Politik

Nord-Stream-Sprengung: Verdacht fällt auf die USA

Auch eine Woche nach der Sprengung der Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 fehlt von den Tätern jede Spur. Westliche Medien vermuten Russland selbst hinter der Sabotage. Doch ein Ex-Pentagon-Berater und ein Top-Ökonom vermuten unabhängig voneinander, dass die USA mithilfe von Verbündeten das Pipeline-Projekt sabotiert haben. 
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05.10.2022 15:20
Aktualisiert: 05.10.2022 15:20
Lesezeit: 3 min

Am Dienstag vergangener Woche wurden erstmals Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 ausfindig gemacht, durch die massenhaft Gas unkontrolliert ins Meer austrat. Ein technisches Versagen wurde von vielen Experten schnell ausgeschlossen. Stattdessen deutet alles auf einen Sabotageakt hin. Die Pipelines wurden gezielt gesprengt, doch wer hinter dem Anschlag steckt, ist weiter ungewiss.

Viele westliche Medien verdächtigen Russland, die eigenen Pipelines gesprengt zu haben, um sich aus den langfristigen Lieferverträgen aufgrund „höherer Gewalt“ auflösen und dadurch drohende Schadenersatzzahlungen abwenden zu können. Denn Russland hat in den vergangenen Wochen die Lieferungen über Nord Stream 1 komplett eingestellt und dabei immer wieder technische Gründe vorgeschoben.

Der Kreml wies diese Anschuldigungen jedoch als „absurd“ von sich. Russland verdächtigte stattdessen die USA, für den Sabotageakt verantwortlich zu sein, der in einer Zone verzeichnet wurde, der „von den US-Geheimdiensten kontrolliert“ werde. Die USA, so die russische Logik, waren von Anfang an gegen das Projekt Nord Stream 2, haben es noch vor Inbetriebnahme durch Sanktionen zu torpedieren versucht und würden auch am stärksten von seiner Zerstörung profitieren. Die USA wiesen jede Beteiligung an der Sabotage von Nord Stream jedoch von sich.

USA oder Großbritannien als mögliche Täter

Der US-Ökonom Jeffrey Sachs und der ehemalige Pentagon-Berater Douglas Macgregor haben sich nun unabhängig voneinander zu dem vermutlichen Sabotage-Akt der Nord-Stream-Pipelines geäußert. Beide kommen zu dem Schluss, dass die USA sehr wahrscheinlich hinter dem Anschlag stecken – entweder direkt oder mithilfe von Verbündeten wie Polen oder Großbritannien.

Douglas Macgregor ist pensionierter Colonel der US Army. Er war Sonderberater des Verteidigungsministers unter dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump und 2020 als US-Botschafter für Deutschland im Gespräch.

Macgregor äußerte sich während eines Auftritts im Podcast Judging Freedom zu den Vorfällen. Dort bezweifelte er eine Beteiligung des Kremls, da es für Russland keinen Nutzen habe, seine eigene Infrastruktur zu sabotieren. „Würden die Russen ihre eigene Pipeline zerstören? 40 Prozent des russischen Bruttosozialprodukts bestehen aus Devisen, die ins Land kommen, um Erdgas, Öl, Kohle und so weiter zu kaufen. Die Russen haben das also nicht getan. Die Vorstellung, dass sie es getan haben, ist meiner Meinung nach absurd“, so Macgregor.

Auch eine Beteiligung Deutschlands am Sabotage-Akt hält Macgregor für „extrem unwahrscheinlich“, da Deutschland auf Nord Stream für seine Energiesicherheit angewiesen sei. Unter Bezugnahme auf den berüchtigten (und inzwischen gelöschten) Tweet des polnischen Europaabgeordneten Radoslaw Sikorski, in dem er zu einem Foto der Gaslecks schrieb: „Danke, USA“, merkte Macgregor an: „Wer könnte noch beteiligt sein? Nun, die Polen scheinen davon sehr begeistert zu sein.“

Macgregor wies darauf hin, dass zum Sprengen der Pipelines Sprengstoff in der Größenordnung von Hunderten Kilogramm TNT verwendet worden sein muss. „Man hat mehrere Zentimeter Beton um verschiedene Metalllegierungen herum, um das Erdgas zu transportieren, also ist es nicht etwas, das man einfach mit einer Granate am Ende einer Angelschnur zerstören könnte“, so der Ex-Pentagon-Berater.

