Politik

Corona wird bleiben: Bürger müssen alle 48 Stunden negative Tests vorlegen

China will auf Dauer an seiner Null-Covid-Strategie festhallten. In Zehntausenden neuen Teststationen müssen sich die Bürger alle 48 Stunden testen lassen. Ein Vorbild für die ganze Welt?
02.06.2022 13:00
Lesezeit: 3 min
Corona wird bleiben: Bürger müssen alle 48 Stunden negative Tests vorlegen
Ein Feuerwehrmann desinfiziert eine Schule in Schanghai, wo die Schüler der zweiten und dritten Klassen der weiterführenden Schulen ab dem 6. Juni wieder zur Schule gehen werden und der Unterricht für die Abschlussschüler der weiterführenden Schulen am 13. Juni wieder aufgenommen wird. (Foto: dpa) Foto: Ding Ting

In China wird es auf absehbare Zeit keine Abkehr von der Null-Covid-Strategie, die in den letzten Monaten bereits schwere Schäden sowohl für die eigene Wirtschaft als auch für die globalen Lieferketten nach sich gezogen hat. Zwar hat Schanghai seinen Lockdown diese Woche beendet und Peking seine strengen Maßnahmen vorerst aufgehoben. Doch nun setzt das Land verstärkt auf Massentests und bereitet zudem weitere umfassende Strategien im Kampf gegen Corona vor.

In den größten und wirtschaftlich wichtigsten Städten wird ein Netz von Zehntausenden von Testkabinen eingerichtet, damit die Einwohner überall nur 15 Minuten Fußweg von einem Testzentrum entfernt sind. Diese Infrastruktur wird es Städten wie Peking, Shanghai, dem Technologiezentrum Shenzhen und dem E-Commerce-Zentrum Hangzhou ermöglichen, von den Bewohnern alle 48 Stunden einen Test zu verlangen, wobei ein negatives Ergebnis erforderlich ist, um die U-Bahn zu benutzen oder ein Geschäft zu betreten, wie Bloomberg berichtet.

Forscher an der renommierten Tsinghua-Universität in China haben Roboter entwickelt, die das Testen automatisieren. Unternehmen locken mit Monatsgehältern von mehr als 10.000 Yuan (1.400 Euro), um Personal für die weißen, modularen Testzentren zu rekrutieren, die entweder mit Schiebefenstern ausgestattet sind oder mit zwei kreisrunden, brusthohen Löchern, durch welche die Mitarbeiter mit Handschuhen einen Abstrich vornehmen können. Die erneute massive Investition zeigt deutlich, dass China an seiner Null-Covid-Strategie festhalten wird.

Die Testkabinen werden in städtischen Zentren mit mindestens 10 Millionen Einwohnern allgegenwärtig sein. Sie sind Teil eines nahtlosen Prozesses, der darauf ausgelegt ist, die Testergebnisse innerhalb weniger Stunden in die beliebte Smartphone-Apps WeChat von Tencent oder die Zahlungs-App Alipay von Ant Group einzuspeisen. Nach Angaben von Soochow Securities leben rund 420 Millionen Menschen in Städten und Gemeinden, die sich zu routinemäßigen Covid-Tests verpflichtet haben.

Den Plänen zufolge werden Tests für Hunderte Millionen chinesischer Stadtbewohner unausweichlich zum Alltag gehören. Michael Mina, ein ehemaliger Epidemiologieprofessor an der Harvard University, der durch die Forderung nach Tests als Schlüssel zur Kontrolle des Virus und zur Wiederbelebung der Wirtschaft bekannt wurde, sagt, dass Chinas Ansatz wahrscheinlich dazu beitragen wird, Ausbrüche zu finden und zu beseitigen. Die Frage ist nur, wie lange China diese Strategie verfolgen wird, denn das Virus wird nie ganz verschwinden."

