Panorama

100 Jahre Deutscher Ärztinnenbund - Parität bleibt das Ziel

Obwohl mehr Frauen als Männer heute Medizin studieren, sind sie in Spitzenpositionen noch deutlich in der Unterzahl. Der Deutsche Ärztinnenbund möchte das ändern – und hat konkrete Ideen.
25.10.2024 09:31
Lesezeit: 3 min

Von den 428.000 berufstätigen Ärzten in Deutschland ist heute fast die Hälfte weiblich. Ein riesiger Fortschritt im Vergleich zum Jahr 1924, als es deutschlandweit gerade einmal 2.500 Ärztinnen gab. Jahrzehntelang war Frauen ein Medizinstudium verwehrt geblieben – man hielt sie für unfähig, außerdem passte es nicht in die traditionelle Rollenverteilung von Männern und Frauen.

Doch Gleichberechtigung gab es auch mit dem Zugang zum Medizinstudium Anfang des 20. Jahrhunderts noch lange nicht. Das wollten einige Medizinerinnen ändern und gründeten am 25. Oktober 1924 den Bund Deutscher Ärztinnen (BDÄ). Dieses Jahr feiert der Verband, der mittlerweile Deutscher Ärztinnenbund (DÄB) heißt, sein 100. Gründungsjahr. Der BDÄ wurde 1936 aufgelöst, 1950 gab es die Neugründung als DÄB.

„Seither und seit der Neugründung hat sich für die Ärztinnen und Zahnärztinnen sehr viel verändert“, schreibt DÄB-Präsidentin Christiane Groß in der aktuellen Jubiläumszeitschrift. Der Verband setzte sich Mitte des 20. Jahrhunderts dafür ein, dass Medizinerinnen sich als Kassenärztin niederlassen können.

Er trieb die Veränderung des Mutterschutzgesetzes mit voran, wirkte mit darauf hin, dass das Praktische Jahr am Ende des Medizinstudiums in Teilzeit absolviert werden kann und kämpft bis heute für die Legalität von Abtreibung. Auch die Beachtung der biologischen Unterschiede von Mann und Frau für die Erforschung und Behandlung von Krankheiten spielt für die Ärztinnen eine wichtige Rolle.

Wenige Ärztinnen in Spitzenpositionen

Trotz der Errungenschaften: Parität herrscht aus Sicht von DÄB-Vizepräsidentin Barbara Puhahn-Schmeiser noch lange nicht. „Frappierend an der Medizin ist, dass es so viele Frauen unter den Medizinstudierenden gibt, aber nur so wenige in Führungspositionen“, sagt die Ärztin, die Neurochirurgin am Universitätsklinikum Freiburg ist.

Der Anteil der Medizinstudentinnen liege bei mehr als 60 Prozent. Die wichtigsten klinischen Spitzenpositionen an den Universitätskliniken waren im Jahr 2022 allerdings nur zu 13 Prozent von Frauen besetzt, wie eine Auswertung des DÄB ergab. Damit gemeint sind Klinikdirektorinnen, die zugleich Lehrstuhlinhaberinnen sind.

„Das sind Schlüsselpositionen für die Weiterentwicklung der klinischen Medizi“, betont Ärztin und DÄB-Mitglied Gabriele Kaczmarczyk, die für die Auswertung verantwortlich ist. „Dass die mit einem Anteil von 87 Prozent von Männern besetzt sind, geht einfach nicht.“ Eine aktuelle Auswertung solle zum Ende des Jahres erscheinen. Es deute sich aber an, dass es keinen großen Schritt nach vorn gegeben habe, sagt Kaczmarczyk.

Nur knapp jede dritte Führungskraft weiblich

Laut Statistischem Bundesamt war im vergangenen Jahr nur knapp jede dritte Führungskraft (28,7 Prozent) in Deutschland weiblich. Zu den Führungspositionen zählen Vorstände und Geschäftsführerinnen sowie Führungskräfte in Handel, Produktion und Dienstleistungen. Der Frauenanteil habe sich in den vergangenen Jahren kaum verändert.

