Finanzen

Der DWN-Marktreport: Frankreichwahl und Notenbanken – Europa im Mittelpunkt des Geschehens

Derzeit beherrschen die französischen Neuwahlen sowie das Notenbankertreffen in Portugal das Marktgeschehen. Doch auch die US-Politik wirft bereits ihre Schatten voraus. Gold handelt ohne Impulse, Öl steigt kräftig.
02.07.2024 17:42
Lesezeit: 4 min

Nach dem Emmanuel Macron infolge des Ergebnisses der Europawahl Anfang Juni Neuwahlen angekündigt hatte, ging die französische Börse zunächst auf Tauchstation. Zum Wochenbeginn, am Tag nach der ersten Wahlrunde, kletterten die Kurse wieder, zeitweise legte das Pariser Marktbarometer CAC 40 um 2,8 Prozent zu. Immerhin deutete die erste Runde der Parlamentswahlen in Frankreich darauf hin, dass das wahrscheinlichste Ergebnis ein legislativer Stillstand sein würde und nicht eine Mehrheit für die extreme Rechte oder Linke.

So blieb der Vorsprung von Marine Le Pens Nationaler Sammlung geringer als zuvor in einigen Umfragen vorhergesagt. Zudem haben die etablierten Parteien begonnen, nach Wegen zu suchen, um eine absolute Mehrheit der Rechtsnationalen zu verhindern. Vom Tisch sind die politischen Risiken jedoch noch nicht. Zwar ist das für die Börsen schlimmste Szenario nicht eingetreten, die Situation ist aber immer noch unsicher, es gilt, den nächsten Sonntag abzuwarten. Angesichts dessen hielt der Kursaufschwung auch nicht lange an, den Tag beendete die französische Börse zwar leicht im Plus, allerdings auf Tagestief.

Diese Richtung setzt sich am Dienstag fort, die Aktienmärkte geben europaweit nach und machen damit die Erleichterungen des Vortages wieder wett. So verlor der breit gefasste europäische Aktienindex STOXX 600 bis zum frühen Nachmittag gut 0,9 Prozent und der französische CAC 40 fiel um 0,8 Prozent. Die meisten anderen europäischen Länderindizes, darunter der britische FTSE 100, der italienische MIB, der spanische IBC und auch der heimische DAX lagen ebenfalls im Minus. Der Aufschlag, den die Anleger für französische Staatsanleihen gegenüber deutschen verlangen, verringerte sich nach dem Ergebnis ebenfalls und lag zuletzt bei 75 Basispunkten, obwohl die Anleger vor der zweiten und letzten Abstimmungsrunde am kommenden Sonntag vorsichtig bleiben.

Auch in den USA rückt die Wahl näher

Die Wahlen sind auch ein wichtiges Thema für die Anleger, vor allem, aber nicht ausschließlich, wenn es um US-Anlagen geht. Betrachtet man die Saisonalität von Aktienmärkten, könnten sich die nächsten Monate als aussichtsreich erweisen. Nicht nur, dass die ersten Handelstage im Juli statistisch zu den besten des gesamten Jahres gehören, auch fällt das sonst eher schwache dritte Quartal in US-Wahljahren traditionell stark aus und zeigt oft die beste Performance des gesamten Wahljahres.

Zwar ist es bis zu den US-Wahlen am 5. November noch ein weiter Weg, doch mit dem desaströsen Debattenauftritt Joe Bidens in der vergangenen Woche stiegen die Siegchancen Donald Trumps sprunghaft an. Die mit dessen Politik zu erwartenden zunehmenden fiskalischen Anreize sowie sich ausweitende Handelszölle dürften abermals Inflationsdruck auslösen, die längerfristigen Anleiherenditen in die Höhe treiben und dem Dollar weiteren Auftrieb verleihen. Die Benchmark-Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen liegt in Sichtweite des Einmonatshochs vom Montag (4,49 Prozent), nach einem Anstieg von rund 20 Basispunkten in weniger als einer Woche.

Die 10-jährige deutsche Rendite liegt bei 2,6 Prozent und damit in der Nähe des Zweiwochenhochs vom Vortag. Sie bewegte sich parallel zu ihrem US-Pendant und stieg ebenfalls an, da die Anleger nach den Wahlen in Frankreich einen Teil ihrer Flucht in sichere Anlagen wieder beendeten. Und obwohl der Fed-Vorsitzende Jerome Powell wiederholt erklärt hat, dass die Fed bei ihren Entscheidungen keine Rücksicht auf die Politik nehmen wird, ist es in der Realität so, dass die Aussicht auf diese hohen Zölle und Trumps andere politische Vorschläge den Wahlausgang nun zur wichtigsten Variable am wirtschaftlichen Horizont machen.