"Es kann auf jeden Fall helfen, Omicron frühzeitig zu erkennen, vor allem, wenn jeder alle zwei Tage einen Test machen muss", so Professor Mina, der jetzt Chief Science Officer bei eMed ist, einem Unternehmen, das Covid-Tests für zu Hause und telemedizinische Dienste anbietet. Die Stände werden PCR-Tests anbieten, die eine gewisse Zeit für die Verarbeitung benötigen. Sie gelten als zuverlässiger als Antigen-Schnelltests, die innerhalb von Minuten Ergebnisse liefern.

Das Festhalten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt an seiner Null-Covid-Strategie auf absehbare Zeit ist eine Bedrohung für die Weltwirtschaft insgesamt, da viele globalen Lieferketten über China laufen. Mitte Mai forderte der oberste Gesundheitsbeamter, Ma Xiaowei, die Behörden in den Provinzhauptstädten und Großstädten auf, Teststellen einzurichten. Das Land werde auch "ständige" Covid-Krankenhäuser einrichten, sagte Ma in einem Artikel, der in der Zeitschrift Qiushi der Kommunistischen Partei veröffentlicht wurde.

Nach Berechnungen der Ökonomen von Goldman Sachs entsprechen allein die auf 200 Milliarden Yuan (28 Milliarden Euro) geschätzten Kosten der Bemühungen im Corona-Kampf in etwa dem Bruttoinlandsprodukt Estlands. Das entspricht nur 0,2 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung im Jahr 2021, könnte aber auf 1,8 Prozent ansteigen, wenn auch kleinere Städte dem Beispiel folgen und 70 Prozent der Bevölkerung alle 48 Stunden getestet werden, schätzen die Analysten von Nomura.

Zhiwei Zhang, Chefökonom bei Pinpoint Asset Management hofft, dass es sich bei den Massentests in allen Großstädten nicht um eine dauerhafte Ergänzung zur chinesischen Lebensweise handeln wird. "Hoffentlich ist dies eine vorübergehende politische Maßnahme", zitiert ihn Bloomberg. "China muss einen Ausweg finden, sonst werden die wirtschaftlichen Kosten sowohl für die Regierung als auch für die Haushalte und Unternehmen zu hoch sein."

Es ist unklar, ob kleinere Städte überhaupt in der Lage wären, die Kosten für die flächendeckenden Tests ohne Hilfe der Zentralregierung zu stemmen. Nach anfänglichen Spekulationen, dass Chinas staatlicher Krankenversicherungsfonds den Großteil der Kosten in Höhe von 3,6 Billionen Yuan übernehmen würde, erklärte die Nationale Gesundheitssicherheitsbehörde kürzlich, dass die lokalen Regierungen dafür aufkommen müssen. Einige Städte haben die Kosten gesenkt, indem sie die Testintervalle von zwei auf drei Tage ausgedehnt haben.

Chinesische Hersteller von Corona-Tests wie Wuhan Easydiagnosis Biomedicine und Dian Diagnostics Group haben aufgrund der weltweiten Nachfrage nach Tests starke Gewinne gemacht. Wenn andere Länder das Virus als nun endemisch anerkennen sollten, dann werden diese Unternehmen stärker von ihrem Heimatmarkt abhängig sein. "Sie werden sich mit den führenden Regierungseliten verbünden, die in Null-Covid eine wirksame und umfassende Kontrolle über die Gesellschaft sehen", sagt Huang Yanzhong vom Council on Foreign Relations in New York.

Die Null-Covid-Strategie bringt auch gesundheitliche Risiken mit sich. Denn weil das Virus in China nicht zirkuliert, um eine natürliche Immunität zu schaffen, sind die Menschen dort besonders anfällig, insbesondere für neue Varianten. "Ich bin sehr, sehr besorgt über China", sagt Harvard-Professor Mina. "Diese Politik bringt China in eine wirklich gefährliche Lage. Es ist im Grunde genommen ein trockenes Anzündholz, das sich jederzeit entzünden kann, wenn es Fälle gibt."

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