Politik

Russlands Rüstungsindustrie kaum von Sanktionen des Westens betroffen

Bei den Sanktionen gegen Russland scheint der Westen große Teile der russischen Rüstungsindustrie und vor allem deren Chefs und Eigner vergessen zu haben.
02.07.2022 11:29
Aktualisiert: 02.07.2022 11:29
Lesezeit: 3 min
Russlands Rüstungsindustrie kaum von Sanktionen des Westens betroffen
Eine russische Soldatin blickt durch ein Scharfschützenzielfernrohr. Viele Hersteller von Waffen und Munition fehlen auf den Sanktionslisten. (Foto: dpa) Foto: -

Gut vier Monate nach Beginn der Angriffe auf die Ukraine sind nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters zentrale Figuren der russischen Rüstungsindustrie noch nicht Ziel westlicher Sanktionen.

Dazu gehört auch der Eigner des Kalaschnikow-Konzerns, seines Zeichens Originalhersteller der gleichnamigen Gewehre. Das Unternehmen steht nach eigenen Angaben für fast die gesamte russische Produktion von Maschinen- und Scharfschützengewehren, Pistolen und anderen Handfeuerwaffen. Die USA, die EU und Großbritannien haben zwar Sanktionen gegen den Konzern verhängt, gegen den mit einem Anteil von 75 Prozent größten Aktionär Alan Luschnikow bisher aber nicht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Produzenten von Kalibr-Raketen, die laut dem Verteidigungsministerium in Moskau in der Ukraine bei Angriffen auf militärische Ziele zum Einsatz kommen. Gegen das Unternehmen Almas-Antej haben die Amerikaner und die Europäer Strafmaßnahmen erlassen, Konzernchef Jan Nowikow bleibt aber außen vor. Von den genannten Unternehmen und Geschäftsleuten waren keine Stellungnahmen zu erhalten.

Mit Sanktionen gegen Unternehmen sollen deren Geschäfte durch fehlende Kunden und Bauteile aus dem Ausland erschwert werden, Strafmaßnahmen gegen Personen hinter den Konzernen gehen einen Schritt weiter: Die Unternehmer können selbst nicht mehr in bestimmte Länder reisen, die dortigen Behörden dafür aber ihre Villen, Yachten und andere Vermögenswerte beschlagnahmen.

"Sie bekommen es sehr persönlich zu spüren", sagt Max Bergmann, Direktor des Europa-Programms beim Washingtoner "Center for Strategic and International Studies", mit Blick auf sanktionierte Einzelpersonen. Man schaffe so im Dunstkreis des Kreml eine ganze Klasse verärgerter Menschen. "Man zeigt, dass es seinen Preis hat, ein Kollaborateur des Regimes zu sein."

RUSSLAND: "FRAGEN SIE DEN WESTEN NACH KONSISTENZ UND LOGIK"

Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnet das Vorgehen in der Ukraine als eine "militärische Spezialoperation", mit der die benachbarte Ex-Sowjetrepublik entmilitarisiert und "entnazifiziert" werden soll. Zu den wegen des Angriffs auf die Ukraine vom Westen verhängten Strafmaßnahmen erklärte das Moskauer Präsidialamt, "die Konsistenz und die Logik von Sanktionen, wie auch die Rechtmäßigkeit solcher Einschränkungen, ist eine Frage, die den Staaten direkt gestellt werden sollte, die sie (die Strafmaßnahmen) verhängen".

Die EU-Kommission und das US-Finanzministerium wollten sich zu den Recherche-Ergebnissen nicht direkt äußern, verteidigten aber die geltenden Sanktionen als wirksam. Bei den Bemühungen um Stellungnahmen übermittelte die Nachrichtenagentur Reuters den zuständigen Behörden vor einiger Zeit eine detaillierte Liste mit mehr als 20 Unternehmen und über drei Dutzend Vertretern der russischen Rüstungsindustrie, die nicht sanktioniert waren.

Parallel zum G7-Gipfel im bayerischen Schloss Elmau verkündeten die USA am Dienstag neue Sanktionen, darunter gegen acht der Waffenhersteller und zwei der Manager auf der Reuters-Liste. Dazu gehört die Nummer zwei des Industrie- und Rüstungsriesen Rostec, Wladimir Artjakow. Auch der Hersteller von Tupolew-Kampfflugzeugen kam neu auf die US-Sanktionsliste. Von der EU und Großbritannien werden der Manager und das Unternehmen weiter verschont.

