Februar ein. Russland kontrolliert damit die gesamte Küste zum Asowschen Meer, die sich bis zur Halbinsel Krim hinzieht, die Russland 2014 von der Ukraine annektiert hat.

Nach ukrainischen Angaben sind dem Krieg bereits Zehntausende Zivilisten zum Opfer gefallen. Das Rote Kreuz und die Vereinten Nationen haben bislang keine Zahlen veröffentlicht, sprechen aber von mindestens Tausenden Toten. Die russische Regierung spricht nach wie vor von einer "militärischen Sonderoperation" und weist Vorwürfe zurück, gezielt zivile Ziele anzugreifen.

Zunächst hatte Russland die Einnahme der gesamten Ukraine einschließlich der Hauptstadt Kiew geplant, um das Land von "Nazis" zu befreien. Angesichts des Widerstands der ukrainischen Streitkräfte und der militärischen Hilfe aus dem Westen wurde dieses Ziel aber durchkreuzt.

Auch aus dem Großraum Charkiw, der zweitgrößten ukrainischen Stadt im Nordosten des Landes, haben sich die russischen Truppen mittlerweile zurückgezogen. Sie konzentrieren ihren Einsatz jetzt auf den Donbass und die abtrünnigen Regionen Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine sowie auf den Süden entlang der Küste des Schwarzen Meeres. Vermutet wird, dass Russland auch Odessa einnehmen will und die Ukraine damit komplett von der Küste abschneiden würde.

Bundeskanzler Olaf Scholz sicherte der Ukraine weitere Hilfe für die Verteidigung gegen den Angriff Russlands zu. "Noch immer glaubt (Russlands Präsident Wladimir) Putin, dass er einen Diktatfrieden herbeibomben könne", sagte Scholz in einer Regierungserklärung im Bundestag. Diesen Diktatfrieden werde es aber nicht geben, weil ihn die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht akzeptieren würden - "und wir auch nicht".

Der Kanzler fügte hinzu: "Erst wenn Putin das begreift, erst wenn er versteht, dass er die Verteidigung der Ukraine nicht brechen kann, dann wird er bereit sein, ernsthaft über Frieden zu verhandeln." Putin habe die Entschlossenheit der Ukraine und die Geschlossenheit des Westens unterschätzt.

Zugleich betonte Scholz, dass die militärische Hilfe mit schweren Waffen keine Eskalation bedeute. "Einem brutal angegriffenen Land bei der Verteidigung zu helfen, darin liegt keine Eskalation." Dies sei vielmehr ein Beitrag, den Angriff abzuwehren "und damit schnellstmöglich die Gewalt zu beenden".

Für die Nachkriegszeit müsse man sich jetzt schon Gedanken machen, sagte Scholz. Der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur und Wirtschaft in der Ukraine werde Milliarden kosten. "Daher müssen wir als Europäische Union jetzt die Vorarbeiten für einen Solidaritätsfonds beginnen, der sich aus Beiträgen der EU und unserer internationalen Partner speist." Über die wirtschaftlichen Folgen des Krieges berieten auch die G7-Finanzminister bei ihrem Treffen in Königswinter bei Bonn.

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