Wirtschaft

Ölgigant Exxon will Lithium abbauen

Wohin nur mit all den Öl-Einnahmen, fragte sich wohl der größte Ölkonzern der USA. Die Antwort lautet: Diversifikation. Exxon plant nun große Investitionen in den Abbau des wichtigsten „grünen“ Batteriemetalls. Die Ankündigung der eigenen Lithium-Sparte erfolgt zu einem sehr interessanten Zeitpunkt.
03.12.2023 09:21
Aktualisiert: 03.12.2023 09:21
Lesezeit: 4 min

Der US-amerikanische Ölriese ExxonMobil will innerhalb der nächsten Jahre seine eigene Lithium-Produktion in den USA aufbauen. Bis 2027 soll die Förderung des gefragten Metalls im Bundesstaat Arkansas anlaufen, wie der Konzern am Montag mitteilte.

Exxon will dabei konventionelle Öl- und Gasbohrmethoden verwenden, um lithiumreiches Salzwasser aus kilometertiefen Speichern zu erschließen. Mittels der direkten Lithiumextraktion (DLE) soll das Metall dann vom Wasser getrennt werden. Diese neuartige DLE-Methode soll laut Angaben des Konzerns weniger Kohlenstoffemissionen als der Abbau von Hartgestein verursachen und zudem deutlich weniger Land erfordern. Das weißliche Metall soll in Batteriequalität vor Ort gefördert werden und den Namen „Mobil Lithium“ bekommen.

Ambitionierte Ziele

Anfang des Jahres hatte Exxon die Förderrechte für den Abbau des Batteriematerials in Arkansas erworben. Reuters berichtet unter Berufung auf einen Insider, dass die angepeilte jährliche Fördermenge für den Start 2027 bei ungefähr 10.000 Tonnen Lithium liegt. Das würde der Menge entsprechen, die heute für die Herstellung von 100.000 E-Auto-Batterien benötigt wird. Dies klingt etwas wenig, wenn es mit dem offiziellen Firmenziel von einer Millionen belieferter Elektrofahrzeuge bis 2030 vergleicht.

Der Ölgigant möchte von der boomenden E-Mobilität profitieren und gleichzeitig CO2-Emissionen reduzieren. „Lithium ist für die Energiewende unverzichtbar und ExxonMobil spielt eine führende Rolle, wenn es darum geht, den Weg für die Elektrifizierung zu ebnen“, so Dan Ammann, Präsident der Firmensparte Low Carbon Solutions, in einer Erklärung. „Dieses bahnbrechende Projekt nutzt unsere jahrzehntelange Erfahrung, um große Mengen an nordamerikanischem Lithium zu erschließen, und zwar mit weitaus geringeren Umweltauswirkungen als beim herkömmlichen Bergbau.“

Exxons Pläne sind grundsätzlich nachvollziehbar. Teile der Einnahmen aus dem 2022 extrem lukrativen, aber langfristig klimapolitisch gefährdeten Ölgeschäft werden in die zukunftsträchtigere Batteriemetall-Industrie reinvestiert. Lithium ist dabei weniger durch Substitution gefährdet als etwa Kobalt, das auch aufgrund von ethischen Bedenken über die Abbaubedingungen in den größten Fördernationen zunehmend substituiert wird. Der häufigste Batterietyp für E-Autos ist mittlerweile die „LFP“-Technologie (Lithium-Eisen-Phosphat), die ohne Kobalt- und Nickel-Legierungen auskommt. In anderen Anwendungsbereichen wie etwa Smartphones wird ohnehin überwiegend auf klassische Lithium-Ionen-Akkus zurückgegriffen.

Fast die Hälfte allen neuen Lithiums wird in Australien gefördert, 30 Prozent kommt aus Chile. China repräsentiert einen Anteil von 15 Prozent. Das Reich der Mitte dominiert vor allem die weiterverarbeitenden Prozesse. Grob 60 Prozent der weltweiten Veredelungs-Kapazitäten für das weißliche Metall befinden sich hier.

Die Vereinigten Staaten spielen bei Abbau und Weiterverarbeitung eine kleine, aber nicht zu unterschätzende Rolle. Der Bergbaukonzern Albermarle ist einer der bedeutendsten Lieferanten von Lithium für EV-Batterien. Derweil kommt Exxons Lithium-Vorstoß zu einem Zeitpunkt, an dem sich Unternehmen weltweit darum bemühen, ihre Lieferketten unabhängiger von China zu machen (Stichwort „Derisking“).

