Panorama

Von wegen Hitler hat sie als Erster gebaut: Die Autobahn wird 100 Jahre - die Autostrada A8

Man hört es immer noch: Hitler hat die Autobahn erfunden. Falsch! In Italien ging schon lange vor der Machtergreifung der Nazis die erste Autostrada der Welt in Betrieb. Jetzt wird sie 100 Jahre alt.
20.09.2024 13:02
Lesezeit: 3 min

Es ist wie so oft auf ausländischen Autobahnen an der Mautstation. Wieder einmal fehlen die entscheidenden Zentimeter bis zum Lesegerät. Dann funktioniert die deutsche Karte nicht, warum auch immer, und schon fängt der Hintermann an zu drängeln.

Wie schön muss das hier, an den oberitalienischen Seen, vor einem Jahrhundert gewesen sein. Als Besitzer eines Autos war man fast noch unter sich. Gezahlt wurde nicht am Automaten, sondern in der Raststätte, in bar. Und an der Schranke stand ein Wärter in Uniform, der freundlich salutierte.

Vor 100 Jahren, am 21. September 1924, wurde hier, zwischen der Großstadt Mailand und dem 50 Kilometer weiter nördlich gelegenen Varese die erste echte Autobahn der Welt in Betrieb genommen. Oder vielmehr: die erste Autostrada. Denn die bis heute immer wieder gehörte Behauptung, dass Adolf Hitler die Autobahn erfunden habe, ist ausgesprochener Blödsinn. Auf Neudeutsch: Fake News, der ganz alten Art.

Auf Italiens Straßen nur 57.000 Pkw - heute 40 Millionen

Tatsächlich kam die Idee von dem Unternehmer Piero Puricelli, der auch die legendäre Rennstrecke von Monza baute und später zum Grafen geadelt wurde. Der Ingenieur gründete 1921 ein Unternehmen namens Società Anonima Autostrade, eine Art italienische Autobahn GmbH. Das Prinzip: eine gebührenpflichtige Straße nur für den Schnellverkehr – also ohne Hindernisse wie Kreuzungen, Fuhrwerke, Kutschen, Fahrräder oder Fußgänger. Das war tatsächlich eine sehr futuristische Idee. Auf Italiens Straßen waren seinerzeit noch kaum Pkw unterwegs: 57.000. Zum Vergleich: Heute sind mehr als 40 Millionen.

Seinerzeit hielten die meisten Leute wenig davon, mobil zu sein. Lieber blieb man in seiner gewohnten Umgebung. Wer längere Strecken zurücklegen wollte oder musste, nahm die Bahn. Auf den oft noch unasphaltierten Straßen über Land waren vor allem Pferdekarren unterwegs. Insofern war das erste Teilstück der späteren Autostrada dei Laghi (Autobahn der Seen), noch später die A8, ein sehr gewagtes Unternehmen.

„Eine Fahrt auf Beton glatt wie Parket"

Trotzdem kam Prominenz: Die erste Fahrt unternahm in einem Fahrzeug der bis heute existierenden Marke Lancia der damalige König Vittorio Emanuele III. Der Monarch durchschnitt auch das Band, sechs Soldaten standen Spalier. Die Tageszeitung „La Tribuna di Roma" vermerkte anerkennend: „Eine höchst attraktive Fahrt auf einem Beton glatt wie Parkett. Ohne tückische Rinnen oder Radfahrer oder Ähnliches, die man ins Jenseits schicken könnte...“ In Deutschland wurde darüber auch berichtet: aber nicht über eine Autobahn, sondern über eine «Nur-Autostraße».

Anfangs gingen die Italiener von täglich 1.000 Autos auf der Strecke aus. Es waren aber nur selten mehr als einige Dutzend – was auch daran gelegen haben mag, dass die Autostrada nachts geschlossen war. 1925 wurde der nächste Abschnitt eröffnet, bis nach Como an den gleichnamigen See. Heute ist das die auch von Touristen viel befahrene A9.

Erste deutsche Autobahn zwischen Köln und Bonn im August 1932

Bei der Gelegenheit: Hitler saß zu jener Zeit in Bayern im Gefängnis, verurteilt zu fünf Jahren, wegen eines Putschversuchs im November 1923. Von Autobahnen war bei ihm erst 1933 die Rede: Nach der Machtergreifung veröffentlichte er ein Programm zum Bau vierspuriger „Straßen des Führers“ quer durch Deutschland. Verschwiegen wurde, dass die Pläne aus den 1920er Jahren stammten. Das erste Teilstück einer „kreuzungsfreien Kraftfahr-Straße“ wurde auch schon im August 1932 freigegeben, zwischen Köln und Bonn, heute die A555.

