Politik

DWN-Interview mit GdP-Chef Jochen Kopelke: „Wir brauchen nachhaltige Investitionen in innere Sicherheit“

Nach dem mutmaßlichen IS-Anschlag in Solingen kritisiert der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, im Interview mit den DWN fehlende Investitionen in die innere Sicherheit seitens der Politik und erneuert seine Forderung nach einem Sondervermögen für die Polizei.
27.08.2024 06:01
Lesezeit: 3 min
DWN-Interview mit GdP-Chef Jochen Kopelke: „Wir brauchen nachhaltige Investitionen in innere Sicherheit“
Ein Absperrband mit der Aufschrift „Polizeiabsperrung“ liegt auf dem Boden des Fronhofs. Am Freitagabend wurden bei einem Stadtfest in Solingen, Nordrhein-Westfalen, drei Menschen durch Messerstiche getötet. (Foto: dpa)

DWN: Herr Kopelke, der mutmaßlich islamistische Angriff in Solingen hat bundesweit Besorgnis ausgelöst. Wie bewerten Sie die aktuelle Sicherheitslage in Deutschland aus Sicht der Polizei?

Jochen Kopelke: Die Sicherheitsbehörden sehen die Bundesrepublik unter latenter Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus. Der Islamische Staat hat wiederholt bekräftigt, in Westeuropa Anschläge ausüben zu wollen. Polizei und Dienste sind hoch sensibilisiert.

DWN: Sie haben mehrfach auf die angespannte Sicherheitslage hingewiesen und ein Sondervermögen für die innere Sicherheit gefordert. Wie wichtig ist diese Forderung angesichts der jüngsten Vorfälle in Mannheim und Solingen?

Kopelke: Unsere Forderung nach einem Sondervermögen bezieht sich auf die generelle Stärkung der Polizeien und die nachhaltige Gewährleistung der Inneren Sicherheit. Durch den Krieg in Israel, durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, aber auch durch die zunehmende Alltagskriminalität sind die Herausforderungen immens. Darauf muss die Politik deutlich und spürbar reagieren.

DWN: Wären Terrorwarnstufen, wie es sie etwa in Frankreich gibt, auch für Deutschland sinnvoll?

Kopelke: Frankreich ist zentralistisch und Deutschland föderal organisiert. Das Bundeskriminalamt fertigt regelmäßige und situative Gefährdungsbewertungen zur terroristischen Bedrohungslage. Diese werden an die Bundesländer weitergegeben. Bei erhöhten Risikolagen werden rasch angepasste Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Das obliegt den Bundesländern und den jeweiligen Landespolizeien. Da sich Terrorbedrohungen regional, teils lokal unterscheiden, könnten bundeseinheitliche Warnstufen einen falschen Eindruck erwecken.

DWN: Die Einführung und Verlängerung von Grenzkontrollen durch die Bundesregierung erfolgten erst nach erheblichem Druck. Wie beurteilen Sie als Polizeivertreter diese Verzögerungen?

Kopelke: Wir haben die Debatte um stationäre Grenzkontrollen konstruktiv-kritisch begleitet und dabei auch Alternativvorschläge gemacht. Es gilt weiterhin unsere Forderung, die Kontrollen flexibler und mobiler zu machen, unterstützt durch zum Beispiel mit moderner Technik wie Drohnen. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass die Polizei gute Arbeit leistet und irreguläre Migration verringert.

DWN: NRW-Innenminister Reul hat das Abschiebeverfahren als zu kompliziert kritisiert. Welche Hürden sehen Sie aus polizeilicher Sicht bei der Umsetzung von Abschiebungen, und wie könnten diese effizienter gestaltet werden?

Kopelke: Das Rückführungsverbesserungsgesetz hat die Situation verbessert. Die Polizei kann nun in Sammelunterkünften mehr als nur einen Bereich aufsuchen, sondern auch andere Wohnungen betreten dürfen, um tatsächlich ausweispflichtige Personen zu finden. Das war vorher in der Praxis ein Problem. Außerdem wird der Datenaustausch mit den Ausländerbehörden verbessert. Auch das hilft in der täglichen Arbeit, um echte Personalien zu ermitteln.

DWN: Die Kriminalitätsstatistik 2023 zeigt einen Anstieg von Straftaten durch ausländische Tatverdächtige. Wie bewerten Sie diese Entwicklung, und welche Maßnahmen sollten Bund und Länder ergreifen, um diesem Trend entgegenzuwirken?

Kopelke: Jüngere Männer begehen mehr Straftaten als andere Bevölkerungsgruppen. Viele ausländische Tatverdächtige sind männlich und jünger. Wichtig ist es, eine funktionierende Prävention zu etablieren. Dazu muss Geld in die Hand genommen werden. Das ist zudem keine alleinige Aufgabe der Polizei, sondern eine Querschnittsaufgabe aller beteiligten Behörden.

