Finanzen

Krise schwelt weiter: US-Banken saugen sich mit Notfallkrediten voll

Nur Notfall-Maßnahmen verhindern derzeit, dass die schwelende Bankenkrise in den USA erneut eskaliert.
15.05.2023 17:57
Aktualisiert: 15.05.2023 17:57
Lesezeit: 5 min
Krise schwelt weiter: US-Banken saugen sich mit Notfallkrediten voll
Die Bankenkrise in den USA schwelt weiter. (Bild: iStock.com/Dilok Klaisataporn) Foto: Dilok Klaisataporn

Notkredite in dreistelliger Milliardenhöhe verhindern derzeit, dass die im US-amerikanischen Bankensystem schwelende Krise nicht erneut eskaliert. Dabei greifen die in bilanzielle Schieflage geratenen Geldinstitute auf vier Hilfsmechanismen zurück, um die Abflüsse von Kundeneinlagen auszugleichen und sich zeitlich begrenzt über Wasser zu halten.

Vier Reißleinen für die Banken

Bei diesen Hilfsmechanismen handelt es sich um das sogenannte Discount Window der US-Zentralbank Federal Reserve System, das von der Federal Reserve aufgelegte Bank Term Funding Program (BTFP), das System der Brückenbanken, welches von der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) verwaltet wird, sowie das System der Federal Home Loan Banks. Hierbei handelt es sich um einen genossenschaftlichen Bankenverband bestehend aus über 8.000 Mitgliedsbanken, der vom amerikanischen Zentralstaat gefördert wird.

Zuletzt massiv in Anspruch genommen wurden Unterstützungsleistungen der Brückenbanken. Bei diesen handelt es sich um von der FDIC eingesetzte Verwaltungen, welche temporär die Kontrolle über insolvente Geldinstitute übernehmen mit dem Ziel, Vermögenswerte und Verbindlichkeiten dieser Krisenbanken zu verwalten, bis der Staat einspringt oder das betreffende Institut an einen Investor verkauft werden kann.

Die Notkredite, welche im Rahmen dieser Tätigkeit gewährt werden, haben sich inzwischen auf rund 213 Milliarden US-Dollar aufgetürmt. Vor dem Beginn der Krise der amerikanischen Kleinbanken im März gab es keine Kreditvergabe in nennenswertem Umfang im Rahmen dieses Instruments, wie aus einem Schaubild von Forbes hervorgeht.

Letzten verfügbaren Daten zufolge hat auch die Kreditvergabe über das Bank Term Funding Program deutlich zugenommen, und zwar um 8 Milliarden Dollar auf ein Gesamtvolumen von mehr als 83,1 Milliarden Dollar, was einen neuen Höchststand darstellt. Das BTFP wurde im März als Reaktion auf den Kollaps der Silicon Valley Bank, der Signature Bank und der Krypto-Bank Silvergate eingerichtet, um strauchelnde Institute mit einjährigen Notfallkrediten zu versorgen.

Zu den Instituten, die Mittel des BTFP in Anspruch nahmen, gehören dem Nachrichtenblog Cashkurs zufolge mindestens „neunzehn Banken in den USA, darunter PacWest Bancorp, East West Bancorp und Glacier Group.“

Deutlich zurückgegangen ist die Kreditvergabe hingegen über das Discount Window der Zentralbank. Nachdem hier noch im März fast 150 Milliarden Dollar abgerufen wurden, reduzierte sich das Volumen auf zuletzt rund 9 Milliarden Dollar.

Insgesamt ergibt sich nach Betrachtung dieser drei Hilfsmechanismen ein Gesamtvolumen ausstehender Notkredite von rund 305 Milliarden Dollar und damit ein anhaltend hoher Bedarf, wie aus folgender Grafik hervorgeht.

Hinzu kommen aber noch Hilfskredite der Federal Home Loan Banks, welche ebenfalls substanziell ausfallen. Aktuellen Zahlen für das erste Quartal zufolge stiegen diese zwischen Ende Dezember 2022 und Ende März 2023 von 819 Milliarden Dollar auf ein Kreditvolumen von 1,04 Billionen Dollar, ein Anstieg um 225 Milliarden Dollar oder 27 Prozent innerhalb eines Quartals.

„Dass dieser Zuwachs der Notkredite an Kreditinstitute in Zusammenhang mit der Bankenkrise steht, und dass aufgrund der Vertrauenskrise der Einleger viele Banken in Liquiditätsnot gerieten, zeigt folgende Zahl: In der Woche nach der Schließung von SVB und Signature Bank im März durch die US-Aufsichtsbehörden emittierten die Federal Home Loan Banks, die gemeinsam Schulden ausgeben, laut Bloomberg eine Rekordsumme von 304 Milliarden Dollar an Schulden. Die Verschuldung hat sich seit diesem Höchststand zwar verringert, ist aber immer noch historisch hoch“, schreibt Finanzmarktwelt.

„Kicking the can down the road“

Kombiniert man den Umfang der von den vier Programmen geleisteten Hilfskredite, ergibt sich ein Volumen von mehr als 500 Milliarden Dollar.

