Finanzen

Die Rentenfalle schnappt zu – Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt

Mit dem bevorstehenden Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem deutschen Arbeitsmarkt stehen Unternehmen und das Rentensystem vor neuen Herausforderungen. Die Abgänge dieser geburtenstarken Jahrgänge hinterlassen eine spürbare Lücke in der Arbeitskräftestruktur, die bereits vorhandene Fachkräfteknappheit weiter verschärft. Welche Lösungsansätze gibt es?
12.03.2024 12:10
Aktualisiert: 12.03.2024 12:34
Lesezeit: 4 min
Die Rentenfalle schnappt zu – Babyboomer verlassen den Arbeitsmarkt
Die Umsetzung des Rentenpakets II wirft Fragen auf die zukünftige Rentenfinanzierung und das Rentenniveau in Deutschland (Foto: dpa). Foto: Stefan Sauer

Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre – die sogenannten Babyboomer – verlassen in den kommenden 10 Jahren den Arbeitsmarkt. Sie hinterlassen in den Unternehmen eine Lücke von ca. 30 Prozent der Belegschaft. Diese Rentenfalle verschärft den sowieso schon bestehenden Fachkräftemangel dramatisch.

Weil die Babyboomer in Rente gehen, werden dem deutschen Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2036 insgesamt 10 Millionen Menschen verloren gehen. Dies entspricht knapp 30 Prozent der aktuell Erwerbstätigen, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Der demografische Wandel hat weitreichende Auswirkungen auf Sozialsysteme und den Arbeitsmarkt. So viele Menschen sind noch nie in so kurzer Zeit in Rente gegangen in Deutschland.

Die Unternehmen haben große Schwierigkeiten, die entstehenden Personallücken zu schließen. Neben dem bereits bestehenden Fachkräftemangel ist es insbesondere der demografische Wandel, der sie vor große Probleme stellt. Die folgenden geburtenschwächeren Jahrgänge können die Lücken nicht schließen, es kommen einfach zu wenig neue Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt. Die alternde Bevölkerung belastet auch die Sozialsysteme.

Rentenpaket II: Sicherung des Rentenniveaus durch Generationenkapital

Die Arbeitnehmer sind schon lange nicht mehr in der Lage, die steigende Zahl von Rentenempfängern aus den Beiträgen zu bezahlen. Hier springt der Bund mit immer größeren Zuschüssen für die Rentenkasse ein. Aktuell wird das Rentenpaket II diskutiert, das nächste Woche vorgestellt werden soll. Dabei soll ein sogenanntes Generationenkapital, eine Aktienrente, eingeführt werden. Diese soll bis weit in die 2030er Jahre das Rentenniveau auf 48 Prozent des durchschnittlichen Arbeitseinkommens sichern.

In den vergangenen Jahren ist das Rentenniveau immer weiter abgesunken und es wird immer schwieriger, die Renten zu finanzieren. Generell finanziert sich die gesetzliche Rente in Deutschland nach dem Umlageverfahren. Die versicherte, arbeitende Bevölkerung finanziert die aktuellen Renten. Durch den demografischen Wandel stehen deshalb immer weniger Versicherte immer mehr Rentenempfängern gegenüber. Durch die neue Aktienrente soll im Rentenpaket II Kapital am freien Markt angelegt werden, das dann Renditen für die gesetzliche Rentenversicherung abwerfen soll.

Babyboomer wollen früher in Rente

Eine Ausweitung der Erwerbstätigkeit bis in ein höheres Alter wird von der Politik als wichtige Stellschraube gesehen, um sowohl dem Problem des Fachkräftemangels zu begegnen als auch die weitere Finanzierung des Rentensystems zu stabilisieren. Zwischen 2000 und 2015 ist die Erwerbstätigenquote im Alter stark angestiegen. Dabei hat sich diese Quote bei den Männern im Alter zwischen 60 und 64 mehr als verdoppelt. Bei den Frauen im gleichen Alter hat sie sich sogar vervierfacht. Dies betraf die Geburtsjahrgänge zwischen 1940 und 1950, die länger berufstätig waren als die Jahrgänge vor ihnen.

