Unternehmen

Der Milchmarkt: Die Preisschwankungen könnten eine Zeitenwende einläuten

Trotz überschüssiger Milch sind die Milchpreise erstmals seit zehn Jahren deutlich angestiegen.
Autor
07.07.2022 10:36
Lesezeit: 2 min
Der Milchmarkt: Die Preisschwankungen könnten eine Zeitenwende einläuten
Für ein Kilogramm Milch bekommen die Bauern derzeit rund 50 Cent. (Foto: dpa) Foto: Carsten Rehder

Eine Zeitenwende oder doch nur ein laues Lüftchen: Die Tage scheinen vorerst vorbei zu sein, in denen die Bauern aus Protest gegen zu niedrige Milchpreise tausende Liter auf die Straße und Äcker kippten.

Zwar gibt es immer noch überschüssige Mengen an Milch“, sagt Berit Thomsen, Pressesprecherin bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gegenüber den DWN, „jedoch sind die Milchmengen leicht rückläufig.“ Es reichten bereits kleinste Veränderungen in der Milchmenge von ein bis drei Prozent aus, um kurzfristig große Preisschwankungen auf dem Milchmarkt auszulösen. „Grundsätzlich aber geht das in die richtige Richtung“, so Thomsen weiter, „erfreulicherweise sind die Preise auch bei den Höfen angekommen“.

„Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit“, meint Dr. Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des Verbandes der Milcherzeuger Bayerns, gegenüber den DWN. Es stimme zwar, dass das frische Gut Milch äußerst sensibel auf Marktveränderungen reagiert. Unter anderem auch deshalb, weil es ein verderbliches Gut ist, und anders als Rohstoffe wie Zucker, Gemüse oder Obst, sofort verarbeitet werden muss. Jedoch sei es nicht mehr als ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Das frische Gut Milch, die Corona-Krise und der Ukraine-Konflikt

Denn: „Den Milcherzeugern wären die Lichter ausgegangen, wenn der Milchpreis zuletzt nicht so explodiert wäre. Konkret bekamen die Erzeuger im Mai dieses Jahres rund 50 Cent pro kg Milch. Im Vorjahr waren es zur gleichen Zeit nur rund 35 Cent. Ökologisch erzeugte Milch stieg innerhalb eines Jahres von rund 49 Cent auf immerhin 55,2 Cent pro Liter.

Die Gründe sind vielfältig. Und sie hängen in erster Linie mit der Corona-Krise und mit dem Ukraine-Konflikt zusammen. Um es auf den Punkt zu bringen: „Die Betriebsmittelpreise sind exorbitant gestiegen. Dazu zählen vor allem der Strompreis, sowie die Preissteigerungen in den Bereichen der Futtermittel, Düngemittel und Treibstoffe,“ so Seufferlein. Zudem hat ein sinkender Einsatz von Futtermittel eine geringere Ausbeute zur Folge. Abgesehen davon, sei die Milchproduktion in Ländern wie Deutschland, Frankreich und den Niederlanden schon seit rund vier Jahren rückläufig.

„Die Zukunft“, so Seufferlein, „ist noch von Unsicherheit geprägt, ohne dass sich eine klare Tendenz abzeichnet“. Allerdings ist die Anzahl der Milchviehhalter im gesamten Bundesgebiet innerhalb eines Jahres um weitere 3,9 Prozent und damit um 2.151 Betriebe zurückgegangen.

Zahlen zur deutschen Milchwirtschaft

„Insgesamt“, so Dr. Björn Börgermann, Geschäftsführer des Milch-Industrie-Verbandes (MIV) gegenüber den DWN, „wurden in Deutschland im Jahr 2021 rund 32 Millionen Tonnen Milch produziert. Davon gingen rund 50 Prozent in verarbeiteter Form in den Export.“ Der Trinkmilch-Verbrauch pro Kopf betrug hingegen 47 kg. Damit sank der Verbrauch um 4,4 Prozent und lag damit auf den niedrigsten Wert seit 1991.

Mit 24.644 Milchkuhhaltern ist Bayern weiterhin Spitzenreiter im gesamten Bundesgebiet, obwohl sich auch im südlichsten Bundesgebiet der Republik die Anzahl der Halter um 4,3 Prozent verringert hat. Aber auch Baden-Württemberg und Thüringen verzeichnen mit jeweils 4,8 Prozent und 4,4 Prozent einen hohen Rückgang der Mich-Viehhalter.

Die Zahl der Milchkühe hat sich ebenfalls im Vergleich zum Vorjahr verringert. Während im Mai 2021 noch 3.891.509 Kühe die deutschen Weiden bevölkerten, waren es in diesem Jahr nur noch 3.817.321 Kühe. Die größten Rückgänge verzeichneten Sachsen-Anhalt mit minus 4 Prozent, und Thüringen mit minus 5,1 Prozent.

Die durchschnittliche Herdengröße je Bauer hingegen beträgt in Deutschland 71 Kühe. Dabei haben Bauern im Berliner Umland mit durchschnittlich 19 Kühe den kleinsten Viehbestand, in Mecklenburg-Vorpommern ist er mit 244 Kühe am höchsten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Nach Angriff auf Diego Garcia: Könnten iranische Raketen inzwischen Europa erreichen?
29.03.2026

Der mutmaßliche Angriff iranischer Raketen auf Diego Garcia wirft neue Fragen zur militärischen Reichweite Teherans auf. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie: Warum die Führung zurücktrat und welche Rolle die Stiftung spielte
29.03.2026

Ein Machtkampf in der Führungsebene von Novo Nordisk hat das Unternehmen und die Novo Nordisk-Aktie in eine tiefe Governance-Krise...

DWN
Panorama
Panorama Spanien im Wandel: Vom Klischee zum Vorreiter beim Frauenschutz
29.03.2026

Spanien steht oft im Ruf eines klassischen Macho-Landes. Doch aktuelle Zahlen und konsequente Maßnahmen zeichnen ein anderes Bild....

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter verstorben: Was passiert mit dem Mietvertrag nach einem Todesfall?
29.03.2026

Der Tod eines Mieters wirft für Hinterbliebene oft viele Fragen auf: Darf man in der Wohnung bleiben, wenn der Vertrag nur auf den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit: Hinter verschlossenen Türen wächst die Angst
29.03.2026

Europa galt lange als stabiler Wirtschaftsraum mit klaren Regeln und berechenbaren Märkten. Doch hinter den Kulissen wächst die Sorge,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Iran-Krieg verschiebt Kräfteverhältnisse am Himmel: Europäische Airlines profitieren – wie lange noch?
29.03.2026

Stillgelegte Flughäfen, steigende Ticketpreise und neue Flugrouten: Der Iran-Krieg verändert die Dynamik im globalen Luftverkehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biotech-Strategie: Warum Gubra bewusst auf spätere Deals setzt
29.03.2026

Ein Biotech-Unternehmen stellt seine Strategie radikal um und geht bewusst höhere Risiken ein. Gubra will Wirkstoffe länger selbst...

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? Die Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
28.03.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...