Derweil versucht Joe Biden, die Aufmerksamkeit von den Bedenken über sein Alter abzulenken. Er forderte die Wähler auf, ein „Urteil“ über Donald Trump zu fällen, nachdem der Oberste Gerichtshof ihm den Weg geebnet hatte, um einer strafrechtlichen Verfolgung wegen der Ausschreitungen vom 6. Januar zu entgehen.

Notenbankertreffen in Sintra

Die Geldpolitik steht im Laufe der Woche im Mittelpunkt, wenn einige hochrangige Entscheidungsträger auf ihrer jährlichen, von der Europäischen Zentralbank ausgerichteten Klausur im portugiesischen Sintra sprechen werden. Noch zu Anfang des Jahres rechneten die Märkte mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank in Sachen Zinssenkung noch früher handeln würde als die EZB.

Doch die Kreditkosten in den USA sind so hoch wie eh und je, und auch wenn sie in der Eurozone einmal gesenkt wurden, ist niemand zuversichtlich genug, um zu sagen, dass die Inflation bereits besiegt ist. Das war auch der Tenor, den EZB-Chefin Christine Lagarde in ihrer Eröffnungsrede am Montagabend anschlug. Laut ihrer Präsidentin hat die EZB noch keine ausreichenden Belege dafür, dass die Inflationsgefahren vorüber sind.

Mit diesem Hinweis nährte Christine Lagarde die Erwartung, dass die Währungshüter zumindest in diesem Monat die Lockerung der Geldpolitik nicht fortsetzen werden. Dennoch, eine gewisse Zuversicht ist in Sintra zu spüren.

In einer der ersten Präsentationen des heutigen Tages kamen die Verfasser aus den Reihen des IWF und der Northwestern University (USA) zu dem Schluss, dass die EZB die Preise leicht unter Kontrolle bringen könne: „Die Inflation nähert sich dem Modell zufolge wieder ihrem Ziel“, schreiben die Autoren. „Der letzte Kilometer scheint nicht besonders riskant oder schwierig zu sein, wenn keine unvorhergesehenen Störungen auftreten“. Mit besonderer Spannung wird die Rede des US-Notenbankchefs Jerome Powell erwartet. Insbesondere, da dieser erst im vergangenen Monat höhere Inflationsprognosen vorstellte und die Erwartungen für Zinssenkungen in diesem Jahr zurücknahm.

Erdöl im Rallymodus

Während Gold im Vorfeld der datenreichen Handelswoche weiter lustlos vor sich hin dümpelt und sich zu keiner klaren Richtung durchringen kann, setzt Rohöl seinen vor gut vier Wochen begonnenen Aufwärtstrend mit kräftigem Momentum fort. Nach bullisch gedeuteter OPEC-Sitzung und erhöhten Kraftstoffnachfrageprognosen für die Sommersaison sind es nun vor allem die im Atlantik beginnende Hurrican-Saison sowie die nicht nachlassenden Spannungen im Nahen Osten, die die Preise in die Höhe treiben.

Hurrikan Beryl hat mittlerweile die Stärke der Kategorie 5 erreicht und ist damit der stärkste Sturm, der sich jemals zu dieser Jahreszeit im Atlantik gebildet hat. Nun steuert Beryl mit hauszerstörenden Winden und schweren Regenfällen auf Jamaika zu und bedroht potentiell die Erdölproduktion im Golf von Mexiko. Dieser frühe Start verstärkt die Besorgnis über eine noch bevorstehende schwere Hurrikansaison.

Unterdessen teilte das israelische Militär mit, dass eine Vielzahl Soldaten bei einem Drohnenangriff der vom Iran unterstützten Hisbollah teils schwer verletzt worden sei, wodurch der Konflikt im Nahen Osten einem ausgewachsenen Krieg näher zu kommen droht. Dadurch erhöht sich das Risiko von Unterbrechungen der Ölversorgung. Im Zuge dieser Entwicklungen brach Rohöl aus seiner mehrwöchigen Seitwärtsphase aus und handelt derzeit mit rund 87,50 Dollar (Sorte Brent) auf einem Zweimonatshoch. Seit Beginn des jüngsten Preisanstiegs am 05. Juni gewann das „schwarze Gold“ fast 14 Prozent oder 11 Dollar hinzu.

Kommende Daten

In dieser Woche stehen eine Reihe von potenziell marktbewegenden US-Arbeitsmarktdaten an. So werden Morgen die neuesten ADP-Beschäftigungszahlen sowie die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung veröffentlicht, bevor am Freitag um 14:30 Uhr mit den US-Arbeitsmarktdaten (Non-Farm Payrolls) das Hauptereignis dieser Woche bekannt gegeben wird. Die Erwartung ist, dass die Zahl der Beschäftigten in der größten Volkswirtschaft der Welt um etwa 190.000 gestiegen ist. Dies wäre ein deutlicher Rückgang gegenüber dem überraschenden kräftigen Beschäftigungszuwachs von 272.000 im Mai. Die Arbeitslosenquote dürfte bei vier Prozent verharren.

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Markus Grüne

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Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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