Finanzen

EZB-Zinserhöhung am Donnerstag um 0,5 Punkte gilt als sicher

Alles deutet darauf hin, dass die EZB eine erneute kräftige Zinserhöhung ankündigen wird. Doch über den weiteren Kurs im Februar und März sind Ökonomen uneins.
28.01.2023 12:15
Lesezeit: 2 min

Im Kampf gegen die hohe Inflation wird die EZB bei ihrer ersten Zinssitzung im neuen Jahr voraussichtlich erneut kräftig an der Zinsschraube drehen. Anleger und Experten gehen davon aus, dass die Währungshüter um Notenbankchefin Christine Lagarde auf ihrem Treffen am Donnerstag die Schlüsselsätze wie zuvor im Dezember um einen halben Prozentpunkt anheben werden.

Das Augenmerk richtet sich vor allem darauf, wie sich Lagarde nach dem Beschluss zum weiteren Zinspfad äußern wird. Die EZB-Chefin hatte zwar im Dezember mehrere Zinserhöhungen um jeweils 0,50 Prozentpunkte in Aussicht gestellt. Doch an den Finanzmärkten wurde zuletzt auch spekuliert, die EZB könne bereits im März auf eine weniger aggressive Gangart umschalten und die Zinsen dann lediglich um einen Viertel Prozentpunkt anheben.

Höhere Kosten hätten wahrscheinlich viele Unternehmen veranlasst, weitere Preiserhöhungen durchzusetzen, vor allem zu Beginn des Jahres, meint Europa-Volkswirtin Ulrike Kastens von der Fondsgesellschaft DWS. Sie verwies auf die Kerninflation, in der die schwankungsreichen Preise für Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak herausgerechnet sind. Diese könne in den nächsten Monaten sogar in Richtung 5,5 Prozent von 5,2 Prozent im Dezember steigen. "All dies spricht für weitere Zinserhöhungen: 50 Basispunkte sind unserer Meinung nach im Februar gesetzt", so die Expertin. Auch ING-Chefökonom Carsten Brzeski ist sich für Donnerstag sicher: "Eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte scheint beschlossene Sache zu sein." Kein einziger EZB-Vertreter habe eine divergierende Ansicht geäußert.

Die Inflation war im Dezember zwar infolge sinkender Energiepreise auf 9,2 Prozent von 10,1 Prozent im November zurückgegangen. Von Entwarnung zu reden wäre aber verführt. Denn die Teuerung liegt damit immer noch mehr als vier mal so hoch wie das Ziel der EZB von zwei Prozent Inflation. Zudem war die Kernrate zuletzt von 5,0 Prozent im November auf 5,2 Prozent angestiegen. Die jüngsten Projektionen der EZB-Volkswirte vom Dezember waren davon ausgegangen, dass die Inflation auch 2025 mit 2,3 Prozent noch über der Notenbank-Zielmarke liegen wird.

Was die darauffolgende März-Zinssitzung angeht, sprechen die Kurse an den Finanzmärkten keine eindeutige Sprache. Die Volkswirte der US-Großbank Citigroup verweisen auf die Beschlüsse vom Dezember. "Wir interpretieren das Ergebnis der Dezembersitzung des EZB-Rats dahingehend, dass eine Reihe von Zinserhöhungen um 50 Basispunkte, zumindest im Februar und März, mehr als nur eine Erwartung war," schreiben die Citigroup-Ökonomen. "Es war eine feste Absicht." Dieser Ausblick sei Bestandteil der Entscheidung gewesen - die Hürde für eine Abänderung werde daher sehr hoch sein.

Aus Sicht von DZ-Bank-Analyst Christian Reicherter ist ein ausgeprägter Konjunktureinbruch zuletzt zwar weniger wahrscheinlich geworden. Doch mit Blick auf die kommenden beiden Quartale sollte eine rezessive Phase nicht ausgeschlossen werden. Letztendlich rechne er damit, dass die EZB-Führung mit Blick auf die März-Sitzung an ihrer Orientierung für eine weitere Anhebung um einen halben Prozentpunkt festhalten wird. "Für eine Abkehr vom avisierten Zinserhöhungspfad bräuchte es ansonsten gute Gründe, um nicht die Glaubwürdigkeit der Notenbank zu untergraben", sagt Reicherter.

Die Volkswirte der US-Bank Morgan Stanley gehen davon aus, dass die EZB auch im März die Zinsen um 0,50 Prozentpunkte anhebt, dann aber im Mai das Tempo auf 0,25 Prozentpunkte verlangsamen wird. "Wir denken, dass sie im Juni ihren Zinserhöhungszyklus beenden wird mit Erreichen eines Zinsgipfels bei 3,25 Prozent", schätzt das Geldhaus. Aktuell liegt der Einlagensatz, den Banken für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank erhalten und der aktuell am Finanzmarkt der maßgebliche Zins ist, bei 2,0 Prozent.

ING-Chefvolkswirt Brzeski sieht jetzt vor allem die Kommunikation der EZB gefragt. "Wenn EZB-Währungshüter nicht zufrieden sind wie die Finanzmärkte ihre Kommunikation wahrnehmen, sollten sie sich vielleicht selbst fragen, warum das geschieht, und über die Botschaften nachdenken, die sie gesendet haben." (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Glücksspielregulierung 2026: Wie OASIS und LUGAS den Wirtschaftsstandort prägen

Wer die Entwicklung des deutschen Glücksspielmarktes über die vergangenen zwei Jahrzehnte verfolgt, erkennt eine Branche im radikalen...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditklemme 2026: Wird Finanzierung zum Problem?
18.06.2026

Nicht der abgelehnte Kredit ist das größte Risiko für Deutschlands Mittelstand – sondern der Antrag, der gar nicht mehr gestellt wird....

DWN
Politik
Politik Ukraine greift Putin an: Drohnen schlagen tief in Moskau ein
18.06.2026

Mitten während eines internationalen Gipfels trifft die Ukraine eine der wichtigsten Ölraffinerien Moskaus und setzt damit ein deutliches...

DWN
Politik
Politik Pistorius zu Hormus-Mission: "Wir sind jedenfalls ready"
18.06.2026

Zwei Schiffe der Deutschen Marine haben den Suezkanal passiert. Im Roten Meer sollen sie sich bereithalten, um bei Bedarf schnell in der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Evonik-Aktie: Chemiekonzern streicht weitere 3.200 Jobs und schließt Werk
18.06.2026

Evonik verschärft seinen Sparkurs und streicht bis Ende 2029 weitere 3.200 Stellen. Gleichzeitig zieht das Unternehmen die Reißleine bei...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kann Slowenien Strom-Sharing?
18.06.2026

Die slowenische Firma SunContract hat einen neuen Marktplatz für Strom-Sharing eröffnet: Das Unternehmen übernimmt die mit dem...

DWN
Politik
Politik Ärger um Entgelttransparenz: Deutschland setzt EU-Richtlinie nicht um
18.06.2026

Die EU-Richtlinie zur Entgelttransparenz, die die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen verkleinern soll, gilt bereits. Doch Deutschland...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VW verschärft Sparkurs: 28.000 Jobaustritte bereits vereinbart
18.06.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und treibt den Stellenabbau trotz erster Erfolge weiter voran. Konzernchef Oliver Blume sieht das...

DWN
Technologie
Technologie KI treibt die Energiewende voran und erhöht den Druck auf Netzbetreiber
18.06.2026

Millionen neue Stromquellen machen die Steuerung der Netze komplexer denn je – Künstliche Intelligenz soll den Umbau bewältigen und den...