Deutschland

Ende der EEG-Umlage: Warum Sie noch heute Ihren Strom ablesen sollten

Es sollte einmal ein großer Entlastungsschritt werden. Doch die Abschaffung der Ökostrom-Umlage reicht aus Sicht von Experten nicht aus, um die Preisanstiege an den Energiemärkten abzufedern. Trotzdem raten Experten, noch heute oder morgen den Stromzählerstand abzulesen.
30.06.2022 16:39
Aktualisiert: 30.06.2022 16:39
Lesezeit: 3 min
Ende der EEG-Umlage: Warum Sie noch heute Ihren Strom ablesen sollten
Die Abschaffung der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat der Bund bisher zum 1. Januar 2023 geplant, die Ampelkoalition zieht diesen Schritt aufgrund der hohen Energiepreise auf den 1. Juli vor. (Foto: dpa) Foto: Philipp von Ditfurth

Sie steht fast ein wenig im Schatten der Gaskrise: die Abschaffung der EEG-Umlage. Von Freitag (1. Juli) an müssen Stromkunden die Förderung des Ökostroms nicht mehr über die Stromrechnung zahlen. Die Bundesregierung spricht von einer erheblichen Entlastung. Experten sagen: Den starken Anstieg der Energiekosten mildert das nur geringfügig. Längst gibt es eine Debatte darüber, wie Bürgerinnen und Bürger stärker entlastet werden könnten und wie Energie gespart werden soll. Und was passiert, wenn Russland den Gashahn bald völlig abdrehen sollte und die Preise weiter explodieren?

Die Umlage über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wurde im Jahr 2000 eingeführt, um die Förderung von Wind- oder Solaranlagen zu finanzieren. Bisher beträgt sie 3,72 Cent pro Kilowattstunde. Eigentlich sollte die Umlage erst Anfang 2023 abgeschafft werden, die Koalition zog dies aber wegen der rasant gestiegenen Energiekosten vor. Das soll Verbraucher entlasten sowie Firmen, die bisher die volle Umlage zahlen – stromkostenintensive Firmen müssen nur eine reduzierte Umlage zahlen. Damit die Absenkung der Umlage von den Energieversorgern an die Verbraucher weitergeben wird, gibt es gesetzliche Vorgaben.

Tropfen auf den heißen Stein

Doch was bringt die Abschaffung nun unterm Strich? „Leider ist die mit dem Ende der EEG-Umlage verbundene Senkung der Strompreise um 3,7 Cent zum 1. Juli angesichts der derzeitigen Entwicklungen an den Energiemärkten kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die Preise im Stromgroßhandel seien in den vergangenen eineinhalb Jahren extrem gestiegen, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine verschärfe die Situation weiter.

„Je länger das Preisniveau so hoch bleibt, desto weniger können Energieversorger die Kostenanstiege durch vorausschauende Beschaffung ausgleichen und desto stärker schlagen sie sich in den Verbraucherpreisen nieder. Die Abschaffung der EEG-Umlage allein kann das nicht abfedern“, so Andreae.

Die Abschaffung der EEG-Umlage entlastet die privaten Haushalte in diesen schwierigen Zeiten zumindest ein Stück weit, zumal die Mehrwertsteuer anteilig sinke, sagte Thomas Engelke, Energieexperte im Verbraucherzentrale Bundesverband. Für einen Haushalt mit einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunde pro Jahr verringere sich die Stromrechnung um 154 Euro pro Jahr oder um 77 Euro für das zweite Halbjahr 2022. „Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Stromanbieter nach der EEG-Abschaffung trotzdem den Strompreis erhöhen. Seriös wäre es aber nicht, wenn Anbieter dies kurz nach der Abschaffung der EEG-Umlage tun würden.“

An der Börse hätten sich die Strompreise durch steigende Kohle-, Gas- und CO2-Preise erhöht, fossile Energien machten den Strom teuer, sagte die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Stromunternehmen werden diese Preissteigerungen überproportional weitergeben, so dass die Absenkung der EEG-Umlage lediglich dazu führen wird, dass die Strompreise weniger stark steigen werden.“ Nur ein schnellerer Ausbau der erneuerbaren Energien wirke strompreissenkend.

