Politik

Russische Sabotage: Deutschland entgeht nur knapp einem Flugzeugabsturz

Im Bundestag informierten die Leiter der Nachrichtendienste über die Aktivitäten russischer Geheimdienste. Ein besonders bedrohlicher Sabotagefall war demnach der Sprengsatz in einem Paket.
14.10.2024 14:32
Lesezeit: 3 min
Russische Sabotage: Deutschland entgeht nur knapp einem Flugzeugabsturz
Martina Rosenberg (MAD), Thomas Haldenwang (BfV) und Bruno Kahl (BND) sitzen zu Beginn der öffentlichen Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Deutschen Bundestages im Europasaal. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Bei einem mutmaßlich von Russland ausgelösten Brand eines Luftfrachtpakets ist Deutschland im Juli laut Einschätzung des Verfassungsschutzes nur knapp einem Flugzeugabsturz entkommen. Es war reiner Zufall, dass das Paket damals noch am Boden im DHL-Logistikzentrum Leipzig und nicht während des Fluges Feuer fing, sagte Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang bei einer öffentlichen Befragung der deutschen Geheimdienste im Bundestag. Andernfalls wäre es zu einem Absturz gekommen. In Sicherheitskreisen wird vermutet, dass der Vorfall im Zusammenhang mit russischer Sabotage steht.

Nach dpa-Informationen lag das Glück darin, dass der Weiterflug des aus dem Baltikum stammenden Frachtpakets sich in Leipzig verzögerte. Das Paket beinhaltete einen Brandsatz, der dort zündete und einen Frachtcontainer in Flammen setzte.

Geheimdienste warnen vor Naivität der Bevölkerung

Das Führungspersonal der Geheimdienste warnte während der Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr) des Bundestags die Öffentlichkeit vor Naivität. Putin habe Deutschland bereits als Feind betrachtet, betonten die Präsidenten der drei Nachrichtendienste. Ein Absturz des Flugzeugs über bewohntem Gebiet hätte nach Haldenwangs Worten möglicherweise auch Menschen getroffen, die "mit (Russlands Präsident Wladimir) Putin und seinen Zielen sympathisieren".

"Wir beobachten ein aggressives Vorgehen der russischen Nachrichtendienste", erklärte Haldenwang. Insbesondere Spionage und Sabotage durch russische Akteure hätten in Deutschland zugenommen - sowohl quantitativ als auch qualitativ.

BND-Chef warnt vor möglichen Angriffen aus Russland

Der Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Bruno Kahl, erklärte: "Der Kreml sieht den Westen und damit auch Deutschland als Gegner." Russland werde spätestens ab Ende des Jahrzehnts personell und materiell in der Lage sein, einen Angriff auf den Westen durchzuführen. "Putin wird die roten Linien des Westens testen", sagt der BND-Chef. Daher seien Geschlossenheit und Verteidigungsfähigkeit von Bedeutung. Es sei zu erwarten, dass Moskau vor einer offenen militärischen Auseinandersetzung noch versuchen werde, die NATO zu spalten.

Besorgniserregende Spionageaktivitäten gegen die Bundeswehr

Die Präsidentin des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), Martina Rosenberg, berichtete von alarmierenden Ausspähversuchen fremder Nachrichtendienste gegen die Bundeswehr: "Sei es, um deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine, Ausbildungsvorhaben oder Rüstungsprojekte zu ermitteln oder um durch Sabotageakte ein Gefühl der Unsicherheit zu erzeugen."

Der MAD brauche mehr Befugnisse, um die Stationierung einer gefechtsbereiten Brigade in Litauen wirksam zu begleiten, verlangt Rosenberg. Schließlich müsse der Dienst auch in der Lage sein, die Familien der Bundeswehr-Angehörigen während ihres Aufenthalts in dem NATO-Staat zu schützen.

