Politik

Bayern soll Gas aus Italien geliefert bekommen

Bayern kann mit Gas-Lieferungen aus Italien rechnen. Mit der neu entstehenden Pipeline "Adriatic Line" wird eine Alternative zu Russland und LNG geschaffen.
27.09.2023 11:39
Aktualisiert: 27.09.2023 11:39
Lesezeit: 2 min

Italien will in den kommenden Jahren seine Gaslieferungen in den Norden ausbauen und dann neben Österreich auch Bayern versorgen. Mithilfe der neu entstehenden Röhre "Adriatic Line" von dem zentralitalienischen L'Aquila nach Bologna könnten Österreich, Bayern und auch Ungarn versorgt werden, sagte Italiens Energieminister Gilberto Pichetto Fratin der Nachrichtenagentur Reuters. Die Pipeline soll bis 2027 für 2,5 Milliarden Euro unter der Ägide des italienischen Fernleitungsnetzbetreibers Snam gebaut werden, um Gas und später auch Wasserstoff aus Nordafrika in den industrialisierten Norden zu bringen.

Erste Gespräche mit der bayerischen Landesregierung gibt es bereits, wie mehrere Beteiligte der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Der staatlich kontrollierte Energieversorger ENI fördert seit Jahrzehnten Gas in Nordafrika und ist Italiens größter Gas-Importeur. Nach dem Ende der russischen Lieferungen für große Teile Europas will die rechtsgerichtete Regierung von Giorgia Meloni Italien zum Energie-Drehkreuz von Afrika nach Europa machen. Dazu soll die Energie-Infrastruktur ausgebaut werden, auch mit neuen LNG-Terminals. Mit Hilfe der "Adriatic Line" können ENI und andere Versorger leichter und mehr in Afrika gefördertes Gas über die Alpen transportieren. Von 2030 an soll auch Wasserstoff von Afrika durch ein Pipeline-Netz nach Nordeuropa fließen.

"Deutschland organisiert LNG-Terminals und andere Lösungen im Norden, aber man kann Verzögerungen oder eine Blockade der Infrastruktur nie ausschließen. Deshalb wollen die südlichen Bundesländer einen 'Plan B', um sicherzugehen", sagte Markus Kerber. Der ehemalige Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI und frühere Staatssekretär im Bundesinnenministerium unter Horst Seehofer (CSU) fungiert heute als strategischer Berater der CDU.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte auf dem Höhepunkt der Gas-Krise im vergangenen Jahr Gas-Pipelines über die Alpen ins Gespräch gebracht. Für Süddeutschland wäre eine Belieferung über Mittelmeerhäfen Italiens und Kroatiens günstiger als über die Nord- und Ostsee: "Wir brauchen dringend auch Süd-Leitungen", sagte Söder damals.

BAYERNS INDUSTRIE BRAUCHT VIEL GAS

Die bayerische Industrie ist stark vom Gas abhängig - etwa Wacker Chemie, deren Produktion in Burghausen allein acht Prozent des bayerischen Stromverbrauchs verschlingt, vor allem für die Herstellung von Silizium für Computerchips. Rund die Hälfte des Strombedarfs deckt Wacker mit einem eigenen Gaskraftwerk.

Das bayerische Wirtschaftsministerium erklärte auf Anfrage von Reuters: "Eine Diversifizierung der Gaslieferquellen und -wege ist wichtig für die Versorgungssicherheit und hilft dabei, neue Abhängigkeiten zu vermeiden." Daher ergreife man "alle Möglichkeiten, um ausreichend Gas und Wasserstoff nach Bayern zu schaffen – aus allen Himmelsrichtungen, auch aus dem Süden". Das gelte auch für die Wasserstoffversorgung. Über den geplanten "H2-Südkorridor" solle perspektivisch Wasserstoff aus Nordafrika über Italien und Österreich nach Bayern fließen. Die bayerische Landesregierung stehe dazu "im engen Austausch mit den Nachbarländern" und unterstütze die Fernleitungsbetreiber. Eine Entscheidung der EU über europäische Wasserstoff-Infrastrukturprojekte, die auch für Bayern hohe Relevanz hätten, werde im November erwartet.

Italien, vormals selbst stark von russischen Lieferungen abhängig, exportiert inzwischen Überschüsse in Richtung Norden, vor allem nach Österreich. 2022 wurden 67 Milliarden Kubikmeter (cbm) im Land selbst verbraucht, 4,2 Milliarden cbm wurden weitergereicht. Der Wiener Ölkonzern OMV erklärte, er habe sich zusätzliche Gastransport-Kapazitäten für die nächsten Jahre gesichert. Gespräche über Gas aus Afrika gebe es aber nicht. Die ungarische Regierung äußerte sich nicht zu Gesprächen mit Italien über Gaslieferungen. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Xiaomi-Elektroautos: Warum dieser Milliardär Volkswagen und Tesla gefährlich werden könnte
31.10.2026

Er verkaufte Smartphones, wurde Milliardär und stieg schließlich ins Autogeschäft ein. Mit seinem ersten Elektroauto gelang Xiaomi-Chef...

DWN
Panorama
Panorama Kommunale Schulden wachsen deutlich: Deutschlands Städte unter Druck, die KfW warnt
31.10.2026

Die integrierte Verschuldung der deutschen Kommunen ist 2025 deutlich gestiegen. Ende des Jahres entfielen rechnerisch 4.907 Euro Schulden...

DWN
Unternehmen
Unternehmen 70 Jahre Fernsehwerbung: Das beste Marketing, das Deutschland nie vergessen hat
31.10.2026

Ein Fleck auf der Tischdecke, ein Waschmittel und ein Satz, der hängen blieb: 1956 begann die Fernsehwerbung in Deutschland. Seitdem haben...

DWN
Immobilien
Immobilien Heizungstausch finanzieren: So nutzen Eigentümer Förderung, Kredit und Steuerbonus
31.10.2026

Eine neue Heizung kann langfristig Geld sparen, verlangt zunächst aber eine beträchtliche Investition. Eigentümer müssen deshalb...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögensbarometer 2026: ETF-Boom hält an, Anteil der Privatanleger stagniert
31.10.2026

ETFs werden in Deutschland immer beliebter, doch der Anteil der Menschen mit Wertpapieren stagniert. Das neue Vermögensbarometer des...

DWN
Finanzen
Finanzen KfW-Gründerkredite: 225 Millionen Euro zugesagt – doch Banken werden strenger
31.10.2026

Die staatliche Förderbank KfW hat im ersten Halbjahr 2026 deutlich mehr Gründerkredite zugesagt. Gleichzeitig verschärfen deutsche...

DWN
Immobilien
Immobilien Gebäudetyp E: Weniger Extras sollen den Wohnungsbau günstiger machen
31.10.2026

Weniger Steckdosen, dünnere Decken und niedrigere Baukosten: Der Gebäudetyp E soll den Wohnungsbau in Deutschland erleichtern. Ein neuer...

DWN
Panorama
Panorama Volvo ebenso verdächtig wie BYD: Polnisches Militär verhängt Verbot für Friedhofsparkplätze
31.10.2026

Das Militär führt Einschränkungen für Autofahrer ein, die rund um Allerheiligen den Parkplatz am Osobowicki-Friedhof in Breslau nutzen...