Die zahlenmäßig starken Babyboomer-Jahrgänge, die jetzt auf den Ruhestand zugehen, zeigen jedoch keinen Anstieg bei der Erwerbstätigenquote im Alter. Viele von ihnen scheiden bereits im Alter von 63 oder 64 aus dem Arbeitsmarkt aus. Seit 2014 besteht die Möglichkeit für langjährig Versicherte, die „Rente mit 63“ in Anspruch zu nehmen - ohne Abschläge. Auch nehmen immer mehr Erwerbstätige eine Rente mit Abschlägen vor der Regelaltersgrenze in Anspruch, wie die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung zeigen.

Durch den vorzeitigen Austritt der Babyboomer-Generation aus dem Erwerbsleben verschärfen sich die Probleme mit dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Aktuell ist noch unklar, wie sich die jüngeren Babyboomer, die nach 1964 geboren wurden, auf dem Arbeitsmarkt verhalten. Für sie gilt die erweiterte Regelaltersgrenze von 67 Jahren für den regulären Renteneintritt. Allerdings wird sich erst noch zeigen, inwieweit auch diese Jahrgänge bereits sind, Abschläge auf die Rente in Kauf zu nehmen, um einen früheren Renteneintritt zu realisieren.

Unternehmen in der Not: Qualifizierter Nachwuchs fehlt

Rund 1,73 Millionen unbesetzte Stellen gab es Ende 2023, wie Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen. Der Fachkräftemangel in Deutschland verschärft sich aufgrund der demografischen Entwicklung und dem vergleichsweise frühen Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt weiter. Die 8,4 Millionen der 15 bis 24-Jährigen können schon rein rechnerisch die Lücke nicht schließen. Auch ist dies nur eine theoretische Rechnung, da noch nicht klar ist, wie viele dieser jungen Erwerbstätigen tatsächlich demnächst einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen werden. Die 40 bis 59-Jährigen sind aktuell zu 86 bis 89 Prozent am Arbeitsmarkt beteiligt.

Lösungen: Erwerbsanreize für Ältere, Frauenpower und qualifizierte Migration

Um dem akuten Fachkräftemangel zu begegnen, seien frühzeitige Anreize notwendig, um aktuell arbeitende und erfahrene Fachkräfte im Erwerbsleben zu halten, so Dr. Elke Loichinger, Forschungsgruppenleiterin am BiB. Dabei müssten diese schon deutlich vor dem Eintritt in die Rente geschaffen werden, denn nach einem Beginn des Ruhestands kommen nur wenige wieder in das Erwerbsleben zurück, so die Forschungsgruppenleiterin weiter.

Nach Einschätzung der Statistiker wäre auch eine stärkere Beteiligung der Frauen am Erwerbsleben hilfreich. Diese liegt bei allen Altersgruppen immer noch unter der Männerquote bei der Beschäftigung. Bei den 30 bis 65-jährigen Frauen liegt sie aktuell zwischen 8 und 11 Prozentpunkte unter dem Beschäftigungsniveau der Männer. Eine zusätzliche Aktivierung des Erwerbspotenzials der Frauen könnte helfen, einen Teil der Lücke zu schließen, so die Statistiker weiter.

Politik, Wirtschaft und Experten sind sich einig, dass die Lücke am Arbeitsmarkt auch durch Zuwanderung geschlossen werden muss. Seit Ende 2023 ist nun das reformierte Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Neu hierbei ist unter anderem die sogenannte Chancenkarte, die auf einem Punktesystem beruht. Auswahlkriterien sind u. a. Sprachkenntnisse, Deutschlandbezug, Berufserfahrung und Alter. Außerdem wurde das notwendige Fachkräfteeinkommen von 58.400 Euro auf 43.800 Euro gesenkt. Auch können Asylbewerber, die sowohl qualifiziert sind als auch ein Jobangebot haben, eine Aufenthaltserlaubnis als Fachkraft beantragen, wenn sie ihren Asylantrag zurücknehmen. Bislang mussten sie zunächst ausreisen und dann aus dem Ausland ein Arbeitsvisum beantragen.

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