Ölgeschäft brummt

Interessant: Exxon investiert antizyklisch, denn der Lithiumpreis ist seit Jahresbeginn um 75 Prozent gesunken.

Man erinnere sich. Ende 2022 erreichte der Preis von Lithium ein Rekordhoch, nachdem der Preis für zwei Jahre fast schon parabolisch in die Höhe geschossen war. Für die drastische 2023er-Korrektur waren vor allem eine rückläufige Elektroauto-Nachfrage aus China und in Relation zum Bedarf überbordene Förderungsmengen verantwortlich, was auch die Preise weiterer Batteriemetalle gen Süden schickte.

Die etablierten Bergbaukonzerne agieren typischerweise genau umgekehrt, tätigen Rekordinvestitionen, wenn die Preise besonders hoch sind. Und umgekehrt. Der Preiseinbruch von Lithium dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass Albemarle die 4 Milliarden Dollar schweren Übernahmepläne für den australischen Lithiumminen-Betreiber Liontown Resources aufgegeben hat.

ExxonMobil zeigt hier etwas längeren Atem. Der Lithiumabbau erfordert große Finanzreserven, um in der Branche überlebensfähig zu sein, und über solche verfügt der Ölkonzern. Es ist prinzipiell auch genau der richtige Zeitpunkt, dann zu diversifizieren, wenn die Einnahmen aus dem Kerngeschäft noch sprudeln. Wenn es dort erste Schwierigkeiten gibt, könnte es schon zu spät sein.

2022 erwirtschaftete der Rohstoffkonzern dank hoher Ölpreise einen Rekordprofit von knapp 56 Milliarden Dollar. Dieses Jahr wird der Gewinn voraussichtlich um circa 35 Prozent niedriger ausfallen. Im dritten Quartal reichte es nur noch für einen Nettogewinn von 9,1 Milliarden Dollar, verglichen mit 19,6 Milliarden im Vorjahresquartal. Trotzdem sitzt Exxon immer noch auf Bergen von Cash und möchte diese nun sinnvoll einsetzen.

Exxons mehrgleisige Strategie

Der US-Ölriese fährt eine mehrgleisige Investitions-Strategie. Einerseits wird das klassische Ölgeschäft ausgebaut. Im Oktober schluckte Exxon die konkurrierende Gesellschaft Pioneer Natural Resources für einen Gegenwert von 59,5 Milliarden Dollar eigener Aktien. Im südamerikanischen Kleinstaat Guyana ist man der größte Ölförderer und ein von Exxon angeführtes Konsortium will in naher Zukunft 13 Milliarden Dollar in die Erschließung eines neuen Offshore-Feldes investieren.

Andererseits passt sich der Ölkonzern dem neuen „grünen“ Zeitgeist an und rückt ESG-Kriterien in den Vordergrund. In der Außenkommunikation ist oft die Rede von blumigen Umweltzielen – Exxon will paradoxerweise Öl und Gas (also Kohlenwasserstoffe) aus dem Boden holen und zugleich seinen Kohlendioxid-Abdruck verringern. Vor zwei Wochen wurde die 5 Milliarden Dollar schwere Akquisiton von Denbury abgeschlossen. Es handelt es sich um eine Firma, die kohlenstoffarme Fördermethoden für Erdöl anbietet – von effizienteren Förderprozessen bis hin zu Verfahren zur CO2-Speicherung im Boden. Schon einige Monate zuvor hatte der Ölgigant eine große Vereinbarung mit dem Kohlenstoffspeicher-Spezialisten CF Industries unterzeichnet.

Exxon scheint beide Seiten bedienen zu wollen. Der Ölbedarf ist nach wie vor zu groß, um dieses attraktive Geschäftsmodell zu ignorieren. Aber gleichzeitig möchte sich der Konzern auch für eine vermeintlich CO2-neutrale Zukunft positionieren. Ob sich die branchenfremde Expansion ins Lithium-Geschäft auszahlt, wird letztendlich erst die Zukunft zeigen. Am Timing jedenfalls ist nichts auszusetzen.

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Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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