Panorama

75 Jahre Streit und Hass: Die Folgen der Teilung von Indien und Pakistan

Als die Briten ihre ehemalige Kolonie in Indien und Pakistan teilten, folgte Chaos und Blutvergießen mit bis zu einer Million Tote. Der 75. Jahrestag reißt alte Wunden auf.
09.08.2022 11:27
Aktualisiert: 09.08.2022 11:27
Lesezeit: 3 min
75 Jahre Streit und Hass: Die Folgen der Teilung von Indien und Pakistan
Die Grenze zwischen Indien und Pakistan. (Foto: iStock.com/AlxeyPnferov) Foto: AlxeyPnferov

75 Jahre ist es her, seit Pritam Khan seine Familie verloren hat. Er war ein Kind, als die Briten die Teilung ihres ehemaligen Kolonialreichs British India in zwei Länder verkündeten – und religiös motivierte Massaker und eine der größten Migrationswellen der Geschichte auslösten. Die Kolonialmacht teilte 1947 das multireligiöse, mehrheitlich hinduistische British India in Indien und den neuen Staat Pakistan für Muslime auf.

Zwischen den Religionsgruppen flammte Hass auf. Nachbarn brachten Nachbarn um. Pritam Khan, ein Muslim, überlebte nur knapp, als Anhänger der Sikh-Glaubensgemeinschaft sein Dorf überfielen. „Ich spielte damals in der Nähe des Hauses, als ein randalierender Mob kam“, sagt der heute 86-Jährige im Interview mit der dpa. Sein Vater und seine drei älteren Brüder seien weggerannt. Er habe sich in Feldern versteckt, seine Mutter in einem Brunnen. Als er zu ihr ging, sei sie nicht mehr herausgekommen.

Wie Pritam Khans Mutter Rehmi starben 1947 mindestens eine Million Menschen bei den Unruhen. Bis zu 15 Millionen Menschen wurden vertrieben oder mussten flüchten. Muslime wie Khans Vater und seine Brüder zogen in das für sie gegründete Pakistan, Hindus und Sikhs von dort in das hinduistisch geprägte Indien. Menschen erlitten unterwegs furchtbare Grausamkeiten, viele kamen nie an. Viele Familien verloren durch die Umsiedlung ihren Besitz, was die Unruhen weiter aufpeitschte.

Traumata, die nie verheilten

Die traumatischen Erlebnisse sind bis heute im kollektiven Gedächtnis, beeinflussen die Politik und nähren eine erbitterte Rivalität der beiden Atommächte. Vier Kriege sind seit der Teilung zwischen Indien und Pakistan ausgebrochen. Aus dem dritten entstand 1971 aus dem ehemaligen Ostpakistan das heutige Bangladesch. Die Region Kaschmir bei der gemeinsamen Grenze im Himalaya ist bis heute umstritten.

Pritam Khan weiß nicht genau, was nach dem Tod seiner Mutter passierte. Er sei herumgeirrt, dann bei Dorfbewohnern untergekommen, bis die Gewalt aufhörte. Er wuchs in einem Ort in der Nähe seines Heimatdorfs auf und arbeitete bei einem Bauer. Zur Schule sei er nie gegangen.

Nun jährt sich der Tag von Khans Tragödie zum 75. Mal. Und beide Länder feiern ihre Unabhängigkeit als Triumph – Pakistan am 14. August, Indien einen Tag danach. Aber Khan wird nicht feiern und wohl auf seinem Charpai, einem in der Region traditionellen Bettgestell, draußen vor seinem Zimmer sitzen und an seine verlorene Familie denken.

Die Teilung hat die Region – mit fast 1,4 Milliarden Menschen in Indien und rund 220 Millionen Menschen in Pakistan eine der am dichtesten bevölkerten der Erde – ungleich zurückgelassen. Indien ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein Staat, der sich aus dem Status eines Entwicklungslandes herausgekämpft hat. Pakistan gilt als Staat mit maroder Wirtschaft, schwachen demokratischen Strukturen und einem Sicherheitsproblem aufgrund vieler extremistischer Gruppen.

Trotzdem will Pritam Khan genau dorthin, nach Pakistan, wo die Nachkommen seiner verstorbenen Brüder leben. Aber er kann nicht. Wegen der angespannten Beziehungen der Nachbarn erhält er kein Visum, wie er sagt. Dass Khan überhaupt noch lebt, erfuhr seine Familie erst sieben Jahre nach der Trennung von einem entfernten Verwandten.

