Wirtschaft

Die selbsterfüllende nächste Rezession – und ihre Parallelen zur „großen Depression“

Die Stimmungslage unter den Verbrauchern ist so niedrig wie noch nie. Ein Wirtschaftsabschwung ist nicht mehr aufzuhalten – es droht sogar eine schlimme Depression wie in den 1930er-Jahren.
03.07.2022 10:18
Aktualisiert: 03.07.2022 10:18
Lesezeit: 3 min
Die selbsterfüllende nächste Rezession – und ihre Parallelen zur „großen Depression“
Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen; eine große Rezession ist kaum mehr aufzuhalten. (Foto: Pixabay)

Die Stimmung unter den deutschen Verbrauchern ist so katastrophal, dass sich eine große Rezession nicht mehr aufhalten zu lassen scheint. Der GfK Konsumklima-Index ist mit minus 27,4 Punkten auf einem traurigen Rekordtief – seit Beginn der Datenerhebung (1991) war das Konsumklima noch nie so schlecht. Nicht einmal in der Finanzkrise oder der Coronakrise zeigten sich Verbraucher laut GfK so verunsichert wie jetzt.

Über dem großen Teich ist es genauso. Das von der Universität Michigan ermittelte Verbrauchervertrauen ist auf dem tiefsten Stand aller Zeiten und sogar noch tiefer als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Aus der Umfrage geht auch hervor, dass die US-Konsumenten für langlebige Wirtschaftsgüter so wenig Geld ausgeben wie noch nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1978.

Das Geschäftsklima bei den Firmen ist ebenfalls eingebrochen. Reihenweise müssen Geschäftserwartungen für die Zukunft nach unten revidiert werden und auch Investoren und Anleger sind alles andere als optimistisch für die Konjunktur, wie sich am nunmehr seit sechs Monaten anhaltenden Bärenmarkt bei Aktien zeigt. J.P. Morgan, eine der mächtigsten Banken der Welt, warnt vor stürmischen Zeiten. Bei einer derart negativen Stimmung wie aktuell ist eine Rezession so gut wie sicher. Wirklich kontrovers ist diese Aussage nicht mehr. Beispielsweise rechnet die Berenberg Bank für die Eurozone ab dem viertel Quartal 2022 mit einem negativen Wachstum und auch in den USA soll nach Ansicht der Analysten ab 2023 die Wirtschaft schrumpfen.

Kurzum: Die Rezessionsangst geht um und hat alle Schichten der Bevölkerung erfasst – vom einfachen Arbeiter bis zum Vorstand der Großbank. Da können Regierungen und Zentralbanken noch so viele Maßnahmen ergreifen. Nahezu täglich sehen Bürger anhand der Supermarktpreise ihre Kaufkraft schwinden und Hamsterkäufe sind zurzeit ein regelmäßiges Phänomen Das Stichwort „Rezession“ wird bei Google mittlerweile häufiger gesucht als zum wirtschaftlichen Tiefpunkt der Coronakrise. Wenn der Wirtschaftsabschwung in den Köpfen der Menschen verankert, die Rezession psychologisch also schon längst da ist, dann befeuert das rezessive Tendenzen und die Wirtschaft wird tatsächlich schrumpfen.

Denn was passiert, wenn die Masse der Menschen Angst vor einer Rezession hat? Sie wird sparsamer und gibt weniger oder gar kein Geld mehr für Dinge aus, die über den täglichen Bedarf hinausgehen. Die Zukunftserwartungen der Entscheider sind dann äußerst schlecht. Banken werden weniger und restriktivere Kredite vergeben, Unternehmen ihre Investitionen drosseln und Werbebudgets zurückfahren. Für die Wirtschaft hat das eine potentiell fatale Abwärtsspirale zur Folge.

Eine sich selbst erfüllende Depression?

Eine Rezession definiert einen erheblichen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, der wenige Monate bis hin zu mehreren Jahren andauert. Wenn der Wirtschaftseinbruch besonders drastisch ist, spricht man von einer Depression. Während einer Rezession/ Depression schrumpft die gesamte Wirtschaftsleistung eines Landes, die Arbeitslosigkeit steigt erheblich, Unternehmen machen weniger Umsatz und Gewinn, die Realeinkommen der Verbraucher sinken.

Große Angst vor einer Rezession kann zu einer fatalen selbsterfüllenden Prophezeiung mutieren, gerade wenn das Umfeld (Inflation, Energiekrise, Ukrainekrieg, Rohstoff-Knappheiten) so fragil ist wie derzeit. Dazu muss man ergänzen, dass in aller Regel die Masse erst dann Angst vor einem starken Wirtschaftsabschwung bekommt, wenn schon zahlreiche andere Indikatoren auf negative wirtschaftliche Aussichten hindeuten. Trotzdem ist die große Rezessionsangst ein Brandbeschleuniger der Rezession selbst.

Das einprägsamste Beispiel für eine solche selbsterfüllende Negativspirale ist die große Depression der 1930er-Jahre in den USA. Es begann als Bilanzrezession infolge eines katastrophalen Börsen-Einbruchs (schwarzer Freitag), weitete sich jedoch zu einer fatalen Depression aus. Ein wesentlicher Faktor war eine verheerend schlechte Stimmung unter den Verbrauchern – die Depression war zuerst psychologisch und dann erst wirtschaftlich. Heute sind die Zeiten etwas anders. Die aktuell drohende Rezession würde sich in einem inflationären Umfeld entfalten, während die große Depression deflationär war. Vor 90 Jahren gab es keine Geldgeschenke des Staates und die sozialen Sicherungssysteme sicherten maximal das Existenzminimum. Die Nachfrage kollabierte damals noch stärker als das Angebot.

Hingegen ist die Gesamtsituation heute ähnlich fragil. Womöglich ist es sogar noch schlimmer, weil das rezessive Umfeld mit hohen Inflationsraten (ergo: Margendruck bei den Unternehmen und inhärent sinkende Konsumenten-Nachfrage) sowie einer restriktiveren Geldpolitik einhergeht und außerdem der globale Schuldenturm deutlich wackeliger und damit deutlich anfälliger für Zinserhöhungen ist als vor 90 Jahren. Ein gigantisches „Deleveraging“ (bilanzieller Schuldenabbau) könnte die Abwärtsspirale in völlig neue Dimensionen heben. Bleibt also zu hoffen, dass die Rezession diesmal nicht in eine verheerende Depression übergeht.

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