Deutschland

Deutschlands Gas-Speicher können nicht voll gefüllt werden

Deutschlands Gasspeicher sind zu 80 Prozent gefüllt. Doch nicht alle Speicher werden voll werden. Und selbst wenn, würde es nur für knapp drei Monate reichen.
23.08.2022 15:47
Aktualisiert: 23.08.2022 15:47
Lesezeit: 3 min

Der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher nähert sich trotz der stark reduzierten Liefermengen aus Russland der 85-Prozent-Marke. Wie am Dienstag aus im Internet veröffentlichten Daten der europäischen Gasspeicher-Betreiber hervorging, lag der Füllstand am Sonntagmorgen bei 80,14 Prozent. Der Füllstand wird immer erst mit Verzögerung gemeldet. Allerdings geben Experten mit Blick auf das Vorankommen noch keine Entwarnung.

«Die Gasspeicher in Deutschland werden mit einer bewundernswerten Geschwindigkeit befüllt», sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, am Dienstag. Schon heute seien drei Viertel der Speicher zu mehr als 80 Prozent befüllt. Allerdings seien «knapp zwei Handvoll» der Speicher bisher nicht gut gefüllt, räumte Müller ein, darunter strategisch wichtige im Süden sowie der bundesweit größte im niedersächsischen Rehden, wo die Befüllung aus physikalischen Gründen nicht schneller vorangetrieben werden könne.

«Darum werden wir nicht für alle Speicher die 95 Prozent garantieren können», sagte Müller.

Eine neue Verordnung sieht vor, dass die deutschen Speicher am 1. Oktober zu mindestens 85 Prozent gefüllt sein müssen. Am 1. November sollen es mindestens 95 Prozent sein. Die zum 1. September vorgeschriebenen 75 Prozent waren mehr als zwei Wochen früher erreicht worden. Die Speicher gleichen Schwankungen beim Gasverbrauch aus und bilden damit eine Art Puffersystem für den Gasmarkt.

Auch der Geschäftsführer des sogenannten Marktgebietsverantwortlichen Trading Hub Europe (THE), Torsten Frank, fürchtet, dass Deutschland nicht alle seine Gasspeicher wie gesetzlich gefordert füllen kann. «Wir werden viele Speicher bis zum November zu 95 Prozent füllen können, aber nicht alle», sagte er der Rheinischen Post. Eine bundesweite Gasmangellage erwarte er jedoch nicht. «Es kann aber gegebenenfalls regionale Mangellagen geben, das lässt sich leider nicht ausschließen.» Er sei aber sehr zuversichtlich, «dass die privaten Haushalte in diesem Winter nicht frieren müssen.»

Sollte es zu einer akuten Gasknappheit, wird es Müller zufolge nur noch darum gehen, die Schäden so gering wie möglich zu halten. «Es gibt in einer Gasmangellage keine gute Entscheidung mehr, weil dann zu wenig Gas da ist. Wir versuchen, die Schäden dann zu minimieren», sagte er.

Russland hatte zuletzt angekündigt, Gaslieferungen über die Ostseepipeline Nord Stream 1 Ende August für drei Tage zu unterbrechen. Vom 31. August bis zum 2. September werde wegen Wartungsarbeiten kein Gas nach Deutschland fließen, hatte der Staatskonzern Gazprom mitgeteilt.

Danach sollten täglich wieder 33 Millionen Kubikmeter Erdgas geliefert werden. Das entspricht den 20 Prozent der täglichen Maximalleistung, auf die Russland die Lieferung schon vor einigen Wochen verringert hat. Bereits im Juli hatte Gazprom die Gaslieferung durch Nord Stream 1 mehrere Tage lang eingestellt und das mit Wartungsarbeiten begründet.

Müller hält die angekündigte erneute Wartung für unbegründet. «Auch diese Wartungsunterbrechung ist für uns technisch nicht nachvollziehbar», sagte er. Alle bisherigen Argumente, es liege an den Turbinen von Siemens Energy, halte er für vorgeschoben. Die Erfahrung zeige, dass Russland «nach jeder sogenannten Wartung eine politische Entscheidung getroffen» habe.

Nach Ansicht der EU-Kommission wird die geplante erneute Wartung aber nicht zu einem EU-weiten «Unionsalarm» führen. Bei der dreitägigen Unterbrechung sehe es derzeit nicht danach aus, als müsse der Alarm ausgelöst werden, sagte ein Sprecher am Dienstag. «Wir verfolgen die Situation mit allen Mitgliedstaaten sehr genau.» Die EU-Länder hatten sich im Juli in ihrem Notfallplan darauf geeinigt, bei weitreichenden Gasversorgungsengpässen einen sogenannten Unionsalarm auszulösen.

Unterdessen ebbt in Deutschland die Kritik an der Gasumlage nicht ab. Unionsfraktionsvize Jens Spahn sagte am Dienstag: «Die gravierenden handwerklichen Fehler der Gasumlage werden auch Gerichten ins Auge stechen.» Der «Spiegel» hatte berichtet, die Berliner Kanzlei Raue, die die entsprechende Verordnung im Auftrag mehrerer Unternehmen geprüft habe, komme zu dem Schluss, dass die Umlage verfassungswidrig sei. Das Regelwerk belaste die Endverbraucher unverhältnismäßig, noch dazu verstoße es gegen Beihilferegeln im Europarecht.

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert forderte das Wirtschaftsministerium auf, auszuschließen, dass wirtschaftlich gesunde Unternehmen von der Umlage profitieren. «Wenn sogar kerngesunde Unternehmen mit üppigen Gewinnen Geld aus der Gasumlage erhalten können, dann sichern die Verbraucher in Deutschland damit nicht etwa deren Existenz, sondern die Renditen der Eigentümer», sagte er am Dienstag. Das müsse «klipp und klar» rechtlich ausgeschlossen werden.»

Die Umlage von 2,4 Cent pro Kilowattstunde soll ab Anfang Oktober greifen und Importeuren zugutekommen, die zu hohen Preisen Ersatz für ausbleibendes Gas aus Russland kaufen müssen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gibt nach, während die Anleiherenditen sinkentitle
29.09.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Impulse die US-Märkte im späten Handel bewegten.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Lateinamerika-Aktien: Das Comeback, das kaum jemand auf dem Radar hat
29.09.2026

Jahrelang mieden Anleger Lateinamerika, nun schlägt die Region sogar den S&P 500. Rohstoffe, Banken und überraschend niedrige Bewertungen...