Familien immer noch getrennt

Vor knapp 40 Jahren hörte Khan dann erstmals von einem Sohn eines seiner Brüder in Pakistan – Neffe Shahbaz meldete sich per Brief. Seitdem sind die beiden regelmäßig in Kontakt, mittlerweile per Videochat. Einmal habe sich die getrennte Familie direkt sehen können – bei einer Sikh-Gedenkstätte in Pakistan, die ein Hoffnungsschimmer für viele getrennte Familien ist, weil indische Angehörige ohne Visum dorthin kommen. Neffe Shahbaz sagt: „Ich wünschte, wir hätten ihn bei seinem Besuch nicht nach Indien zurückkehren lassen.“

Auch Khans indische Nachbarn hoffen, dass er zu seiner Familie ziehen kann. Für Videoanrufe nach Pakistan leihen sie ihm ein Handy aus. Sie kochen für ihn und bringen Medikamente, trotzdem sei er einsam. Der 86-Jährige wünscht sich Freundschaft zwischen den Nachbarländern. „So könnten die Menschen friedlich leben und florieren.“ Sein 54-jähriger Neffe betont, dass Indien und Pakistan eine ähnliche Kultur und eine ähnliche Sprache hätten.

Derzeit hofft Khan auch auf einen YouTuber. Der Pakistaner Nasir Ali Dhillon kontaktiert getrennten Familien via Social Media, hilft ihnen, sich wieder zu sehen – meist bei dem Schrein in Pakistan – und erzählt ihre Geschichten auf der Video-Plattform. Geschichten über Liebe und Freundschaft, über Vergangenheit und Hass.

Die Erinnerungen seines Großvaters, der aus dem gleichen indischen Bundesstaat wie Khan kommt, hätten seine Perspektive auf die Beziehung zwischen Indien und Pakistan geändert. „In den Medien wird uns erzählt, dass die Inder Feinde sind. Doch was unsere Alten erzählen, klingt ganz anders“, sagt er.

Mehr als 300 Familien half er in den vergangenen sechs Jahren, sich zu treffen. Sein YouTube-Kanal hat in beiden Ländern Abonnenten. Gut finden das nicht alle. Bei den Reisen zum Schrein wurde er schon von Behörden verhört, sogar Todesdrohungen gegen ihn soll es geben. Trotzdem will er weitermachen und auch Pritam Khan helfen, ein Visum zu bekommen. „75 Jahre Krieg haben uns nichts gebracht“, sagt Dhillon. „Wenn wir weiter kommen wollen, sollten wir etwas ändern.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

DWN
Politik
Politik YouGov-Umfrage: AfD klar stärkste Kraft - Union stürzt auf schlechtesten Wert seit vier Jahren
15.04.2026

In einer YouGov-Umfrage kann sich die AfD deutlich von den anderen Parteien absetzen. Auch Grüne und Linke legen zu. Die einzigen, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Kaufkraft-Ranking in Krisenzeiten: Wo die regionalen Einkommen am meisten wert sind
15.04.2026

Das Verhältnis aus Einkommen und Lebenserhaltungskosten entscheidet über die reale Kaufkraft der Haushalte: Wo viel verdient wird, ist es...

DWN
Politik
Politik Tabaksteuer-Erhöhung finanziert Entlastungsprämie 2026: Doch nicht nur Raucher gehen bei der Ausgleichprämie leer aus
15.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ifo: Iran-Krieg verstärkt wirtschaftliche Unsicherheit deutscher Unternehmen
15.04.2026

Steigende Energiepreise, wackelige Lieferketten: Deutsche Unternehmen blicken immer skeptischer in die Zukunft. Welche Branchen besonders...

DWN
Politik
Politik Sparpläne Krankenkassen: Warnungen vor zusätzlichen Belastungen der Beitragszahler
15.04.2026

Die Koalition will die steigenden Ausgaben der Krankenkassen unter Kontrolle bringen, um neue Beitragserhöhungen zu vermeiden - mit einer...

DWN
Politik
Politik Migration in Deutschland: Jeder Vierte hat eine Einwanderungsgeschichte
15.04.2026

In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund um zwei Drittel in Deutschland gewachsen....

DWN
Politik
Politik Touristenattraktion: Berlin-Besucher werden künftig fürs Müllsammeln belohnt
15.04.2026

Mit "BerlinPay" will die Hauptstadt Touristen für nachhaltiges Verhalten belohnen. Noch werden Partner für die Aktion gesucht.

DWN
Politik
Politik Pipeline-Debatte im Energiemarkt: Warum die Straße von Hormus entscheidend bleibt
15.04.2026

Die Straße von Hormus bleibt trotz wiederkehrender Konflikte der zentrale Engpass im globalen Ölhandel, während Alternativen bislang...