Wirtschaft

Sanktionen gehen nach hinten los: Russland fordert Rubel jetzt auch für LNG

Nachdem Russland von „unfreundlichen“ Staaten bereits Rubel für sein Pipeline-Gas erhält, soll die Regelung nun auch auf LNG und andere Rohstoffe ausgeweitet werden.
Autor
10.07.2022 09:07
Aktualisiert: 10.07.2022 09:07
Lesezeit: 3 min
Sanktionen gehen nach hinten los: Russland fordert Rubel jetzt auch für LNG
Gazprom will das Rubel-Bezahlschema auf LNG ausweiten, und weitere Rohstoffe aus Russland könnten folgen. (Foto: iStock.com/Bill Chizek) Foto: Bill Chizek

Gazprom schlägt vor, die Rubel-für-Gas-Regelung auch auf verflüssigtes Erdgas (LNG) auszuweiten, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtet. Der Vorschlag kommt von Kiril Polous, der bei Gazprom für die langfristigen Entwicklungsprogramme verantwortlich ist. Der hochrangige Manager sprach am Montag auf einer Sitzung des Energieausschusses in der Duma, wo die russische Energiestrategie bis 2050 diskutiert wurde.

Der Vorstoß von Gazprom kommt nur wenige Tage, nachdem der russische Staat letzte Woche die volle Kontrolle über das LNG-Projekt Sakhalin-2 übernommen hat. Präsident Wladimir Putin hatte per Dekret verfügt, dass ein neu zu gründendes staatliches russisches Unternehmen die Rechte und Pflichten des Gemeinschaftsunternehmens Sakhalin Energy Investment übernehmen wird, das das Öl- und Gasprojekt Sakhalin-2 betreibt. Dies könnte bedeuten, dass der Energiekonzern Shell sowie die japanischen Unternehmen Mitsui und Mitsubishi aus dem Projekt aussteigen müssen.

Dieser Schritt sorgt für zusätzliche Verunsicherung auf dem ohnehin schon angespannten LNG-Mark, auch wenn Russland sagt, dass es keinen Grund für einen Stopp der Lieferungen aus Sakhalin-2 sieht. Japan importiert 10 Prozent seines Flüssiggases aus Russland, hauptsächlich im Rahmen langfristiger Verträge mit Sachalin-2.

Risiken für ausländische Unternehmen

Die staatliche Übernahme von Sakhalin-2 erhöht auch die Risiken für andere westliche Unternehmen, die noch in Russland tätig sind. "Das russische Dekret enteignet faktisch die ausländischen Anteile an der Sakhalin Energy Investment Company und stellt eine weitere Eskalation der anhaltenden Spannungen dar", zitiert Reuters Lucy Cullen, Chefanalystin der Beratungsfirma Wood Mackenzie.

Viele westliche Unternehmen haben sich längst aus Russland zurückgezogen. Aber Putins jüngster Schritt macht den ohnehin schon komplizierten Prozess für diejenigen, die sich zurückziehen wollen, noch komplizierter. Moskau wird in Kürze ein Gesetz verabschieden, dass dem Staat die Möglichkeit gibt, Vermögenswerte westlicher Firmen zu beschlagnahmen, die Russland verlassen wollen.

Shell hat bereits vor einigen Monaten seinen Ausstieg aus Sakhalin-2 angekündigt und sucht seitdem nach Käufern für seinen Anteil an dem LNG-Projekt. Einige Analysten erwarten, dass der Ausstieg der westlichen Partner zu einer Verknappung des LNG-Angebots führen wird, da es den Russen angeblich an Know-how und an Teilen fehlt. Gleichzeitig würde der Verkauf des Gases aufgrund der staatlichen Kontrolle über das Projekt schwieriger werden, sagt Saul Kavonic von Credit Suisse.

Russland betreibt bereits das Rubel-für-Gas-Zahlungssystem für das Erdgas, das es über Pipelines nach Europa liefert. Zudem hat Gazprom seine Gaslieferungen an jene Länder und Unternehmen gestoppt, die sich dem Rubel-für-Gas-System verweigern. Dies sind Polen, Bulgarien, Finnland sowie verschiedene Kunden in den Niederlanden, Dänemark und Deutschland.