Für ihn kommen daher vor allem zwei Länder infrage: die USA und Großbritannien. „Wir müssen sehen, welche staatlichen Akteure die Möglichkeit hatten, dies zu tun. Und hier sprechen wir über die Royal Navy Großbritanniens und die US-Marine. Ich denke, das ist ziemlich offensichtlich“.

US-Ökonom Sachs beschuldigt bei Live-Interview USA der Sabotage

Der US-Ökonom Jeffrey Sachs äußerte sich in einem Bloomberg-Interview zu dem Pipeline-Anschlag. Sachs ist amerikanischer Ökonom und Professor an der Columbia University. Außerdem ist er Top-Berater der Vereinten Nationen (UN) in Fragen der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Developmental Goals, SDGs).

„Die wichtigste Tatsache ist, dass die europäische Wirtschaft durch diese plötzliche Unterbrechung der Energieversorgung stark unter Druck gerät. Und jetzt, um es endgültig zu machen – die Zerstörung der Nord-Stream-Pipeline, auf die ich wetten würde, dass sie eine Aktion der USA war, vielleicht der USA und Polens.“ Sachs fügte noch hinzu: „Das ist Spekulation“, bevor er mitten im Satz von Moderator Tom Keene unterbrochen wurde, der ein wenig verblüfft und frustriert über die vielleicht unerwartete Wendung des Interviews wirkte.

„Äh, Jeff, wir müssen hier aufhören“, warf Keene ein und ließ Sachs ratlos zurück. Der Moderator fragte dann: „Warum glauben Sie, dass dies eine US-Aktion war? Welche Beweise haben Sie dafür?“ Sachs antwortete: „Nun, erstens gibt es direkte Radarbeweise dafür, dass US-Militärhubschrauber, die normalerweise in Danzig stationiert sind, über diesem Gebiet kreisten“. Dann fügte er hinzu: „Wir hatten auch die Drohung der USA vom Anfang des Jahres, dass wir Nord Stream so oder so beenden werden.“

Sachs spielt damit auf eine Aussage des US-Präsidenten Joe Biden bei einem Amtsbesuchs des deutschen Bundeskanzlers Anfang des Jahres an. Biden sagte vor versammelter Presse, wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, werde es „kein Nord Stream 2 mehr geben“. „Wir werden dem ein Ende setzen“, so Biden wörtlich. Auf Nachfrage einer Journalistin, wie die USA dies denn genau anstellen wollten, da es sich ja um ein Projekt unter deutsche Kontrolle handele, sagte Biden: „Vertrauen Sie mir, wir werden in der Lage dazu sein“.

US-Ökonom Sachs erinnerte dann im Bloomberg-Interview noch an eine bemerkenswerte Äußerung von US-Außenminister Anthony Blinken am vergangenen Freitag in einer Pressekonferenz, in der er sagte, das Ende der Nord-Stream-Pipelines sei auch eine „enorme Chance“ für Europa bezeichnete, sich ein für alle Mal von russischer Energie unabhängig zu machen. Sachs betonte, dies sei eine äußerst merkwürdige Art, zu sprechen, wenn man sich Sorgen über Piraterie an kritischer Infrastruktur mache.

Sachs verteidigte darüber hinaus seinen Verdacht einer US-Beteiligung an der Nord-Stream-Sabotage damit, dass viele Beamte und Experten privat mit dem Finger auf Washington zeigen, dies aber nicht öffentlich äußern würden: „Ich weiß, dass dies unserem Narrativ zuwiderläuft – im Westen darf man so etwas nicht sagen. Aber Tatsache ist, dass überall auf der Welt, wenn ich mit Menschen spreche, sie glauben, dass die USA es getan haben.“

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