Finanzen

Der Immobilienboom ist vorbei – global und in Deutschland

Dem Immobilienboom in Deutschland sowie auch global geht die Luft aus. In einigen Regionen wird sogar ein massiver Einbruch der Preise erwartet.
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09.08.2022 17:41
Aktualisiert: 09.08.2022 17:41
Lesezeit: 3 min
Der Immobilienboom ist vorbei – global und in Deutschland
Der Boom bei Immobilien ist vorbei, in Deutschland und weltweit. Doch es gibt deutliche Unterschiede. (Foto: iStock.com/prachanart) Foto: prachanart

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der kanadische Immobilienmarkt immer weiter aufgeheizt. Jetzt kühlt er sich ab: Die Preise sind bereits drei Monate in Folge gefallen.

Das gilt nicht nur für Kanada, sondern auch für praktisch alle anderen Immobilienmärkte der Welt, wie der Economist berichtet.

In Neuseeland etwa, wo die Bewertungen von Beginn der Corona-Pandemie bis Ende letzten Jahres um 45 Prozent gestiegen waren, ist der Preis für ein Haus nun ebenfalls schon drei Monate in Folge gesunken.

In Schweden fielen die Preise im Juni um fast 4 Prozent. Dies ist der stärkste monatliche Rückgang seit der Großen Finanzkrise von 2008.

Auch in Australien sind 40 Prozent der Häuser heute weniger wert als noch vor drei Monaten.

Deutsche Immobilienpreise stagnieren

Auch auf dem deutschen Immobilienmarkt mehren sich nach jahrelangen rasanten Preissteigerungen die Anzeichen für eine Trendwende.

Im zweiten Quartal sind die Preise für Häuser und Wohnungen nach Daten des Baufinanzierungsvermittlers Interhyp im Vergleich zu den ersten drei Monaten um knapp 1 Prozent gesunken, wie das Münchner Unternehmen am Freitag mitteilte.

Grundlage der Auswertung sind die von Interhyp vermittelten Finanzierungen, laut Mitteilung waren es in den vergangenen zehn Jahren von 2012 bis Ende Juni dieses Jahres mehr als 500.000 Verträge. Die Daten decken sich weitgehend mit der Einschätzung des Immobilienverbands Deutschland Süd (IVD).

Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 hat sich Wohneigentum im bundesweiten Schnitt laut Interhyp noch einmal um 11 Prozent stark verteuert, weil zu Jahresbeginn die Nachfrage noch boomte.

Den bundesweiten Durchschnittspreis im ersten Halbjahr bezifferte Interhyp auf 538.000 Euro. Das sind 11 Prozent mehr als in der ersten Jahreshälfte 2021 und fast doppelt so viel wie noch zehn Jahre zuvor.

In München, Köln und Leipzig scheint der derzeitige Knick besonders ausgeprägt, in diesen drei Großstädten waren Privathäuser und Eigentumswohnungen laut Interhyp Ende Juni etwas weniger teuer als ein Jahr zuvor.

Am stärksten ausgeprägt war der Preisrückgang demnach in Köln mit einem Minus von knapp 8 Prozent. Hauptursache der Entwicklung ist nach Einschätzung Utechts, dass sich manche Interessenten das Eigenheim wegen der gestiegenen Zinsen nicht mehr leisten können.

Der IVD Süd hatte kürzlich berichtet, dass Verkäufer in Großstädten derzeit erheblich länger brauchen, bis sie ihre Immobilie an den Mann oder die Frau gebracht haben. Und Käufern gelingt es in manchen Fällen wieder, den Preis etwas herunterzuhandeln.

Steigende Zinsen dämpfen den Immobilienmarkt

Selbst dort auf der Welt, wo die Preise noch steigen, dämpfen die infolge der weltweit eingeleiteten Zinswende steigenden Kreditkosten die Begeisterung der Immobilienkäufer.

Da die monatlichen Raten für eine typische neue Hypothek in Amerika jetzt um drei Viertel höher sind als vor drei Jahren, sind die Kreditanträge gegenüber ihrem Höchststand im Januar um mehr als ein Viertel zurückgegangen. Der Anteil der Erstkäufer ist auf ein 13-Jahres-Tief gesunken.

Auch in Großbritannien ist die Euphorie verflogen. Die Hypothekengenehmigungen fielen im April wieder auf das Niveau von vor der Pandemie zurück. Im Mai gingen die Hausverkäufe im Vergleich zum Vorjahr um ein Zehntel zurück.

Wenn dem weltweiten Immobilienboom endgültig die Luft ausgeht, wie weit werden die Preise dann fallen?

Die Analysten des Beratungsunternehmens Capital Economics prognostizieren einen leichten Rückgang von 5 bis 10 Prozent in Amerika und Großbritannien. In diesen Ländern ist es weniger wahrscheinlich, dass Hausbesitzer durch steigende Hypothekenkosten zum Verkauf gezwungen werden, da festverzinsliche Darlehen üblich sind.

In Australien und Schweden rechnen die Analysten sogar mit einem Preisrückgang um 15 Prozent.

Kanada und Neuseeland sind am stärksten gefährdet, da die privaten Haushalte dort höher verschuldet und somit anfälliger für Zinserhöhungen sind. Hier könnten die Preise um 20 Prozent fallen.

Doch zwei Faktoren dürften verhindern, dass die Hauspreise in eine Todesspirale geraten. Der eine ist der Mangel an Häusern in den meisten reichen Ländern.

Je nach Schätzung fehlen in Amerika entweder 3,8 Millionen oder 5,8 Millionen Wohnungen. England braucht schätzungsweise 345.000 neue Wohnungen pro Jahr und baut nur halb so viele; und Kanada benötigt bei dem derzeitigen Bautempo bis 2030 zusätzlich 3,5 Millionen.

Der zweite Faktor sind die angespannten Arbeitsmärkte. Die niedrige Arbeitslosigkeit in vielen reichen Ländern bedeutet, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass die Menschen mit ihren Schulden in Verzug geraten. In Verbindung mit den solideren Finanzen der privaten Haushalte dürfte dies einen Einbruch vom Ausmaß der Finanzkrise in allen außer den wackeligsten Märkten verhindern.

Aber die Probleme werden ungleichmäßig verteilt sein. Pandemie-Hotspots sind besonders anfällig. Während der Lockdowns hat die Suche nach großen Gärten oder Grünflächen die Wohnungsmärkte in einen Rausch versetzt.

Die Pariser flüchteten aufs französische Land. Türkische Einwohner verließen Istanbul und zogen in Ferienorte. Londoner, die die Vorteile einer weit entfernten Arbeitsstelle nutzen wollten, strömten in grüne Viertel wie Richmond und Dulwich oder verließen London ganz, um billiger zu wohnen.

Auf diesen Märkten zeigen sich nun erste Risse. In den amerikanischen Bergstädten und Sonnenstaaten, die gut bezahlte Kalifornier und New Yorker anziehen, finden weniger Bieterkämpfe statt. Bei mehr als der Hälfte der zum Verkauf stehenden Häuser in Salt Lake City, Utah, wurde der Preis im Juni gesenkt. In Boise, Idaho, waren es drei Fünftel.

Die Royal Bank of Canada geht davon aus, dass die Verkäufe in Kanada seit ihrem Höchststand im Jahr 2021 um mehr als 40 Prozent zurückgehen werden, was noch schlimmer ist als der Rückgang während der Finanzkrise, als sie um 38 Prozent sanken.

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