Finanzen

Bank of England flutet den Markt mit Staatsanleihen

Die Bank of England hat in erheblichem Umfang Staatsanleihen an den Markt verkauft. Eine so gewagte Reduzierung der Bilanz wagt derzeit keine andere Notenbank.
Autor
13.01.2023 20:07
Lesezeit: 3 min

Die Bank of England hat am Donnerstag gemeldet, dass sie sämtliche britischen Staatsanleihen im Wert von 19,3 Milliarden Pfund verkauft hat, die sie zwischen dem 28. September und dem 14. Oktober während der Krise der britischen Pensionsfonds erworben hatte, die gefährlich auf andere Finanzmärkte überzugreifen drohte.

Dabei ging es um konventionelle Staatsanleihen mit langer Laufzeit im Umfang von 12,1 Milliarden Pfund und inflationsgeschützte Staatsanleihen im Umfang von 7,2 Milliarden Pfund. Allerdings verkaufte die Bank of England die Gilts für 23,1 Milliarden Pfund und machte damit einen Gewinn von 3,8 Milliarden Pfund oder 19,7 Prozent in nur etwa drei Monaten.

Die Bank of England ist damit die erste große Zentralbank, die Staatsanleihen nicht nur mit der Zeit fällig werden lässt und sie auf diese Weise im Laufe der Jahre langsam aus der Bilanz verschwinden lässt, wie es die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank tun, sondern die britische Notenbank verkauft Staatsanleihen in den Finanzmarkt.

Der Verkauf langlaufender Staatsanleihen durch die Bank of England war ein durchaus gewagtes Experiment. Doch es hat sehr gut funktioniert. Es ist der Notenbank gelungen, ihre Bilanz um eine zweistellige Milliardensumme zu reduzieren, ohne einen Preisverfall auszulösen. Es scheint, dass Quantitatives Straffen (Quantitative Tightening, QT) tatsächlich möglich ist - auch für andere Zentralbanken.

Wie kam es zur Krise der Pensionsfonds?

Die Staatsanleihen, welche die Bank of England im Verlauf der letzten Monate verkauft hat, hatte sie gekauft, um fremdfinanzierten Pensionsfonds im Vereinigten Königreich eine Atempause zu verschaffen, damit sie ihre Schulden abbauen konnten. Denn Ende September standen einige der größten Pensionsfonds des Landes vorübergehend am Rand des Bankrotts.

Diese Pensionsfonds hatten jahrelang eine Anlagestrategie verwendet, die als "Liability-Driven Investment" (LDI) bezeichnet wird und aus etwa 1 Billionen Pfund an Derivaten auf Staatsanleihen bestand, wie der Finanzblog Wolfstreet.com erklärt. Die Derivate waren aber so konzipiert, dass sie dauerhafte Null-Zinsen voraussetzten.

Als die Renditen von Staatsanleihen mit langer Laufzeit viel schneller und viel weiter stiegen, als die Modelle der Pensionsfonds vorhergesehen hatten, flogen ihre Investments in die Luft. Die Fonds erhielten Nachschussforderungen von denselben Investmentbanken, die ihnen diese LDI-Fonds verkauft hatten.

In der Folge mussten die Pensionsfonds erhebliche Teile ihrer Bestände an Gilts veräußern, um diesen Nachschussforderungen der Investmentbanken zuvorzukommen oder um sie zu bezahlen. Doch durch diese Zwangsverkäufe geriet der Markt weiter in Aufruhr und die Gilts drohten in eine "Todesspirale" zu geraten.

Also sah sich die Bank of England zum Handeln gezwungen. Sie sprach viel davon, dass sie riesige Mengen an Gilts kaufen würde, kaufte dann aber nur sehr geringe Mengen. Und im November begann sie dann umgehend wieder mit dem Verkauf dieser Anleihen, die sie im September und Oktober gekauft hatte, und jetzt hat sie die erworbenen Anleihen alle wieder verkauft.

"Die Käufe wurden getätigt, um nach den Störungen auf dem Markt für britische Staatsanleihen wieder geordnete Marktbedingungen herzustellen und so die Risiken einer Ansteckung der Kreditbedingungen für britische Haushalte und Unternehmen zu verringern", hieß es heute in der Pressemitteilung.

Bank of England wagt den Sprung ins kalte Wasser

Einige Analysten hatten erwartet, dass die Anleihekäufe der Bank of England im Kampf gegen die Krise der Pensionsfonds eine Rückkehr zur Quantitativen Lockerung (Quantitative Easing, QE) darstellen könnte. Denn tatsächlich kaufte eine große Notenbank wieder Anleihen, und die Vermutung lag nahe, dass andere Zentralbanken ihre Anleihekäufe nun ebenfalls wieder aufnehmen könnten.

Doch dies ist - trotz der fallenden Finanzmärkte - nicht geschehen: Stattdessen hat die Federal Reserve ihr Programm zur Quantitativen Straffung gnadenlos fortgesetzt. Die US-Notenbank hat ihre Bilanz bereits 458 Milliarden Dollar reduziert. Dabei verkauft sie zwar keine Anleihen an den Markt, doch sie lässt fällig werdende Anleihen ersatzlos auslaufen.

Die Bank of England hat in den letzten Monaten gezeigt, dass der direkte Verkauf von Staatsanleihen im Rahmen einer Quantitativen Straffung gut funktionieren kann und eben nicht das Ende der Welt bedeuten muss. Man beachte, dass das Tempo ihrer Verkäufe zunächst sehr zögerlich war und sich dann immer weiter steigerte, bis nichts mehr zum Verkaufen übrig war.

"Um sicherzustellen, dass die Bank ihre Zusage einhält, dass die Käufe vorübergehender Natur sind begann die Bank am 29. November mit der Rückführung dieser Käufe", so die Bank of England in ihrer Pressemitteilung. Wolfstreet.com resümiert: "Damit hat die BOE anderen Zentralbanken und der Fed gezeigt, wie man Staatsanleihen ohne Umschweife und in einer fulminanten Rallye verkauft."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen VW kündigt Tarifvertrag: Was jetzt auf 100.000 Beschäftigte zukommt – und auf die VW-Aktie
30.09.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und kündigt einen Großteil seiner Haustarifverträge. Nach Angaben der IG Metall sind zehn...

DWN
Politik
Politik Innere Sicherheit: Innenministerkonferenz beschließt nicht mehr einstimmig
30.09.2026

Die Innenministerkonferenz verabschiedet sich vom Einstimmigkeitsprinzip, um zukünftig "Blockaden" zu verhindern. Künftig reichen 13...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Ende des Brexit? Britischer Premier schließt Wiedereintritt in EU nicht aus
30.09.2026

Der Brexit bleibt auch Jahre nach dem Austritt ein Dauerthema im Vereinigten Königreich. Mit seiner Haltung dazu sorgt der britische...

DWN
Politik
Politik Erster AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt? Siegmund stellt sich zur Wahl
30.09.2026

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will sich nach seinem Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Dezember als Ministerpräsident...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aus für Bohai-Automotive: Werksschließung in Harzgerode
30.09.2026

Der Autozulieferer Bohai Automotive schließt sein Werk im Harz endgültig. Rund 550 Arbeitsplätze verschwinden an dem traditionsreichen...