Politik

Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an neuer Regierung Israels

Der Zentralrat der deutschen Juden betrachtet die neue Regierung in Israel mit großer Sorge. Diese rüttele an den Grundfesten des demokratischen Staates.
12.01.2023 13:00
Aktualisiert: 12.01.2023 13:29
Lesezeit: 2 min
Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an neuer Regierung Israels
Benjamin Netanjahu, alter und neuer Regierungschef Israels. (Foto: dpa) Foto: Ilia Yefimovich

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, übt scharfe Kritik an der neuen israelischen Regierung. „Einschlägig vorbestrafte Rechtsextreme im Kabinett oder Gesetzesänderungen, damit korrupte Politiker Minister werden können, sind ein Tiefpunkt der israelischen Politikgeschichte“, schrieb Schuster in einem Beitrag im Tagesspiegel. Doch mahnte er zugleich: „Es darf keine reflexartige Abkehr von Israel geben.“

Schuster schrieb, es bewege viele Juden in aller Welt, wenn im jüdischen Staat eine neue Regierung vereidigt werde: „Es geht nicht spurlos an den jüdischen Gemeinschaften der Diaspora vorüber - nicht, wenn Minister dieser Regierung sich in rassistischer, diskriminierender und verstörender Weise äußern.“ Solche Positionen seien in der jüdischen Welt nicht mehrheitsfähig.

„Das moderne Israel ist als Gegenmodell zu Menschenverachtung und Ungerechtigkeit entstanden“, betonte Schuster. „Dem Land und seinen Menschen gehört auch in diesen Zeiten unsere Solidarität.“ Man solle nun nicht in „rein gefühlsmäßige Bewertungen verfallen, sondern Vernunft und Maß halten, wie es unter demokratischen Staaten üblich ist, auch wenn einzelne Positionen und Handlungen aus diesem Wertekanon fallen mögen.“

Weite Teile der israelischen Bevölkerung lehnten den angekündigten Kurs der neuen Regierung ab, schrieb Schuster weiter. „Die Mehrheit der Menschen haben Angst und Sorge um ihr Land.“ Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hätten in Israel jahrzehntelang Kriege und Krisen überstanden. Nun stünden sie vor einer erneuten Bewährungsprobe, meinte Schuster.

Am Wochenende hatten Tausende Menschen in der israelischen Küstenstadt Tel Aviv gegen die neue ultrarechte Regierung des wiedergewählten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu demonstriert. Sie war Ende Dezember vereidigt worden. Erstmals sind rechtsextreme Politiker in der Koalition vertreten.

Scharfe Kritik an geplanter Justiz-Reform

In Israel haben mehrere ehemals hochrangige Justizbeamte äußerst scharfe Kritik an der geplanten Justizreform der neuen rechts-religiösen Regierung geübt. „Wir sind überzeugt, dass dieser Plan keine Verbesserung des (Justiz-)Systems verspricht, sondern es vielmehr zu zerstören droht“, heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung, die von elf früheren General- und Staatsanwälten unterzeichnet wurde. Sie seien entsetzt gewesen, als sie von den Plänen des neuen Justizministers Jariv Levin hörten.

Die geplante Änderung bei der Ernennung von Richtern führe dazu, den Obersten Gerichtshof von einer unabhängigen Institution in ein „pseudopolitisches Gremium zu verwandeln, das verdächtigt werden kann, Entscheidungen zugunsten der Regierung zu fällen“, heißt es in dem Schreiben weiter. Sie forderten die Regierung auf, die Pläne aufzugeben.

Am Mittwochabend war ein erster Gesetzentwurf zu den Reformplänen veröffentlicht worden. Eine Mehrheit im Parlament soll demnach ein Gesetz verabschieden können, auch wenn es nach Ansicht des Höchsten Gerichts gegen das Grundgesetz verstößt. Levin will außerdem die Zusammensetzung des Gremiums zur Ernennung von Richtern ändern. „Ich denke, dass (diese Reform) für die Existenz der Demokratie und die Wiederherstellung des Vertrauens der Öffentlichkeit unerlässlich ist“, sagte Levin. Er wirft dem Höchsten Gericht etwa eine übermäßige Einmischung in politische Entscheidungen vor.

Der frühere Ministerpräsident Ehud Barak rief angesichts der Pläne zu Protest auf. Die neue Regierung wolle „das Regierungssystem stürzen und die Unabhängigkeitserklärung sowie die Grundwerte, für die der Staat Israel gekämpft hat und zu deren Förderung er gegründet wurde“ zerstören, schrieb Barak in einem Gastbeitrag in der israelischen Zeitung Jediot Achronot. Es sei Pflicht eines jeden Bürgers, sich dem Kampf für das Heimatland anzuschließen.

Am Samstag ist in Tel Aviv erneut eine Demonstration mit mehreren Tausend Menschen gegen die neue Regierung geplant. Israel neuer Polizeiminister, Itamar Ben-Gvir, hatte bereits ein härteres Vorgehen gegen Demonstrationen und Demonstranten angekündigt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Stellantis-Aktie im freien Fall: Börse reagiert schockiert – Opel-Mutter Stellantis beendet Elektro-Strategie
06.02.2026

Die Stellantis-Aktie gerät nach einer drastischen Kehrtwende in den USA massiv unter Druck. Milliardenabschreibungen, gestrichene...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Bauerfeind aus Thüringen expandiert: Mit Stützstrümpfen zum Hidden Champion
06.02.2026

Klein, aber fein: Bauerfeind, ein Familienunternehmen und „Hidden Champion“ aus Thüringen. Ob auf Reisen, im Alltag, im Job oder beim...

DWN
Politik
Politik US-Rohstoffpolitik unter Druck: J.D. Vance spricht über neue Ansätze bei seltenen Erden
06.02.2026

Die USA prüfen angesichts ihrer Abhängigkeit von China bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen neue außenwirtschaftliche Optionen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ostdeutscher Maschinenbau überrascht: Auftragseingang 2025 deutlich im Plus
06.02.2026

Während der Auftragseingang im deutschen Maschinenbau insgesamt stagnierte, legte Ostdeutschland 2025 spürbar zu. Nach Angaben des VDMA...

DWN
Politik
Politik Hubig in Den Haag: Heikle Mission zwischen US-Sanktionen und Völkerrecht
06.02.2026

Nach US-Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof steht Justizministerin Stefanie Hubig in Den Haag vor einer heiklen Aufgabe....

DWN
Politik
Politik Russlands Aktivitäten im Orbit: Wachsende Risiken für Europas Satelliteninfrastruktur
06.02.2026

Russische Aktivitäten im Orbit rücken Europas Satelliten stärker in den Fokus der Sicherheitsbehörden. Welche Risiken ergeben sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rüstungsexporte: Bundesregierung genehmigt 12 Milliarden Euro – Kritik an Golfregion-Geschäften
06.02.2026

Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr Rüstungsexporte im Umfang von rund 12 Milliarden Euro genehmigt – leicht weniger als in den...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 06: Die wichtigsten Analysen der Woche
06.02.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 06 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...