Finanzen

EZB-Anleiheprogramm sieht offenbar unbegrenzte Käufe vor

In der kommenden Woche will die EZB ein neues Instrument vorstellen, das den Zerfall der Eurozone verhindern soll. Es wird Ökonomen zufolge unbegrenzte Anleihekäufe ermöglichen.
Autor
15.07.2022 19:38
Aktualisiert: 15.07.2022 19:38
Lesezeit: 3 min

Die Europäische Zentralbank wird nächste Woche ein neues Instrument vorstellen, das als "Transmission Protection Mechanism" (deutsch: Transmissionsschutzmechanismus) bekannt ist. Ökonomen erwarten, dass das Instrument den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen ermöglichen wird, um die Verwerfungen auf den Märkten einzudämmen, die sich aus den von der EZB geplanten Zinserhöhungen ergeben werden.

Fast 80 Prozent der von Bloomberg befragte Ökonomen sagen voraus, dass das neue Instrument mit leichten Auflagen für jene Staaten verbunden sein wird, deren Anleihen die EZB im Rahmen des Instruments aufkaufen wird. Fast alle befragten Ökonomen erwarten, dass die durch die Anleihekäufe geschaffene Liquidität durch einen Sterilisierungsprozess wieder absorbiert werden soll.

Da sich die Inflation auf zweistellige Werte zubewegt, wird die EZB die Zinssätze nach dem Start am 21. Juli voraussichtlich schneller anheben werden als bisher erwartet. Die Ökonomen glauben jedoch, dass die EZB immer noch zu zögerlich strafft. Denn die US-Notenbank hat bereits im März mit der Straffung der Geldpolitik begonnen und erwägt nun für diesen Monat sogar einen historischen Zinsschritt um 100 Basispunkte.

Die EZB hatte lange Zeit behauptet, die erhöhte Inflation sei nur eine vorübergehende Erscheinung. Doch nachdem die Inflationsrate in der Eurozone im Mai auf ein neues Rekordniveau von 8,1 Prozent geklettert war, kündigte die Notenbank für den 21. Juli die erste Zinserhöhung seit 2011 an. Dann wird sie den Leitzins voraussichtlich von o auf 0,25 Prozent erhöhen.

Zudem peilt die EZB für ihr Zinstreffen im September einen zweiten Schritt nach oben an, der womöglich noch stärker ausfallen wird. Infolge dieser erwarteten Zinserhöhungen sind die Anleiherenditen der stärker verschuldeten Länder der Eurozone in die Höhe geschnellt, und die Notenbanker beschlossen, dass sie ein Instrument zur Zinssenkung brauchen, das parallel zur Zinserhöhung eingesetzt werden kann.

"Die Ausgestaltung des neuen Instruments wird dem EZB-Rat maximalen Ermessensspielraum lassen", sagte Kristian Tödtmann, Ökonom bei der Dekabank. Seiner Ansicht nach hoffen die Zentralbanker, dass die bloße Existenz eines solchen Instruments ausreicht, um Turbulenzen auf den Finanzmärkten zu vermeiden.

Zudem hoffen die Zentralbanker Tödtmann zufolge, dass die EZB nicht so häufig Staatsanleihen der Schuldenstaaten wird kaufen müssen, dass diese Käufe "den Vorwurf der monetären Finanzierung erhärten" würden. Denn wenn die Notenbank tatsächlich mit frisch gedrucktem Geld unbegrenzt Anleihen eines Staates kaufen würde, so wäre dies eine eigentlich nicht zulässige Staatsfinanzierung mit der Notenpresse.

Alle früheren Anleihekaufprogramme der EZB haben in Deutschland zu Klagen geführt, die jedoch letztlich allesamt beim Bundesverfassungsgericht gescheitert sind. Das wiederholte Einknicken der Karlsruher Richter hielt die EU-Kommission freilich nicht davon ab, ein Verfahren gegen Deutschland einzuleiten, weil das Verfassungsgerichts die EZB-Politik gegen die Kläger nicht hinreichend unterstützt habe.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel sagt, dass das neue Instrument der EZB nur in "außergewöhnlichen Umständen und unter eng definierten Bedingungen" eingesetzt werden sollte. Einige seiner Kollegen hoffen, dass Nettokäufe letztlich gar nicht notwendig sein werden, wenn das neue EZB-Instrument nur groß genug ist.