Diese massiven Liquiditätsinjektionen sind der Hauptgrund dafür, warum die im Regionalbankensystem schwelende Krise bislang noch nicht eskaliert ist: die Institute werden mit Fremdkapital gestützt – so lange, bis die Skepsis an den Märkten und das Misstrauen der Privatkunden abgeklungen ist. Das zumindest scheint das Kalkül zu sein.

Auch wenn sie akute Zusammenbrüche offensichtlich verhindern, stellen diese Stützungsbemühungen aber keine langfristig tragfähige Lösung dar. Denn die meisten der vergebenen Darlehen weisen Zinssätzen von rund 5 Prozent auf und verschärfen dadurch auf mittlere Sicht nur die Schuldenlast der ohnehin angeschlagenen Institute.

Die Schieflage, in der sich viele kleinere Banken in den USA derzeit befinden, hat einen strukturellen Grund – die Normalisierung der Geldpolitik durch die Zentralbank Federal Reserve.

So haben die Zinserhöhungen unter anderem dazu geführt, dass die Kurse amerikanischer Staatsanleihen, welche die Banken in großem Umfang in ihren Portflien halten, gesunken sind und zu buchhalterischen Verlusten führen.

Diese Buchverluste ist theoretischer Natur, werden aber sofort zu einem akuten Problem, wenn die in den Bilanzen geführten Anleihen aus irgendeinem Grund rasch verkauft werden müssen – beispielsweise, um schnell an frisches Kapital zu kommen.

Bei der Silicon Valley Bank geschah genau das. Sie war gezwungen, Anleihen mit deutlichen Kursverlusten zu verkaufen, um jenes Geld zu generieren, mit dem sie die im Marktvergleich zu hohen Zinsen für ihre Kundeneinlagen bezahlen musste. Nachdem sich diese Notverkäufe herumgesprochen hatten, begannen die Einleger damit, ihr Erspartes von der Bank abzuziehen.

Analysten der Federal Reserve schätzten in einem im April veröffentlichten Bericht, dass die aus den Leitzinsanhebungen resultierenden Buchverluste zum Ende des dritten Quartals 2022 bei 722 amerikanischen Banken mehr als 50 Prozent des Eigenkapitals betrugen. Wie die Lage heute, Mitte des zweiten Quartals 2023 nach weiteren Leitzinserhöhungen darstellt, kann nur spekuliert werden.

Der Einlagen-Abfluss von geschätzt einer Billion Dollar aus den Banken hin zu höher verzinsten Geldmarktfonds sowie die Buchverluste bei Anleihen werden mithilfe der oben beschriebenen Hilfszahlungen derzeit noch abgefedert beziehungsweise präventiv stabilisiert.

Eine nachhaltige Lösung stellt dieses Vorgehen nicht dar, weil diese Kredite einerseits mit Zins zurückgezahlt werden müssen (die strauchelnden Banken also unter dem Strich noch stärker belastet werden) und weil das Grundproblem fortbesteht: ein im Zuge jahrelanger Nullzinspolitik der Zentralbank mit gigantischen Schulden aufgeschwämmtes Bankensystem, das sich auf ebenfalls als Folge von Nullzinsen aufgeblasenen Bewertungen an den Aktienmärkten stützte, wird mit einem rasch steigenden Zinsniveau und daraus folgend dem Zwang zu Effizienz, höherem Schuldendienst und produktiverer Wirtschaftsleistung konfrontiert.

Banken und vor allem unproduktive Unternehmen, die sich bislang stets mithilfe neuer Schulden über Wasser hielten (sogenannte „Zombies“), gehen in einem solchen Szenario schnell dem Ende ihrer Handlungsoptionen entgegen.

„Eher ein Zirkus als eine Bank“

Roman Baudzus wirft in einem Artikel auf Cashkurs eine Reihe interessanter Fragen bezüglich der Krise im US-Bankensystem auf – um diese schließlich selbst zu beantworten:

Es steht ebenfalls die Frage im Raum, warum sich Amerikas Banken nicht frühzeitig gegen Zinsrisiken durch ein entsprechendes Hedging ihrer gehaltenen Staatsanleihe- und MBS-Positionen abgesichert haben.

Zusätzlich haben die Managements der meisten Institute bislang unbeholfen dabei zugeschaut, wie Leerverkäufer ihre Aktien eine nach der anderen wie Tontauben abgeschossen haben.

Da die mit steigenden Zinsen verbundenen Risiken doch klar und deutlich auf der Hand lagen, stellt sich überdies die Frage, warum Amerikas Regionalbanken nicht zu einem weit früheren Zeitpunkt Kapitalerhöhungen angestrebt und durchgeführt haben, um sich für vermeintlich schlechtere Zeiten entsprechend zu wappnen.

Nun gut, wer sich Berichte aus dem Monat März mit Titeln wie SVB: Rather a circus, not a bank in Erinnerung ruft, wird wahrscheinlich keine offenen Fragen haben. Eine Verbreitung von „woken“ Videobotschaften war dem Management und der Belegschaft augenscheinlich wichtiger als das Risikomanagement der Bank.

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