In den Krankenhäusern sei daran sowohl eine strukturelle als auch eine subtile Diskriminierung von Ärztinnen schuld, meint Kaczmarczyk. Bewerbungen von Ärztinnen mit Kindern würden zum Teil abgeschmettert, die Arbeitszeiten seien unflexibel und die Kinderbetreuung an vielen Universitätskliniken verbesserungswürdig.

Hinzu komme: „Die Berufungskommissionen sind überwiegend mit Männern besetzt.“ Die hätten oft wenig Verständnis dafür, dass Frauen häufig viele zusätzliche Aufgaben neben dem Beruf haben und sich im Durchschnitt deutlich mehr als Männer um die Sorgearbeit kümmern.

Strukturelle und subtile Diskriminierung

„Die subtile Diskriminierung besteht oft darin, dass man Frauen den Job nicht zutraut, vor allem in den operierenden Fächern“, kritisierte die Wissenschaftlerin. In chirurgischen Fächern liegt der Frauenanteil in Spitzenpositionen laut ihrer Untersuchung bei nur 5 Prozent.

Chirurgin Puhahn-Schmeiser hat sich eigenen Aussagen zufolge nie durch männliche Ärzte diskriminiert gefühlt. „Es wurde jeder gefördert, der viel gearbeitet hat und von morgens 7 bis abends um 22 Uhr auf Station war.“ Sie habe ihre vier Kinder aber auch erst nach der Habilitation bekommen. „Frauen gehen auf dem Weg zwischen Promotion und Habilitation verloren.“ Häufig seien sie zu dem Zeitpunkt zwischen 30 und 40 Jahre alt und starteten mit der Familienplanung.

Schwanger – dann raus aus dem OP-Saal

Sie ärgere sich darüber, dass schwangere Ärztinnen oft nicht weiter mit Patienten arbeiten dürften. „Als ich schwanger war, bin ich sofort aus dem OP rausgeflogen.“ Zum Teil erteilten Chefärzte schwangeren Ärztinnen aus Unsicherheit über den richtigen Umgang mit dem Mutterschutzgesetz ein Beschäftigungsverbot oder schlössen sie von bestimmten Funktionsbereichen aus. Das sei ein Riesenproblem, da es die Weiterbildung der Ärztinnen behindere.

Kaczmarczyk sagt, dass Frauen sich eine Führungsposition zum Teil auch nicht zutrauten. „Das liegt auch an der enormen Belastung.“ Man sei verantwortlich für Administration, Lehre, Forschung und Patientenversorgung. Die Arbeitstage seien lang. Dabei gebe es sehr viele qualifizierte Oberärztinnen. „Viele sind Professorinnen, die absolut das Zeug dazu haben, eine Spitzenposition einzunehmen.“

Mehr Teilzeitstellen an der Spitze gewünscht

Der DÄB fordert bis Mitte der 2030er Jahre Parität in allen Führungsebenen der Medizin. Das Zauberwort dafür heißt laut Kaczmarczyk „Topsharing“, also das Teilen von Spitzenpositionen. Eine Umfrage von ihr unter habilitierten Internistinnen aus dem Jahr 2020 habe ergeben, dass die überwiegende Mehrheit sich auf eine geteilte Spitzenposition bewerben würde. Von solchen neuen Arbeitsmodellen würden selbstverständlich nicht nur Frauen, sondern auch Männer profitieren.

Mittlerweile gebe es immer mehr Klinken, die Teilzeitoptionen ermöglichen, sagt Puhahn-Schmeiser. Familie und Job unter einen Hut zu bringen, sei unglaublich anspruchsvoll. Aber es lohne sich: „Ärztin zu sein, ist ein unglaublich schöner Beruf.“

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