Deutschland

Politik überrascht: Deutsche gehen frühzeitig in die Rente

Die Deutschen gehen immer häufiger vorzeitig in die Rente. Dies hat der Gesetzgeber im Jahr 2014 erleichtert, aber nicht mit dem riesigen Zulauf gerechnet.
10.12.2022 16:30
Lesezeit: 2 min

Die Menschen in Deutschland gehen nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) immer häufiger früh in Rente. Viele scheiden demnach bereits mit 63 oder 64 Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus - und damit deutlich vor der Regelaltersgrenze. Der noch Anfang des Jahrtausends beobachtete rasante Anstieg der Erwerbstätigenquote bei den über 60-Jährigen sei in den vergangenen fünf Jahren weitgehend zum Stillstand gekommen, teilte das Institut am Samstag in Wiesbaden mit.

Eine Ursache dafür sei die „Rente mit 63“, also die seit 2014 bestehende Möglichkeit eines frühzeitigen Rentenbezugs ohne Abschläge für Menschen, die 45 Versicherungsjahre aufweisen können. Im damaligen Gesetzgebungsverfahren war von 200.000 bis 240.000 dieser Rentenanträge pro Jahr ausgegangen worden. Im vergangenen Jahr nutzten nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung vom November fast 270.000 Neurentner den abschlagsfreien Weg. Das waren 26,3 Prozent aller neuen Renten.

Zudem gehen dem BiB zufolge vermehrt Menschen vor der Regelaltersgrenze in den Ruhestand und nehmen dafür Abschläge bei der Rentenhöhe in Kauf. Diese Gruppe mache unter allen, die 2021 erstmals eine Altersrente bezogen, etwa ein Viertel aus. Im Schnitt gingen sie knapp 28 Monate vor der Regelaltersgrenze in den Ruhestand.

Zwischen 2000 und 2015 hatte sich die Erwerbstätigenquote bei den 60- bis 64-jährigen Männern mehr als verdoppelt, konstatiert das Institut. Bei Frauen im gleichen Alter gab es sogar eine Vervierfachung. Dieser Trend wurde den Angaben zufolge von den zwischen 1940 und 1950 geborenen Menschen bestimmt. Derzeit gehen hingegen die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er Jahre in den Ruhestand. Der vorzeitige Austritt aus dem Erwerbsleben verstärke den Mangel an erfahrenen und qualifizierten Arbeitskräften, schreibt das BiB weiter.

Noch offen ist den Experten zufolge die Entwicklung bei den jüngeren, nach 1960 geborenen „Babyboomern“, die auf den Renteneintritt zugehen. Zum einen stiegen die Altersgrenzen auch für langjährig Versicherte an. Zum anderen sei schwer einzuschätzen, in welchem Umfang sie Abschläge für einen vorgezogenen Ruhestand in Kauf nehmen.

In Deutschland erhöht sich bis 2029 das Alter für den Beginn der Rente schrittweise von 65 auf 67 Jahre. Für jene, die 1964 aufwärts geboren wurden, gilt künftig eine Regelaltersgrenze von 67 Jahren.

Die Zahlen zeigten, dass die Ausweitung der Erwerbstätigkeit in höhere Alter kein Selbstläufer sei, resümierte Elke Loichinger, Forschungsgruppenleiterin am BiB, die Entwicklungen. Um Arbeitskräfte länger im Erwerbsleben zu halten, müssten Anreize deutlich vor dem Eintritt in den Ruhestand erfolgen. „Wenn der Ruhestand erst einmal erfolgt ist, kommen nur wenige ins Erwerbsleben zurück“, betonte Loichinger. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Ende des Brexit? Britischer Premier schließt Wiedereintritt in EU nicht aus
30.09.2026

Der Brexit bleibt auch Jahre nach dem Austritt ein Dauerthema im Vereinigten Königreich. Mit seiner Haltung dazu sorgt der britische...

DWN
Politik
Politik Erster AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt? Siegmund stellt sich zur Wahl
30.09.2026

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will sich nach seinem Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Dezember als Ministerpräsident...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aus für Bohai-Automotive: Werksschließung in Harzgerode
30.09.2026

Der Autozulieferer Bohai Automotive schließt sein Werk im Harz endgültig. Rund 550 Arbeitsplätze verschwinden an dem traditionsreichen...

DWN
Politik
Politik Neuordnung Pflegeversicherung beschlossen: Regierung bringt Pflegereform auf den Weg
30.09.2026

Die Bundesregierung gibt nach langem Ringen von Union und SPD grünes Licht für die geplante Pflegereform. Das Kabinett beschließt den...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Immobilienberatung: ChatGPT wählt einen Immobilienkredit – sinnvoll oder nicht?
30.09.2026

Ein Wohnungskauf für rund 803.000 Euro, eine hohe Eigenleistung und der Wunsch nach Kindern: Kann ChatGPT bei der Wahl des passenden...