Denn bei der EZB hofft man, dass die geplante Bevorzugung der Staatsanleihen von Italien, Griechenland und anderen Schuldenstaaten bei den Reinvestition von fällig werdenden PEPP-Anleihen deren Anleiherenditen in Schach halten wird. Es geht der Notenbank darum, die Risikoaufschläge (Spreads) der Anleihen dieser südlichen Euro-Staaten zu begrenzen.

Fast zwei Drittel der befragten Ökonomen glauben nicht, dass die bloße Existenz des neuen Instrumentes ausreichen wird, um die Märkte zu beruhigen. Vielmehr gehen sie davon aus, dass die EZB das Instrument irgendwann tatsächlich einsetzen muss. Fast 90 Prozent von ihnen gehen sogar davon aus, dass der Umfang des Instruments unbegrenzt sein wird.

Die Ökonomen erwarten, dass der Einlagensatz in diesem Monat von derzeit minus 0,5 Prozent auf minus 0,25 angehoben wird und im September sogar auf plus 0,25 Prozent. Geschäftsbanken werden demnach also bald keinen Strafzins mehr auf ihre Guthaben bei der EZB zahlen müssen. Nach weiteren kleineren Anhebungen bei den folgenden Sitzungen bis März wird der Höchststand bei 1,25 Prozent erwartet.

Seit der EZB-Sitzung im Juni ist die Inflation erneut gestiegen, und der Euro ist zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten auf Parität zum Dollar gefallen. Ein schwächerer Euro könnte die Inflation weiter anheizen, während sich die Wirtschaft verlangsamt und die Unsicherheit im Hinblick auf Energielieferungen aus Russland zunimmt. Der Krieg in der Ukraine gilt den Ökonomen nach wie vor als das größte Risiko.

Die Ökonomen von TD Securities unter der Leitung von James Rossiter sind der Meinung, dass der Schwerpunkt weiterhin auf der Senkung der Inflation liegen wird. "Die EZB muss die Erwartung wecken, dass sie die Zinsen auch dann noch anheben wird, wenn die Eurozone in der zweiten Jahreshälfte in eine Rezession eintritt", so Rossiter.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen MiCA-Regeln greifen: Warum Krypto-Anleger ihre Börse jetzt überprüfen sollten
30.07.2026

Seit dem 1. Juli gelten in der EU deutlich strengere Regeln für Krypto-Dienstleister. Wer europäischen Kunden Kryptohandel, Verwahrung...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahn macht wieder Gewinn: Doch das Chaos bleibt
30.07.2026

Die Deutsche Bahn erzielt wieder einen Gewinn – doch der Erfolg täuscht über die größten Baustellen des Konzerns hinweg. Marode...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Analyse: Der Aktiencrash in Russland spiegelt die desolate Wirtschaftslage wider
30.07.2026

Während die Aktienkurse in weiten Teilen der Welt während des russischen Krieges gegen die Ukraine stark gestiegen sind, hat sich in...

DWN
Finanzen
Finanzen Adidas-Aktie: Ergebnis enttäuscht
30.07.2026

Die Adidas-Aktie gerät nach den Quartalszahlen massiv unter Druck, obwohl der Sportartikelhersteller seine Umsatzprognose anhebt. Höhere...

DWN
Politik
Politik Analyse: Ukraine bereit mit Superwaffe – kann den Kreml treffen
30.07.2026

Die Ukraine steht offenbar kurz vor der Fertigstellung einer eigenen ballistischen Langstreckenrakete. Die FP-9 könnte Moskau und andere...

DWN
Finanzen
Finanzen Shell-Aktie profitiert von hohen Öl- und Gaspreisen
30.07.2026

Der Iran-Krieg treibt die Energiepreise und beschert Shell Milliardenprofite. Die Shell-Aktie profitiert vom Boom – doch Anleger müssen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft wächst trotz Iran-Krieg
30.07.2026

Die deutsche Wirtschaft trotzt dem Iran-Krieg. Doch der erhoffte kräftige Aufschwung lässt weiter auf sich warten. Immerhin gibt es erste...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Gewinn bricht um mehr als ein Drittel ein
30.07.2026

Vor allem China belastet die Münchner. Die Zahlen für das zweite Quartal zeigen, warum der Autobauer Tausende Jobs abbauen will. Der neue...