Wirtschaft

Ausstieg aus dem Ausstieg: Schweden baut Kernkraftwerke

Eigentlich hatten die Schweden per Referendum für das Ende der Kernenergie gestimmt. Doch nun hat das Parlament den Bau weiterer Kernkraftwerke beschlossen.
Autor
30.11.2023 11:33
Aktualisiert: 30.11.2023 11:33
Lesezeit: 2 min

Schwedens Parlament hat den Weg für den Bau von weiteren Atomkraftwerken freigemacht. Die Abgeordneten billigten am Mittwoch ein Gesetz, das die bisherige Obergrenze von zehn neuen AKW aufhebt. Zudem ist der Bau nun an anderen Standorten als denen der gegenwärtigen sechs Anlagen - Ringhals, Forsmark und Oskarshamn - erlaubt.

In einer Erklärung begründete das Parlament die Entscheidung mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen und die damit verbundene Erwartung eines höheren Stromverbrauchs. Die Regierung von Ministerpräsident Ulf Kristersson hat den Ausbau der Atomkraft zu einem Regierungsziel erklärt, wie Reuters berichtet.

Kristersson hat den Ausbau der Kernenergie zu einem Hauptziel seiner rechtsgerichteten Regierung gemacht, nachdem die Schließung mehrerer Reaktoren das Land dazu gezwungen hatte, sich stärker auf weniger berechenbare erneuerbare Energien zu verlassen. Auch Sorgen um die Energiesicherheit vor dem Hintergrund des Konflikts mit Russland spielen eine Rolle.

Eigentlich hatten die Schweden 1980 in einem Referendum für eine Abkehr von der Kernenergie gestimmt. Ursprünglich waren auch doppelt so viele AKW in Betrieb wie heute. Der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen brachte jedoch eine weniger verlässliche Versorgung mit sich. So führte am Mittwoch der Ausfall des AKW Ringhals 4 bei ungewöhnlich kaltem Wetter zu fast einjährigen Höchstständen beim Strompreis.

Die Regierung schätzt, dass die Abkehr von fossilen Brennstoffen bis 2045 zu einer mehr als doppelt so hohen Stromnachfrage von rund 300 Terawattstunden (TWh) führen wird. Die derzeitige Regierung möchte bis zu diesem Jahr zehn neue Reaktoren in Betrieb nehmen, von denen einige kleine modulare Reaktoren (SMR) sein könnten.

Seit der Ukraine-Krieg den Konflikt mit Russland eskaliert hat und der Westen eine Reihe von Sanktionen gegen russische Energie verhängt hat, erfährt die Kernenergie in Europa wieder viel Unterstützung, nicht nur weil sie eine bewährte Form der Energiegewinnung darstellt, sondern auch weil sie mitunter als Beitrag zum Klimakampf angesehen wird.

Anfang November gab die Schweiz bekannt, dass dass sie ihre vier Kernkraftwerke länger als bisher geplant in Betrieb halten will. Zwar hat das Land bereits im Jahr 2017 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, aber die Schweizer Regierung hat kein Datum für die Abschaltung der Kraftwerke festgelegt.

Vielmehr sollen die vier Werke so lange laufen, wie sie als sicher gelten. Die Betreiber Axpo und Alpiq haben die geplante Lebensdauer ihrer Anlagen bereits von 50 auf 60 Jahre erhöht, und eine weitere Verlängerung der Lebensdauer auf 80 Jahre wird derzeit geprüft. Die vier Schweizer Kernreaktoren erzeugen bis zu 40 Prozent des Stroms im Land.

Auch in den USA werden voraussichtlich mehr als 90 Prozent der bestehenden Kernreaktoren eine Betriebsdauer von mindestens 80 Jahren beantragen werden. Zudem wurde im Juli der erste neue Kernreaktor seit sieben Jahren in Betrieb genommen, der Reaktorblock 3 im Kraftwerk Vogtle in Waynesboro im US-Bundesstaat Georgia, wie CNBC berichtete.

Auch in anderen europäischen Ländern will man die Laufzeiten verlängern. So arbeiten Frankreich, Belgien und Finnland an Verlängerungen ihrer Reaktorflotten, da sie mit einem wachsenden Strombedarf rechnen und sich nicht allein auf erneuerbare Energien verlassen wollen. Dasselbe gilt für Rumänien, Bulgarien und Slowenien, die sogar den Bau neuer Anlagen planen.

Deutschland hingegen hat im April seine letzten Kraftwerke abgeschaltet und muss in der Folge nun Strom importieren. Vor der Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke hatte Deutschland noch in großem Umfang Strom exportiert. Die meisten Importe kamen im ersten Halbjahr 2023 aus den Niederlanden und Frankreich.

Laut Umfragen sind 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung gegen die sich vollziehende Fortsetzung des Atomausstiegs. Dass Deutschland bei der Kernenergie ins Hintertreffen gerät, ist ein großes Problem. Denn wer mit seinem energiepolitischen Sonderweg den Megatrend verschläft, der wird Jahrzehnte in Rückstand geraten. (Reuters/gu)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Spritpreise in Europa: Bekommt das Elektroauto neuen Rückenwind?
01.04.2026

Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise rücken Elektroautos und den europäischen Automarkt erneut in den Fokus wirtschaftlicher Debatten....

DWN
Politik
Politik Geht uns der Sprit aus? Deutsche Top-Ökonomin plädiert für Verzicht auf Autofahrten
01.04.2026

Nach Ansicht der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer sollten Verbraucher und Wirtschaft mit Verzicht auf knapperes Öl reagieren:...

DWN
Finanzen
Finanzen Trotz steigender Steuereinnahmen: Kommunen mit Rekordausgaben von 31,9 Milliarden Euro
01.04.2026

Trotz steigender Steuereinnahmen wachsen die Ausgaben der Gemeinden noch schneller. Wofür besonders viel Geld ausgegeben wurde und wie die...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg spitzt sich zu: Erwägt Trump einen Rückzug?
01.04.2026

Die Zustimmungswerte von Präsident Donald Trump sind so niedrig wie seit Beginn seiner zweiten Amtszeit nicht mehr. Das wirkt sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Prognose Wirtschaftsinstitute für 2026: Iran-Krieg halbiert Wachstum und treibt Inflation
01.04.2026

Höhere Spritpreise, höhere Inflation: Ifo und DIW sprechen von einem Energiepreisschock - ausgelöst durch den Iran-Krieg. Sie erwarten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmer Wolfgang Grupp: Was die Biografie über den Ex-Trigema-Chef verrät
01.04.2026

Wolfgang Grupp spricht in einer Biografie offen über Machtkämpfe in der Familie und den Kampf gegen die Altersdepression. Was das neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Bauprojekte im Belastungstest: Wie Investoren und Projektentwickler Verzögerungen und Mehrkosten aktiv vermeiden
01.04.2026

Viele Bauprojekte geraten schleichend unter Termin- und Kostendruck, obwohl Controlling und Statusberichte zunächst Stabilität...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stimmungsökonomie in Krisenzeiten: Emotionen prägen zunehmend Konsum
01.04.2026

Nostalgie als Stabilitätsanker: In Krisenzeiten suchen Menschen nach kleinen Glücksmomenten, Vertrautem und Wohlbefinden. Die...