DWN: In den letzten Jahren haben sich die Anforderungen an die Polizei stetig erhöht, oft auch durch politische Versäumnisse. Welche Unterstützung erwarten Sie von der Ampel-Regierung, um die Polizei effektiv zu entlasten und die innere Sicherheit zu gewährleisten?

Kopelke: Wir benötigen nachhaltige Investitionen in die Innere Sicherheit, darunter Personal und Ausstattung. Wir benötigen eine Digitaloffensive. Die Herausforderungen für unsere Kolleginnen und Kollegen sind riesig. Vornehmlich im Bereich der Gesetze und Befugnisse kann die Ampel einiges tun. Die Arbeit der Polizei muss erleichtert und wirksamer werden, zum Beispiel bei der Speicherung von IP-Adressen. Das funktioniert jedoch nicht, wenn ein Koalitionspartner ständig auf der Bremse steht.

DWN: Die Belastung der Polizei durch zunehmende Gewalt aber auch terroristische Anschläge wächst stetig. Welche strukturellen Änderungen sind notwendig, um den Polizeidienst unter diesen Bedingungen nachhaltig zu stärken?

Kopelke: Mehr Personal, eine bessere Ausstattung, eine bessere Schutzausstattung, eine moderne digitale Vernetzung, Gesetze, die die Polizeiarbeit erleichtern und wirksamer machen sowie eine bundesweite Angleichung von Polizei- und Versammlungsgesetzen. Wir benötigen auch bundesweit abgestimmt höhere Polizeizulagen und eine bessere Absicherung bei sogenannten qualifizierten Dienstunfällen.

DWN: Sie haben wiederholt die langsame Reaktionszeit der Justiz kritisiert. Wie könnte die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Justiz verbessert werden, um schnellere und wirksamere Strafen durchzusetzen?

Kopelke: Auch die Justiz muss nachhaltig personell und im Digitalen gestärkt werden. Die Menschen in den Staatsanwaltschaften und Gerichten ächzen doch genau wie wir Polizisten unter dem Aktendruck. Immer öfter müssen Beschuldigte laufen gelassen werden, weil innerhalb bestimmter Fristen keine Anklage erhoben wird. Die Ampel hat im Koalitionsvertrag den Pakt für den Rechtsstaat vereinbart. Genau der muss jetzt mit Geld und Strategie umgesetzt werden. Das kann tatsächlich helfen.

DWN: Herr Kopelke, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Immobilienmakler für Kitzbühel – Hotel und Gewerbeimmobilien verkaufen mit Experten

Der Verkauf von Hotels und Gewerbeimmobilien in Kitzbühel stellt besondere Anforderungen an Eigentümer und Makler. Ein erfahrener...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Moderna im Rampenlicht bei steigender Wall Street
19.08.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die US-Märkte beflügeln und warum ein bestimmter Sektor derzeit für historische...

DWN
Finanzen
Finanzen Moderna-Aktie explodiert: Melanom-Impfstoff schürt Hoffnung auf Milliardengeschäft
19.08.2026

Die Moderna-Aktie schießt nach einem wegweisenden Studienerfolg in die Höhe. Ein personalisierter Krebsimpfstoff könnte dem...

DWN
Politik
Politik Altersteilzeit vorm Aus? Regierung will beliebtestes Modell für Berufsausstieg streichen
19.08.2026

Mit Altersteilzeit in den wohlverdienten Ruhestand: So haben Millionen Deutsche ihren Renteneinstieg geplant. Doch die Bundesregierung will...

DWN
Finanzen
Finanzen Biontech-Aktie hebt ab: Zulassungshoffnung löst Kursrally bei Biontech-Aktie aus
19.08.2026

Die Biontech-Aktie schießt im US-amerikanischen Börsenhandel am Mittwoch kräftig nach oben und lässt den Gesamtmarkt weit hinter sich....

DWN
Panorama
Panorama KI-Manifest von Mark Zuckerberg zeigt, wie Meta die Zukunft der Menschen verändern will
19.08.2026

Mark Zuckerberg verspricht persönliche Superintelligenz, mehr individuelle Macht und sogar zusätzliche Arbeitsplätze. Doch sein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Sprengung Nord-Stream: Ukrainer in Kroatien festgenommen
19.08.2026

Vier Jahre nach den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines führen Ermittlungen zu den Sprengungen erneut zu einer Festnahme. Es ist...

DWN
Politik
Politik Mietrecht: Justizministerin will Einbau von Klimaanlagen erleichtern
19.08.2026

Wie kann die Rechtspolitik einen Beitrag zum Hitzeschutz leisten? Bundesjustizministerin Hubig hat eine Idee.

DWN
Technologie
Technologie Konkurrenz für SpaceX: China gelingt Raketenlandung auf Beinen
19.08.2026

Erstmals ist in China eine Raketenstufe nach einem Orbitalstart senkrecht auf eigenen Beinen gelandet. Sie gehörte zur privat entwickelten...