BND-Chef fordert mehr Handlungsspielraum

Kahl äußert ernsthafte Bedenken über die starken Einschränkungen der Befugnisse der deutschen Nachrichtendienste. Der BND benötige "deutlich mehr operative Flexibilität", um seinen Auftrag effektiv erfüllen zu können. Positiv hebt er die aufgrund des Falls von Carsten L. erweiterten Befugnisse bei der Eigensicherung hervor.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem zur Geheimhaltung verpflichteten BND-Mitarbeiter und einem Geschäftsmann Landesverrat in besonders schwerem Fall vor. Sie sollen 2022 geheime Dokumente und Informationen aus dem deutschen Auslandsnachrichtendienst an den russischen Inlandsgeheimdienst FSB weitergegeben haben. Dafür sollen sie laut Anklage Geld erhalten haben.

Der Gesetzgeber habe seither geholfen, eine "Lücke in der Eigensicherung zu schließen", sagt Kahl. Dazu zählen ein verbesserter Schutz von Verschlusssachen sowie die Möglichkeit, Taschen, Diensträume und Fahrzeuge von Mitarbeitern zu kontrollieren. Dass der BND wichtige Partner im Ausland transparent über den Fall informiert habe, sei entscheidend gewesen, um dort kein Vertrauen zu verlieren.

Druck auf ausländische Oppositionelle in Deutschland

Nicht nur russische Dissidenten fühlten sich in Deutschland unter Druck, sagt Haldenwang. Auch Oppositionelle und Menschen, die von den Geheimdiensten Chinas, der Türkei oder des Iran als vermeintliche Gegner betrachtet werden, stünden teilweise enorm unter Druck. Der Druck sei gewachsen, betont Kahl. Im Falle Russlands und Chinas reiche es schon "sich abweichende Meinungen zu leisten und damit aufzufallen".

Islamistischer Terrorismus als größte Gefahr

Der Rechtsextremismus sei zwar derzeit die größte Bedrohung für die deutsche Demokratie, sagt Haldenwang. Die größte Gefahr für die Innere Sicherheit gehe aber gegenwärtig vom islamistischen Terrorismus aus. Für die Radikalisierung jugendlicher Einzeltäter in Deutschland sei insbesondere die Propaganda der Gruppierung Islamischer Staat Provinz Khorasan relevant - vor allem über TikTok und Telegram. Der Krieg im Nahen Osten wirke hier wie ein "Brandbeschleuniger".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Betriebsbedingte Kündigung wegen Stellenabbau: Die wichtigsten Fakten
22.06.2026

Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage erleben viele deutsche Arbeitnehmer derzeit eine Kündigungswelle. Häufig begründen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Entwicklung: Warum die Euphorie am Goldmarkt kippte
22.06.2026

Was ist das: Es steigt mit dem Dröhnen eines Düsenflugzeugs in die Höhe, fällt aber lautlos wie ein Segelflugzeug? Es war in aller...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mittelstand am Limit: Mit Lean Management und KI aus der Produktivitätsfalle
22.06.2026

Fachkräftemangel, Kostendruck, Bürokratie: Warum der Mittelstand jetzt umdenken muss. Und wie Lean Management und KI 2026 zum stärksten...

DWN
Politik
Politik Litauen-Brigade: Verteidigungsminister Pistorius hält Verpflichtungen für möglich
22.06.2026

Für die neue Brigade in Litauen setzt die Bundeswehr auf Freiwillige. Doch weil sich nicht genügend Freiwillige für die Litauen-Brigade...

DWN
Politik
Politik Großbritannien: Britischer Premierminister Starmer kündigt Rücktritt an
22.06.2026

Der Labour-Chef Keir Starmer hatte sich zuletzt von einer Krise zur nächsten gehangelt. Auslöser der jüngsten Zuspitzung war eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditklemme 2026: Wird Finanzierung zum Problem?
22.06.2026

Nicht der abgelehnte Kredit ist das größte Risiko für Deutschlands Mittelstand – sondern der Antrag, der gar nicht mehr gestellt wird....

DWN
Politik
Politik Auf dem Weg zur Volkspartei? Wie es für die Linke weitergeht
22.06.2026

Neues Spitzenduo, alte Streitfragen und viel Wut auf Schwarz-Rot: Die Linke will mit Protesten Millionen bewegen. Kann sie wirklich zur...

DWN
Politik
Politik Russische Zentralbankchefin auf mysteriöse Weise verschwunden
22.06.2026

Die russische Zentralbankchefin Elvira Nabiullina ist seit fast drei Wochen nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten. Nun machen...