SCHWARZE LISTEN MIT LÜCKEN

Die EU-Kommission erklärte am 10. Juni, man bemühe sich um eine Übereinstimmung der Sanktionslisten, soweit dies rechtlich möglich sei. Weitere Strafmaßnahmen könnten folgen, wenn der EU ausreichend Beweise vorlägen. Bei verschiedensten Rüstungsunternehmen, die unter anderem auch Artillerie herstellen, gibt es Unterschiede zwischen den schwarzen Listen der westlichen Verbündeten.

Mindestens 14 russische Rüstungsbetriebe, darunter mehrere Munitionshersteller, werden laut den Reuters-Recherchen weder von der EU, noch den USA oder Großbritannien sanktioniert.

Doch selbst bei international geächteten Waffen herrscht unter den Nato-Partnern keine Einigkeit. Nach Angaben der UN und der Ukraine setzte Russland am 24. März Raketenwerfersysteme des Typs Uragan (Hurrikan) ein, um Streubomben auf Charkiw abzufeuern. Acht Zivilisten starben, 15 weitere wurden verletzt. Das Unternehmen, das Uragan produziert, ist von den USA mit Sanktionen belegt, nicht aber von der EU und Großbritannien. Gegen Konzernchef Alexander Smirnow gibt es keinerlei Strafmaßnahmen. Die Firma und ihr Chef waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

AIRBUS-ZULIEFERER NICHT AUF DER LISTE - "DILEMMA"

Ebenfalls auf keiner westlichen Sanktionsliste findet sich das Unternehmen VSMPO-Avisma. Dabei handelt es sich um den weltgrößten Titan-Lieferanten, der auch Airbus zu seinen Kunden zählt und Tochterunternehmen in den USA, der Schweiz und Großbritannien hat. Bis März wurde auch noch Boeing beliefert, doch dann stoppte der Flugzeugbauer den Titan-Import aus Russland. Airbus ging nicht auf direkte Fragen zu den Geschäftsbeziehungen ein. Der Konzern erklärte aber in einer E-Mail, mögliche Sanktionen gegen russisches Titan würden die gesamte Luftfahrtindustrie in Europa massiv schädigen, Russland aber kaum.

Laut Experten würden Sanktionen zwar das Exportgeschäft von VSMPO treffen, aber gleichzeitig Luftfahrtgrößen zum Zuliefererwechsel zwingen, wenn sie keine Sanktionen gegen ihre eigenen Unternehmen riskieren wollen. "Das ist das klassische Sanktionsdilemma", sagt Richard Connolly, britischer Experte für die russische Rüstungsindustrie. "Wann man jemanden bestrafen will, bestraft man sich selbst."

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

DWN
Politik
Politik Grönland im Fokus der USA: Trump stellt Dänemark vor geopolitische Bewährungsprobe
16.01.2026

Die Spannungen zwischen den USA und Dänemark unter Präsident Trump verdeutlichen neue Bruchlinien im westlichen Bündnis. Wie belastbar...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Boom: Das sind die Gewinner und Verlierer an den Aktienmärkten
16.01.2026

Die Kräfteverhältnisse an den Börsen verschieben sich spürbar, weil KI-Investitionen, Währungseffekte und Branchenrisiken neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastung für Verbraucher: Niedrigere Energiepreise drücken Inflation unter Zwei-Prozent-Marke
16.01.2026

Die Preisentwicklung in Deutschland hat sich im Dezember weiter abgeschwächt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sorgten vor allem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardenübernahme in der Stahlbranche: US-Konzern greift nach Klöckner & Co
16.01.2026

In der Stahlindustrie bahnt sich ein milliardenschwerer Deal an: Worthington Steel aus den USA will Klöckner & Co für elf Euro je Aktie...

DWN
Politik
Politik Förderung Elektroautos: Regierung vertagt Details zur neuen E-Auto Prämie 2026
16.01.2026

Wer auf eine baldige Klarheit zur neuen Kaufprämie für Elektroautos gehofft hat, muss sich weiter gedulden. Bundesumweltminister Carsten...

DWN
Technologie
Technologie 2025 baute Deutschland fast 1.000 neue Windräder an Land
16.01.2026

Windräder an Land sind vor Ort oft umstritten, sollen aber eine zentrale Rolle bei der Energiewende spielen. Der Ausbau nahm 2025 deutlich...

DWN
Politik
Politik EU-Sanktionen gegen Russland: Europas Durchsetzungskraft auf dem Prüfstand
16.01.2026

Die europäische Sanktionspolitik gegen Russland gerät zunehmend unter rechtlichen und finanziellen Druck. Gefährden Klagen russischer...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: TSMC sorgte für Zuversicht an der Wall Street und trieb die Aktienkurse nach oben
16.01.2026

Die US-Aktienmärkte bewegten sich am Donnerstag nach oben, als die aktuellen Ergebnisse des Chipherstellers TSMC die Investoren beruhigten...