Wirtschaft

Experten irren: Daten wiesen seit Längerem auf „Schwächeanfall“ der US-Wirtschaft hin

Amerikas Volkswirtschaft befindet sich in einer Rezession. Viele „Experten“ sind überrascht, obwohl sich der Abschwung deutlich angekündigt hatte.
31.07.2022 10:00
Lesezeit: 5 min
Experten irren: Daten wiesen seit Längerem auf „Schwächeanfall“ der US-Wirtschaft hin
Der New Yorker Ties Square im Jahr 2020 während einer Quarantäne. (Foto: dpa) Foto: Vanessa Carvalho

Die US-Wirtschaft hat ihre konjunkturelle Talfahrt im Frühjahr fortgesetzt und ist damit in eine Rezession abgerutscht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 0,9 Prozent zurück, wie das Handelsministerium am Donnerstag auf Basis einer ersten Schätzung mitteilte. Im ersten Jahresviertel war die Wirtschaftsleistung bereits um 1,6 Prozent gesunken. Die Wirtschaft ist damit in eine sogenannte technische Rezession abgerutscht - also zwei Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung in Folge.

Bemerkenswert ist, dass viele der von Nachrichtenagenturen befragten Ökonomen offenbar von der Entwicklung überrascht wurden. So berichtete die dpa, dass von ihr befragte Experten ein Wachstum der Wirtschaftsleistung von 0,4 Prozent im zweiten Quartal erwarteten. Von Reuters befragte Ökonomen rechneten gar mit einem Wachstum von 0,5 Prozent.

Rezession mit Ansage

Die optimistischen Prognosen erstaunen, weil sich die Anzeichen für einen deutlichen konjunkturellen Abschwung zuletzt gemehrt hatten. Abgebildet wurde die heraufziehende Rezession von zahlreichen Datensätzen in den vergangenen Wochen, die negativ ausgefallen waren. Hier sollen nur jene der letzten und vorletzten Woche berücksichtigt werden:

Schwebende Hausverkäufe fallen deutlich stärker als erwartet: In den USA ist die Zahl der noch nicht ganz abgeschlossenen Hausverkäufe deutlich stärker als erwartet gefallen. Die schwebenden Hausverkäufe sanken im Juni gegenüber dem Vormonat um 8,6 Prozent, wie die Maklervereinigung National Association of Realtors (Nar) am Mittwoch in Washington mitteilte. Volkswirte hatten lediglich mit einem Rückgang um 1,0 Prozent gerechnet. Zudem wurde der Anstieg im Mai auf 0,4 Prozent nach unten revidiert (zunächst +0,7 Prozent). In den USA wird der Immobilienmarkt durch deutlich steigende Hypothekenzinsen belastet. Die noch nicht ganz abgeschlossenen oder schwebenden Hausverkäufe gelten als Indikator für den Häusermarkt, da sie die Lage zu einem frühen Zeitpunkt im Transaktionsprozess abbilden.

Lesen Sie dazu: Blackstone bereitet sich auf Crash auf dem Häusermarkt vor

Verbrauchervertrauen trübt sich ein: Die Stimmung der US-Verbraucher hat sich im Juli stärker als erwartet eingetrübt. Das Verbrauchervertrauen fiel zum Vormonat um revidierte 2,7 Punkte auf 95,7 Zähler, wie das Marktforschungsinstitut Conference Board am Dienstag in Washington mitteilte. Dies ist der niedrigste Stand seit Februar 2021. Die Konjunkturerwartungen trübten sich derweil nur geringfügig ein, während die aktuelle Lage deutlich schlechter als im Juni beurteilt wurde.

Frühindikatoren fallen stärker als erwartet: Die konjunkturellen Aussichten hatten sich im Juni weiter eingetrübt. Der Sammelindex der wirtschaftlichen Frühindikatoren fiel gegenüber dem Vormonat um 0,8 Prozent, wie das private Forschungsinstitut Conference Board am Donnerstag vor einer Woche mitteilte. In diesem Ausmaß war der Indikator auch schon im Vormonat gefallen. Der Sammelindex setzt sich aus zehn Indikatoren zusammen. Dazu zählen unter anderem die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, die Neuaufträge in der Industrie, das Verbrauchervertrauen und die Baugenehmigungen. Die Indikatoren geben einen Eindruck über den Zustand der US-Wirtschaft.

Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe erneut gestiegen: Der Arbeitsmarkt hat sich in der vergangenen Woche erneut ungünstiger entwickelt. Die Lage bleibt aber grundsätzlich gut. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg um 7.000 auf 251.000, wie das Arbeitsministerium am Donnerstag vor einer Woche in Washington mitteilte. Es ist der dritte Anstieg der Hilfsanträge in Folge.

Philly-Fed-Index fällt überraschend tiefer in den negativen Bereich: Das Geschäftsklima in der US-Region Philadelphia hat sich im Juli überraschend weiter eingetrübt. Der Indikator für die Industrie (Philly-Fed-Index) fiel um 9,0 Punkte auf minus 12,3 Zähler, wie die regionale Zentralbank am Donnerstag vor einer Woche in Philadelphia mitteilte. Es ist der vierte Rückgang des Stimmungsindikators in Folge. Der Index fällt damit tiefer in den negativen Bereich, nachdem er im Juni erstmals seit Mai 2020 wieder diese Zone erreicht hatte. Volkswirte wurden vom erneuten Stimmungsdämpfer im Juli überrascht. Sie hatten im Schnitt mit einem Anstieg auf 0,8 Punkte gerechnet. Der Philly-Fed-Index misst die wirtschaftliche Aktivität in der Region Philadelphia. Ein Wert über null Punkten deutet auf einen Anstieg der Wirtschaftsaktivität hin, ein Wert unter null wie aktuell signalisiert einen Rückgang.

