Politik

Wahldebakel: Ampel-Regierung will durchhalten - Scholz massiv unter Druck

Die Ampel-Parteien haben in Thüringen und Sachsen ein beispielloses Wahldebakel erlebt, wollen sich aber nicht aus der Bahn werfen lassen. Innerhalb der Koalition rumort es. In drei Wochen folgt in Brandenburg der nächste Crash-Test.
03.09.2024 03:54
Lesezeit: 3 min
Wahldebakel: Ampel-Regierung will durchhalten - Scholz massiv unter Druck
Nach dem desaströsen Wahlergebnis in Sachsen und Thüringen zeigen sich bei der Ampel-Regierung erste Auflösungserscheinungen. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Trotz ihres Wahldebakels in Thüringen und Sachsen haben sich die drei Ampel-Parteien zur Fortführung ihres Regierungsbündnisses auf Bundesebene bekannt. Die SPD-Führung stärkte ihrem angeschlagenen Kanzler Olaf Scholz den Rücken und forderte von FDP und Grünen mehr Disziplin. Einzelne FDP-Politiker fingen aber schon wieder an zu zündeln und stellten einen Verbleib in der Koalition in Frage. Parteichef Christian Lindner wies sie allerdings in die Schranken.

Die Ampel-Parteien hatten am Sonntagabend bei den Wahlen in den beiden ostdeutschen Bundesländern ein beispielloses Debakel erlitten. Noch nie schnitten die Regierungsparteien im Bund bei Landtagswahlen zusammen so schlecht ab. In Thüringen kamen sie nur noch auf 10,4 Prozent, in Sachsen auf 13,3. In Thüringen sind sie damit gemeinsam sogar schwächer als das gerade erst gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) alleine. Die AfD ist dort mehr als drei Mal so stark wie die gesamte Ampel.

Scholz findet Ergebnis „bitter“ - aber keine Selbstkritik

Die SPD reagierte trotzdem mit einer Mischung aus Erschütterung und Erleichterung auf die Wahlergebnisse. Sie hatte befürchtet, sogar unter die 5-Prozent-Hürde zu rutschen. Kanzler Olaf Scholz nannte das Ergebnis deswegen zwar „bitter“ für seine Partei, wies aber auch darauf hin, dass sich die „düsteren Prognosen“ nicht bewahrheitet hätten. Die SPD habe zusammengehalten und einen guten Wahlkampf geführt. „Es zeigt sich: Kämpfen lohnt. Jetzt geht es darum, stetig um mehr und neue Zustimmung zu werben.“

Selbstkritik? Fehlanzeige. Wie schon bei der Europawahl im Mai, als die SPD mit 13,9 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei nationalen Wahlen seit mehr als 130 Jahren erzielte. Auch bei den Landtagswahlen waren bundespolitische Themen wie der Ukraine-Krieg und Migration wichtig. In beiden Ländern fuhr die SPD ihre schlechtesten Ergebnisse seit 1990 ein, in Thüringen mit 6,1 Prozent sogar das schlechteste bei einer Landtagswahl überhaupt.

Linke erleidet Rekordverlust, Grüne fliegen aus Thüringer Landtag

Die Ergebnisse der Linken haben in der Vergangenheit durchaus stark geschwankt. Bei der Saarland-Wahl 2009 zum Beispiel konnte sich die Partei um 19,0 Prozentpunkte steigern. Solche Erfolge liegen aber schon einige Jahre zurück. Zuletzt ging es nur in eine Richtung: abwärts. In Thüringen muss die Partei von Ministerpräsident Bodo Ramelow nun einen Rekordverlust von 18 Prozentpunkten hinnehmen.

Die Grünen sind künftig lediglich in 14 von 16 Landtagen vertreten. Mit nur 3,2 Prozent wird die bisherige Regierungspartei in Thüringen nicht mehr im Erfurter Parlament vertreten sein.

Wahlbeben sorgt auch international für Aufsehen

Dass auf der anderen Seite das Erstarken der politischen Ränder mit der AfD über 30 Prozent und dem BSW mit zweistelligen Werten zu verzeichnen ist, sorgt auch international für Aufsehen. Die Schuld wird überwiegend bei der Ampel gesehen. „Die Wähler haben die Nase voll von Olaf Scholz und einer Koalition, die Migration nicht steuern kann und sich trotz des greifbaren und wachsenden wirtschaftlichen Schadens an Klimazielen festklammert“, schreibt etwa das amerikanische „Wall Street Journal“. Und die Brüsseler Ausgabe von „Politico“ kommentiert: „Das Ergebnis ist ein weiterer Nagel im politischen Sarg von Kanzler Olaf Scholz.“

Querschüsse aus der FDP: „Die Ampel hat ihre Legitimation verloren.“

Als sie es sagte, waren die ersten Querschüsse aus der FDP aber längst gefallen. Der thüringische Spitzenkandidat Thomas Kemmerich forderte den Ausstieg aus der Ampel, und auch Parteivize Wolfgang Kubicki meinte: „Die Ampel hat ihre Legitimation verloren.“ Linder wies die Forderung Kemmerichs allerdings zurück: „Hier haben wir unterschiedliche Auffassungen.“ Der FDP-Chef wies darauf hin, dass es noch ausstehende Projekte der Koalition gibt wie die Wachstumsinitiative für die Wirtschaft. „Es ist besser, diese Maßnahmen kommen jetzt, als dass sie nicht kommen“, sagte er. Mit anderen Worten: Die Ampel ist immer noch besser als nichts.

Auch das Bekenntnis der Grünen-Chefin Ricarda Lang - die der Ansicht ist, dass das BSW „nichts zu bieten“ hat - zur Koalition klingt eher nach Durchhalten als nach einem Aufbruch: „Wir stehen zu unserer Verantwortung, die wir haben. Wir haben Verantwortung für vier Jahre übernommen und sind auch weiterhin bereit, der gerecht zu werden.“

Fällt die SPD-Bastion Brandenburg?

Vielleicht reißt sich die Koalition zumindest für die nächsten drei Wochen zusammen. Denn dann steht für sie der nächste Crash-Test in Brandenburg an. Die Landtagswahl dort ist vor allem für die SPD ziemlich wichtig, weil sie in Potsdam seit 1990 alle Ministerpräsidenten gestellt hat. Sollte der jetzige Regierungschef Dietmar Woidke nun nach elf Jahren an der Macht scheitern, könnte sich in der SPD die Diskussion Bahn brechen, ob nicht doch der viel beliebtere Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) Kanzlerkandidat werden sollte.

AfD will „blaue Welle“ auch im Westen

Die AfD nutzte unterdessen ihre Wahlerfolge im Osten, um ihre bundespolitischen Ambitionen zu unterstreichen. In Thüringen wurde die AfD mit 32,8 Prozent erstmals in ihrer Geschichte stärkste Kraft in einem Bundesland. „Insgesamt muss es natürlich darum gehen, dass wir irgendwann auch auf Bundesebene stärkste Kraft werden“, sagte Parteichef Tino Chrupalla. „Diese blaue Welle muss vom Osten in den Westen kommen, in die alten Bundesländer.“

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