Viele europäische Unternehmen haben bei der Gazprombank Konten in Rubel eingerichtet, um der russischen Rubel-Forderung nachzukommen. Dennoch drosselte Gazprom Mitte Juni die Pipeline-Lieferungen nach Deutschland und Italien mit der Begründung, dass "technische Gründe" vorlägen und westliche Sanktionen die rechtzeitige Rückkehr einer in Kanada reparierten Gasturbine nach Russland verhinderten. Italiens Ministerpräsident Mario Draghi wies diese Erklärung zurück und bezeichnete die russischen Gründe für die reduzierten Lieferungen als "Lügen".

Angesichts der geringen Lieferungen aus Russland und der zweiwöchigen Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 in diesem Monat bemüht sich Europa darum, die Gasspeicher rechtzeitig für den Winter zu füllen.

Das erklärte Ziel der westlichen Sanktionen, Russland Schaden zuzufügen, um das Land im Ukraine-Krieg unter Druck zu setzen, ist nicht nur verfehlt worden, sondern es ist längst sogar das Gegenteil eingetreten. Der russische Rubel ist in diesem Jahr zur weltweit stärksten Währung geworden. Zu Jahresbeginn musste man für einen Euro noch 85 Rubel zahlen, aktuell hingegen nur noch 64 Rubel.

Auf Russland entfallen etwa 8 Prozent des weltweiten LNG-Angebots, wobei der größte Teil davon in Asien verbraucht wird. In Europa ist Spanien einer der größten Abnehmer von russischem Flüssiggas.

Moskau könnte die Rubelregelung leicht auf weitere seiner massiven Rohstoffexporte ausweiten, darunter Öl, Getreide, Düngemittel, Kohle und Metalle. Eine Nutzung des Rubels für weitere Rohstoffgeschäfte würde den Wert der russischen Währung noch mehr steigern. Zudem bedeutet eine größere Menge an Rubeln, die auf den internationalen Märkten für den Kauf russischer Rohstoffe nachgefragt werden, auch eine Herausforderung für die Dominanz des Dollars im Welthandel.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Fracking in Deutschland: Rettung für die Industrie oder teurer Irrweg?
22.10.2026

Russland, der Iran-Krieg und ein unberechenbarer US-Präsident zeigen, wie verwundbar Deutschlands Energieversorgung ist – zugleich...

DWN
Politik
Politik Trumps Verrat wird weitergehen
22.10.2026

Trump nähert sich Putin an, während Russland seine Angriffe auf die Ukraine ausweitet und nach Darstellung des Autors sogar die NATO...

DWN
Politik
Politik Heizkosten-Schock in Polen: Droht deutschen Haushalten ein ähnlich teurer Winter?
22.10.2026

In Polen warnen Wohnungsgenossenschaften ihre Bewohner bereits vor hohen Heizkosten. In einzelnen Fällen verschlingt die Wärmeversorgung...

DWN
Technologie
Technologie Fitness-Tracking im Alltag: Warum wir ständig unsere Daten kontrollieren und welche Risiken lauern
22.10.2026

Schritte, Schlaf, Kalorien oder Trinkmenge: Apps und Wearables machen den eigenen Alltag messbar wie nie zuvor. Für viele vermittelt das...

DWN
Politik
Politik Schufa-Score vor dem BGH: Wie transparent muss die Berechnung sein?
22.10.2026

Der Schufa-Score kann darüber entscheiden, ob Verbraucher einen Kredit bekommen oder auf Rechnung einkaufen dürfen. Doch wie der wichtige...

DWN
Technologie
Technologie Enthüllt: Diese US-Techkonzerne wollten den Stromverbrauch ihrer Rechenzentren geheim halten
22.10.2026

Google und Microsoft wollten zentrale Angaben zum Stromverbrauch ihrer irischen Rechenzentren unter Verschluss halten. Die Umweltbehörde...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Aktien erhalten Auftrieb nach positivem Auftakt der Berichtssaison
21.10.2026

Neue Rekordhochs und überraschende Bilanzen: Erfahren Sie, welche Entwicklungen die US-Märkte aktuell beflügeln.

DWN
Finanzen
Finanzen Die Schuldenbombe unter der Motorhaube der KI tickt immer lauter. Wo könnte es zuerst krachen?
21.10.2026

Investoren zahlen immer höhere Preise für Schutz vor Zahlungsausfällen. Entscheidend wird sein, wer die Verluste trägt, falls die...