Dazwischen kommt es auch zu positiven Daten: So ist die Zahl der Aufträge für langlebige Güter im Juni überraschen gestiegen. Die Bestellungen seien im Vergleich zum Vormonat um 1,9 Prozent geklettert, teilte das US-Handelsministerium am Mittwoch in Washington mit. Analysten hatten hingegen im Schnitt mit einem Rückgang um 0,4 Prozent gerechnet. Bei langlebigen Gütern handelt es sich um industriell gefertigte Waren wie Maschinen. Der jüngste Anstieg folgt auf einen Zuwachs um 0,8 Prozent im Mai. Ohne den Transportsektor, zu dem etwa Flugzeuge zählen, stiegen die Aufträge im Juni um 0,3 Prozent. Die Aufträge für Kapitalgüter abseits des Militärbereichs und ohne Flugzeuge legten um 0,5 Prozent zu. Die Zahl gilt als Indikator für die Investitionsneigung der Unternehmen.

Zuletzt hatte der Telekommunikationskonzern AT&T auf ein Rezessionssignal der besonderen Art hingewiesen. Wie das Unternehmen am 21. Juli auf einer Pressekonferenz bekanntgab, können Kunden ihre Rechnungen vermehrt nicht mehr pünktlich bezahlen. Der Anteil jener Kunden, die im Verzug seien, liege inzwischen über dem Niveau aus der Zeit vor der Pandemie, berichtet Business Insider.

Dieser Umstand ist bemerkenswert. Denn wenn mehr Bürger offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, die vergleichsweise niedrigen Kosten für eine Telefonrechnung fristgerecht zu bezahlen, dürften sie noch größere Mühe haben, teurer Dienstleistungen und Produkte wie Benzin, die Miete oder Arztkosten zu begleichen.

Dies findet vor dem Hintergrund stark steigender Preise statt und obwohl die US-Regierung im Zuge der Pandemie die Bürger mit hohen finanziellen Zuschüssen versorgt hatte.

Fed-Filiale Atlanta weist seit Längerem auf Abschwung hin

Besonders eindeutig zeichnet ein bestimmter Distrikt des Federal Reserve System, die Filiale für den Bezirk Atlanta, seit vielen Wochen den Abschwung quasi in Echtzeit auf. Ihr „GDP Now“-Index rutschte schon ab etwa Mitte Mai kontinuierlich ab und entfernte sich von den weiterhin optimistischen Prognosen anderer Institute und Banken (Consensus).

Wie aus der folgenden Grafik hervorgeht, lagen die Einschätzungen Mitte Mai noch zwischen 2,5 und 3 Prozent Wachstum im zweiten Quartal. Mitte Juni berührte der Index der Analysten aus Atlanta dann erstmals die Nulllinie, welche er Anfang Juli schließlich nach Süden durchbrach und seitdem weiter sank. Der aktuelle Wert vom 27. Juli verweist auf eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal von 1,2 Prozent.

Yellen und Powell beruhigen

Bemerkenswert ist, dass nur einen Tag vor Bekanntwerden der Zahlen zum zweiten Quartal sowohl Finanzministerin Janet Yellen als auch Zentralbank-Präsident Jerome Powell öffentlich zu beruhigen versuchten: ihnen zufolge sein die US-amerikanische Volkswirtschaft weiterhin robust aufgestellt.

Zwar schwäche sich die Wirtschaft ab, von einer Rezession sei aber nicht auszugehen, sagte Powell am Mittwoch nach der Zinssitzung in Washington. Dazu entwickelten sich einige Bereiche wie insbesondere der Arbeitsmarkt zu robust.

Finanzministerin Janet Yellen versuchte sogar, die bislang allgemein akzeptierte Definition einer Rezession „umzudeuten.“ Bei ihrem Auftritt bei „Meet the press“ sagte Yellen, es handle sich beim derzeitigen konjunkturellen Verlauf nicht um eine Rezession. Um von einer Rezession zu sprechen, müsse es zu einer breiten Kontraktion in der gesamten Wirtschaft kommen. Sie sagte, auch wenn es jetzt das zweite Quartal in Folge zu einer Kontraktion käme, sei man in den USA nicht in einer Rezession. Sie warnte davor, eine solche Konstellation als Rezession zu bezeichnen. Sie wurde flankiert von dem Wirtschaftsberater Präsident Bidens, der sagte, dass zwei Quartale Kontraktion der Wirtschaftsleistung nicht die technische Definition einer Rezession sei.

„Vor den Wahlen im November hat die US-Administration ein veritables Interesse, den Begriff Rezession zu vermeiden. Dieser Versuch seitens Yellens und dem Rest der Administration ist ambitioniert. Es erinnert stark an Alan Greenspan, der die Welt mit ‚Neuen Paradigmen‘ als Chef der US-Notenbank der Welt ‚beglückte‘, um US-Interessen zu befördern, für die der Rest der Welt dann bitter bezahlte (neue Markt-Krise). Ich biete Ihnen Klartext an. Eine Rezession ist laut technischer Definition der Rückgang des BIP zwei Quartale in Folge im Quartalsvergleich. Wer daran rüttelt, bedient sich manipulativer Begriffsbestimmung und bedient damit partikulare Interessenpolitik, mehr nicht, weniger auch nicht“, schreibt der Ökonom Folker Hellmeyer dazu in seinem Hellmeyer-Report.

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