Politik

Chinesischer Einstieg bei Hamburger Terminal wackelt wieder

Das Hamburger Hafenterminal Tollerort, an dem sich Chinesen beteiligen wollen, ist als kritische Infrastruktur registriert worden. Wird der Deal neu aufgerollt?
12.04.2023 16:40
Aktualisiert: 12.04.2023 16:40
Lesezeit: 3 min

Der umstrittene Einstieg des chinesischen Staatskonzerns Cosco bei einem Hamburger Container-Terminal steht ein halbes Jahr nach einer Grundsatzentscheidung der Bundesregierung wieder in Frage. Grund ist, dass das Terminal Tollerort inzwischen als kritische Infrastruktur eingestuft wird. Eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte am Mittwoch in Berlin, da sich die Voraussetzungen geändert hätten, prüfe das Ministerium nun die Auswirkungen auf den Sachverhalt.

Welche Folgen das haben könnte und ob der Deal doch noch vollständig untersagt werden könnte, ist unklar. Die Sprecherin Habecks wies daraufhin, dass unabhängig von der neuen Sachlage noch eine letzte Bestätigung des Ministeriums für den geplanten Erwerb durch Cosco fehle.

Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge sagte: „Die Bundesregierung sollte diese neue Bewertung zum Anlass nehmen, die Beteiligung von Cosco am Hamburger Hafen noch einmal sehr kritisch zu überprüfen. Die Beteiligung von Cosco am Hamburger Hafen ist ein Fehler.“

Cosco wollte ursprünglich 35 Prozent der Betriebsgesellschaft der Container Terminal Tollerort GmbH übernehmen und das Terminal im Gegenzug zum bevorzugten Umschlagplatz in Europa aufwerten. In der Bundesregierung war jedoch ein heftiger politischer Streit entbrannt über die Frage, ob eine chinesische Beteiligung zugelassen werden soll. Das Kabinett beschloss im vergangenen Oktober eine sogenannte Teiluntersagung, die nur einen Anteilserwerb von Cosco unter 25 Prozent zulässt. Ein weitergehender Erwerb oberhalb dieses Schwellenwerts wurde untersagt.

Kanzler Olaf Scholz (SPD) hatte sich für den Erwerb ausgesprochen. Innerhalb der Bundesregierung hatte es jedoch heftigen Gegenwind gegeben. Das Außenministerium und andere Ressorts hatten schwere Bedenken zur Entscheidung des Kabinetts geäußert. Der Erwerb erweitere den strategischen Einfluss Chinas auf die deutsche und europäische Transportinfrastruktur sowie die deutsche Abhängigkeit von China unverhältnismäßig, hieß es in einer Protokollerklärung Ende Oktober. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) reist diese Woche zu ihrem ersten Besuch nach China.

Zum Zeitpunkt der Investitionsprüfung durch das Wirtschaftsministerium im Herbst war das Container-Terminal noch nicht als kritische Infrastruktur eingestuft. Dies geschah Anfang 2023, wie die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) als Muttergesellschaft des Container-Terminals mitteilte.

„Die HHLA AG hat im Ergebnis der Prüfung das Terminal Tollerort als Kritis-Anlage registriert“, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums auf Anfrage mit. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) habe die von dem Unternehmen abgegebene Registrierung geprüft und die Angaben bestätigt.

Zuvor hatte die „Süddeutsche Zeitung“ nach einer gemeinsamen Recherche mit NDR und WDR berichtet, das BSI habe das Terminal Tollerort mittlerweile als kritische Infrastruktur und damit als besonders schützenswert eingestuft. Dies könne die chinesische Beteiligung noch einmal infrage stellen.