Mittel- bis langfristig wirke das Aus der EEG-Umlage allenfalls preisdämpfend, denn die Strompreise befänden sich seit Herbst letzten Jahres im kontinuierlichen Aufwärtstrend, so Thorsten Storck, Energieexperte beim Vergleichsportal Verivox. „Spätestens zum Jahreswechsel rechnen wir erneut mit flächendeckenden Strompreiserhöhungen für Millionen Haushalte.“

Weitere staatliche Maßnahmen könnten den Preisanstieg vollständig abfangen – nämlich eine Senkung der Stromsteuer und eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Strom und Gas, so Steffen Suttner, Geschäftsführer Energie beim Vergleichsportal Check24.

Das würde Milliarden kosten. Im kommenden Jahr aber soll die im Grundgesetz verankerte und in Pandemiezeiten ausgesetzte Schuldenbremse wieder eingehalten werden, darauf pocht vor allem Finanzminister Christian Lindner (FDP). Im Ministerium hieß es, die Spielräume im Haushalt seien auch wegen höherer Zinslasten des Bundes enger geworden.

Lesen Sie Ihren Strom ab!

Die Brandenburger Verbraucherzentrale rät dazu, am Donnerstag oder Freitag den aktuellen Stromzählerstand abzulesen. Das gelte insbesondere für Kunden, deren Verbrauch stark schwankt, weil sie mit ihrem Strom auch heizen, etwa mittels Wärmepumpe oder Nachtspeicherheizung.

„Die EEG-Umlage beträgt jetzt 3,7 Cent“, sagt Energieexperte Joshua Jahn gegenüber dem rbb. Verbraucher würden mit ihrem Wegfallen nicht nur die EEG-Umlage sparen, sondern auch die Mehrwertsteuer. „Also man spart 4,43 Cent. In einem Singlehaushalt sind Einsparungen von 50 Euro jährlich möglich und bei einem Vier-Personen-Haushalt spart man bis zu 300 Euro“, so Jahn.

Wenn Verbraucher ihren aktuellen Zählerstand am Donnerstag oder Freitag ihrem Stromverbraucher melden, stellen sie Jahn zufolge sicher, ab Juli tatsächlich weniger für ihren Strom zu bezahlen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kaffeepreis: Neue EU-Regeln könnten Kaffee drastisch verteuern
02.09.2026

Bis zu 332 Prozent mehr für Kaffee: Ein EU-Szenario zeichnet ein drastisches Bild für Europas Kaffeetrinker. Doch während neue...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Globaler Anleiheausverkauf drückt US-Aktien ins Minus
01.09.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Wall Street belasten und warum Tech-Aktien jetzt besonders im Fokus stehen.

DWN
Unternehmen
Unternehmen EU-Regel zwingt Ritter Sport zum Überkleben
01.09.2026

Wegen neuer EU-Vorgaben muss Ritter Sport alte Verpackungen mit Stickern überkleben. Was sich für Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt...

DWN
Politik
Politik Europa unter Druck: Experte warnt vor gefährlicher Doppelkonfrontation
01.09.2026

Europa gerät von mehreren Seiten gleichzeitig unter Druck. China verschärft den Handelskonflikt, Russland könnte den Krieg weiter...

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter in Angst: Die Furcht vor dem Wohnungsverlust
01.09.2026

Die Wohnkosten steigen, und immer mehr Mieter fürchten, ihre Wohnung bald nicht mehr bezahlen zu können. Der Mieterbund fordert...

DWN
Technologie
Technologie China: Solar schlägt Kohle, doch Ausbau verliert an Tempo
01.09.2026

China ist Weltmeister beim Ausbau der Solarenergie. Doch das Land gilt zugleich als großer Klimasünder und will nicht von der Kohle...

DWN
Politik
Politik Berichte: Regierung sieht Russland hinter Drohnen-Vorfall
01.09.2026

Der Verdacht wiegt schwer: Die Bundesregierung macht offenbar einen russischen Geheimdienst für den versuchten Drohnenanschlag am...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Möbelbranche kämpft weiter gegen die Flaute
01.09.2026

Die Deutschen halten sich beim Möbelkauf zurück – und bringen eine ganze Branche in Bedrängnis. Steigende Kosten, sinkende Umsätze...