Übrigens gab es seinerzeit eine gewisse Konkurrenz zwischen den Faschisten in Berlin und Rom. Italiens Diktator Benito Mussolini, seit 1922 an der Macht, jubelte zur Eröffnung von Mailand-Varese: „Die Autobahnen sind eine großartige italienische Errungenschaft, und ein sehr konkretes Zeichen unseres Ingenieurgeistes – den Söhnen des alten Roms nicht unwürdig.“

Rennstrecken auch schon früher in den USA und Deutschland

Der Kulturhistoriker Conrad Kunze („Deutschland als Autobahn“) sieht das heute anders. Aus seiner Sicht war Mussolini bei Geld und Propaganda Hitler deutlich unterlegen. „Worin sich beide ähnelten, war die versuchte Monumentalisierung der Straße als großes historisches Werk“, so der Wissenschaftler aus Berlin. „Nur dass die deutsche Variante wesentlich größer, teurer, tödlicher, schneller und berühmter wurde – wie eben im Dritten Reich alles mehrere Nummern größer ausfiel als in Italien.“

Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch Experten, die die Autobahn für noch älter halten. In New York gab es schon seit 1908 den Long Island Motor Parkway, der allerdings nahezu ausschließlich als Rennstrecke genutzt wurde – ein teurer Luxus für reiche Dandys. In Berlin wurde 1921 die Avus (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße) eingeweiht, auch sie vor allem für Gutbetuchte: Die Vierteljahreskarte kostete enorme 1000 Mark. Mit der heutigen Autobahn – eine öffentliche Straße nur für den motorisierten Verkehr, um schnell von A nach B zu kommen – hatte beides wenig zu tun.

Vor allem hatte man in Italien damals schon die Idee, ein weit verbreitetes Netz an Autobahnen aufzubauen. Die erste Autostrada war dann auch nicht billig, aber insgesamt lagen die Preise doch deutlich niedriger: zwischen 9 und 60 Lire, je nach Größe des Gefährts. Heute kostet die einfache Strecke für Pkw einheitlich 3,80 Euro. An diesem Samstag jedoch ist die Fahrt gratis. Zur Feier des Tages werden Autos aus 100 Jahren unterwegs sein.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Robert Habeck warnt vor Putins nächster Falle: „Wir dürfen nicht wieder wegsehen“
01.11.2026

Europa hat die Gefahr durch Putin lange unterschätzt. Der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck fürchtet, dass sich dieser Fehler in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen US-Logistikkonzern C.H. Robinson verblüfft mit KI-gestütztem Gewinnsprung: So ist das gelungen!
01.11.2026

28 Prozent weniger Mitarbeiter, über 60 Prozent mehr Produktivität und Frachtangebote in nur 31 Sekunden: Der US-Logistikkonzern C.H....

DWN
Technologie
Technologie Millionen Hackerangriffe wegen PHP-Sicherheitslücke: Wie sicher sind Websites noch und was ist zu tun?
01.11.2026

Millionen Hackerangriffe innerhalb weniger Stunden, abgeschaltete Regierungswebsites und eine PHP-Sicherheitslücke, die seit mehr als...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quantum-Systems-Chef in Litauen: Drohnen kann man nicht im Lager anhäufen, Bedrohungen verändern sich
01.11.2026

Quantum Systems baut seine Präsenz in Litauen aus und wird dort die Bundeswehr-Brigade unterstützen. Produktionspläne hängen jedoch von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kupferpreise auf Rekordhoch: Warum das Kupfermetall knapp wird
01.11.2026

Das Industriemetall ist nicht nur bei Diebesbanden gefragt. Kaum eine Zukunftsbranche kommt ohne den Leiter zurecht. Nach Bewertung der IEA...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Server statt Spielzeug: Playmobil-Werk wird Rechenzentrum
01.11.2026

Die Mutter der bekannten Spielwarenmarke hat die Produktion ins Ausland verlagert. 350 Mitarbeitende verloren dabei ihren Arbeitsplatz....

DWN
Immobilien
Immobilien Preisschock am Bau: Neue KI soll explodierende Materialkosten und Baustopps verhindern
01.11.2026

Kriege, Krisen und explodierende Rohstoffpreise bringen die Baubranche zunehmend unter Druck. Bauprojekte werden teurer, Kalkulationen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Xiaomi-Elektroautos: Warum dieser Milliardär Volkswagen und Tesla gefährlich werden könnte
31.10.2026

Er verkaufte Smartphones, wurde Milliardär und stieg schließlich ins Autogeschäft ein. Mit seinem ersten Elektroauto gelang Xiaomi-Chef...