Politik

Brasilien vor Machtwechsel - Lula gewinnt Präsidentenwahl

Brasilien steht vor einem Machtwechsel. Der linke Politiker Luiz Ignacio Lula da Silva hat nach offiziellen Angaben die Präsidentenwahl in Brasilien gewonnen.
31.10.2022 09:00
Aktualisiert: 31.10.2022 09:42
Lesezeit: 2 min

Brasilien steht vor einem Machtwechsel. Der linke Politiker Luiz Ignacio Lula da Silva hat nach offiziellen Angaben die Präsidentenwahl in Brasilien gewonnen. Der Herausforderer und frühere Präsident kam bei der Stichwahl am Sonntag nach Auszählung von 99,1 Prozent der Stimmen auf 50,8 Prozent, wie das Oberste Wahlgericht mitteilte. Damit sei die Wahl mathematisch zugunsten Lulas entschieden. Der Amtsinhaber Jair Bolsonaro erhielt bei diesem Auszählungsstand 49,2 Prozent der Stimmen. Lula soll sein Amt am 1. Januar antreten.

Nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses schrieb Lula auf Twitter "Demokratie" zu einem Foto seiner linken Hand über der brasilianischen Flagge. Ihm fehlt seit einem Unfall als Metallarbeiter der kleine Finger seiner linken Hand. In seiner ersten Rede als künftiger Präsident Brasiliens versprach Lula, das geteilte Land zu einen und dafür zu sorgen, dass die Brasilianer "die Waffen niederlegen, die sie nie hätten ergreifen sollen". "Ich werde für 215 Millionen Brasilianer regieren, und nicht nur für diejenigen, die mich gewählt haben", sagte er am Abend in seiner Wahlkampfzentrale. "Es gibt keine zwei Brasiliens. Wir sind ein Land, ein Volk, eine große Nation".

US-Präsident Joe Biden gratulierte Lula zu einem Sieg bei "freien, fairen und glaubwürdigen Wahlen", er freue sich auf die weitere Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schloss sich den Glückwünschen an. Die beiden Staatsoberhäupter würden "die Freundschaftsbande zwischen ihren Ländern erneuern", schrieb Macron auf dem Kurznachrichtendienst.

Ähnlich wie Ex-Präsident Donald Trump in den USA hat auch Bolsonaro bislang unbelegte Zweifel an der Zuverlässigkeit der Wahlmaschinen geäußert und damit Sorgen geschürt, er könnte das Ergebnis nicht anerkennen. Die Wahlbehörden bereiten sich Insidern zufolge darauf vor, dass Bolsonaro das Ergebnis anfechten könnte, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Es seien Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden für den Fall, dass seine Anhänger auf die Straße gehen. Am Wahltag hatten Straßenkontrollen der Polizei bei Anhängern Lulas Befürchtungen ausgelöst, sie sollten an der Stimmabgabe gehindert werden.

Bei der Wahl waren rund 120 Millionen Bürger aufgerufen, ihre Stimme mit elektronischen Wahlmaschinen abzugeben. Beide Kandidaten stellten sich der Stichwahl, da beim ersten Wahlgang Anfang Oktober kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen erhielt. Der Abstimmung war ein polarisierender Wahlkampf vorausgegangen. Die Kluft zwischen beiden Lagern in der Gesellschaft ist so tief wie nie seit der Rückkehr des Landes zur Demokratie 1985. Beide Politiker machen sich gegenseitig massive Vorwürfe etwa wegen Korruption und haben damit zur Polarisierung der brasilianischen Gesellschaft beigetragen.

Im Ausland wird mit besonderer Aufmerksamkeit der Kampf gegen die Abholzung des Urwaldes im Amazonas-Becken verfolgt. Bolsonaro hatte den Umweltschutz abgeschwächt. Lula rief in seiner Rede am Sonntagabend zur internationalen Zusammenarbeit zum Schutz des Amazonas-Regenwaldes und für einen gerechteren Welthandel auf. Ein Thema des Wahlkampfes im Inland war die Abwehr drohender Hungersnöte. Rapide steigende Lebenshaltungskosten und die Folgen der Coronavirus-Pandemie gefährden die Versorgung mit Nahrungsmitteln in einem Ausmaß, das vor einem Jahrzehnt unvorstellbar erschien. Eine Rolle spielte auch der Umgang mit der Pandemie. Bolsonaro sprach mit Blick auf das Virus von einer "kleinen Erkältung".

In seiner nun dritten Amtszeit ist Lula mit einer angeschlagenen Wirtschaft, engen Haushaltsvorgaben und einer zunehmend einflussreicheren Opposition konfrontiert. Bolsonaros Verbündete bilden den größten Block im Kongress, nachdem die Parlamentswahlen in diesem Monat die Stärke seiner konservativen Koalition untermauert haben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eurozonen-Wirtschaft: Übergang in einen neuen Konjunkturzyklus
15.02.2026

Die Eurozonen-Wirtschaft tritt laut Prognosen der Bank Citadele in einen neuen Konjunkturzyklus ein, getragen von sinkenden Zinsen und...

DWN
Finanzen
Finanzen Investitionsstrategien im KI-Zeitalter: Kriterien für langfristige Wertschöpfung
15.02.2026

Künstliche Intelligenz prägt Investitionsentscheidungen und verändert die Bewertungsmaßstäbe an den Finanzmärkten. Wie lassen sich im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schlüsselindustrien im Umbruch: Deutschlands Rolle am europäischen Markt
15.02.2026

Deutschland steht vor neuen wirtschaftlichen Weichenstellungen in einem sich wandelnden europäischen Umfeld. Wie lässt sich unter diesen...

DWN
Politik
Politik Grenzwerte: Umweltbundesamt bestätigt ausreichende Luftqualität in Deutschland
15.02.2026

Die Europäische Union gibt Grenzwerte vor, die in den Ländern eingehalten werden müssen. Die Luftqualität in Deutschland hat im...

DWN
Technologie
Technologie Elektronische Patientenakte spärlich genutzt: Gesundheitsministerin will ePA attraktiver machen
15.02.2026

Gesundheitsministerin Nina Warken weiß, dass bisher nur ein Bruchteil der gesetzlich Versicherten die sogenannte ePA aktiv nutzen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB setzt auf strikte Regeln für Banken: Kapital als Stabilitätsanker
15.02.2026

Die EZB hält trotz politischen Drucks an strikten Kapitalregeln für Banken fest und warnt vor Risiken für die Finanzstabilität. Welche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Historische Marke: Musks Vermögen überschreitet 800 Milliarden Dollar
14.02.2026

Elon Musk überschreitet als erster Unternehmer die 800-Milliarden-Dollar-Marke und baut seinen Vorsprung an der Spitze der Forbes-Liste...

DWN
Politik
Politik Chinas Militär im Umbruch: Xi Jinpings Strategie im Taiwan-Konflikt
14.02.2026

Chinas Führung greift tief in die militärische Machtstruktur ein und ordnet die Spitzen der Streitkräfte neu. Welche Folgen hat dieser...