Aus Sicht des Unternehmens HHLA bedeutet die neue Registrierung jedoch keine wesentliche Änderung. „Denn der HHLA Konzern ist bereits seit 2018 als kritische Infrastruktur eingestuft und hat sich entsprechend aufgestellt. Die damit einhergehenden Pflichten zur Sicherheit der IT-Infrastruktur erfüllt das Unternehmen bereits seitdem vollumfänglich“, so eine Sprecherin. Der operative Betrieb des Terminals, sämtliche Kundenbeziehungen und auch die IT-Systeme würden zentral durch den HHLA-Konzern gesteuert. Cosco würde keinen Zugriff und keine Entscheidungsrechte erlangen, ebenso wenig wie in Bezug auf Grund und Boden des Terminals.

Dröge sagte, kritische Infrastruktur müsse geschützt werden. „Gerade hier dürfen wir uns von autoritären Staaten nicht abhängig und erpressbar machen. Das gefährdet unsere Sicherheit und Souveränität und schadet am Ende auch der deutschen Wirtschaft.“

Der Hamburger FDP-Energiepolitiker Michael Kruse findet, eine erneute Überprüfung der chinesischen Staatsbeteiligung sei „unausweichlich“. Die Beteiligung an dem Terminal dürfe nicht vollzogen werden, nur weil die Einordnung als kritische Infrastruktur jetzt erst erfolgt sei. „Bundeskanzler Olaf Scholz, der sich zusammen mit Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher sehr für diese Beteiligung eingesetzt hatte, muss nun klären, warum die Einschätzungen aus dem BSI unter Aufsicht des SPD-geführten Innenministeriums nicht bereits früher vorlagen und bisher offensichtlich nicht in die Entscheidungsfindung der Bundesregierung eingeflossen sind.“

Nach der Außenwirtschaftsverordnung gibt die Einstufung als kritische Infrastruktur dem Wirtschaftsministerium bei einer Investitionsprüfung mehr Möglichkeiten, eine Übernahme durch Unternehmen aus Nicht-EU-Staaten zu untersagen.

Mit der Frage, was zur kritischen Infrastruktur zählt, beschäftigt sich das Bundesinnenministerium. Die Frage, ob eine Investition ausländischer Unternehmen in bestimmte Einrichtungen genehmigt wird oder nicht, wird dem Bundeswirtschaftsministerium vorgelegt.

Dass die Bundesregierung Einrichtungen, die mit Verkehr, Kommunikation und Energieversorgung zusammenhängen, seit einigen Monaten noch einmal gründlicher auf ihre Widerstandsfähigkeit hin überprüft, hängt auch mit zwei Ereignissen aus dem vergangenen Jahr zusammen. Denn sowohl der Sprengstoffanschlag auf die Nord-Stream-Pipelines im September als auch der Sabotageangriff auf das Funknetz der Deutschen Bahn im Oktober haben den Verantwortlichen die bestehenden Risiken deutlich vor Augen geführt.

Hackerangriffe auf Krankenhäuser, Stadtverwaltungen und andere wichtige Einrichtungen, um die sich das BSI kümmert, hatte man zwar vorher auch schon auf dem Schirm, Angriffe in der analogen Welt, bei denen Pipelines oder Kabel zerstört werden, aber weniger.

Voraussichtlich noch vor dem Herbst soll das Kabinett für einen besseren Schutz der kritischen Infrastruktur ein „Kritis-Dachgesetz“ beschließen. In den dazu bereits vorgelegten Eckpunkten heißt es, der Staat solle eine größere Verantwortung beim Schutz kritischer Infrastrukturen übernehmen. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Comeback mit Verbrennungsmotoren: Volvo schaltet auf gemischten Antrieb um
17.09.2026

Volvo will den Weg aus der Krise schaffen und setzt dabei wieder verstärkt auf Verbrenner. Neue Fahrzeugmodelle sollen dem schwedischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerkschaftsstudie: Gesenkte Gastronomie-Mehrwertsteuer bringt Gästen keine Preisvorteile
17.09.2026

Seit Jahresbeginn gilt für Restaurantspeisen der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Trotzdem verzeichnen Verbraucher...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie: Fertigungssektor verzeichnet historischen Höchststand bei Auftragsreserven
17.09.2026

Der krisenerschütterte Industriesektor blickt dank prall gefüllter Orderbücher optimistischer auf eine mögliche Überwindung der...