Wirtschaft

Armut und Ungleichheit: Studie zeigt zunehmende Abstiegsängste in Deutschland

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Armut in Deutschland auf einem Höchststand ist und das Vertrauen in politische Institutionen schwindet. Zukunftsängste und Abstiegsängste nehmen zu und betreffen zunehmend auch die Mittelschicht.
10.11.2024 12:24
Aktualisiert: 10.11.2024 12:44
Lesezeit: 2 min

Eine steigende Einkommensungleichheit und wachsende Armut führen laut einer Analyse zu zunehmenden Abstiegsängsten in Deutschland. Der Anteil der in Armut lebenden Menschen ist gestiegen und hat ein Rekordniveau erreicht, wie der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt.

Die wirtschaftliche Lage hat sich infolge der Coronakrise und hoher Inflation spürbar verschlechtert. Die Zukunftsängste und Abstiegsängste nehmen stark zu und erfassen laut Bericht zunehmend auch die Mittelschicht. Mehr als die Hälfte der Menschen in der unteren Einkommenshälfte befürchtete im vergangenen Jahr, den eigenen Lebensstandard nicht halten zu können.

Grundlage der Analyse sind Umfragedaten der Hans-Böckler-Stiftung aus 2020 und 2023 mit mehr als 4.000 repräsentativ befragten Personen.

Armut in der Gesellschaft nimmt zu

Die Forscher betonen, dass die Gruppe der Armen im Vergleich zur gesellschaftlichen Mitte zahlenmäßig gewachsen und ärmer geworden ist, so Studienautorin Dorothee Spannagel. Der Gini-Koeffizient, der Gradmesser für Ungleichheit, ist laut Bericht von 0,282 im Jahr 2010 auf 0,31 im Jahr 2021 gestiegen. Die Auswertung basiert auf Einkommensdaten aus dem jährlich erhobenen sozio-oekonomischen Panel von 2021.

Im Jahr 2021 lebten 17,8 Prozent der Bevölkerung in Deutschland in Armut, verglichen mit 14,2 Prozent im Jahr 2010. Als arm gilt, wessen Haushaltsnettoeinkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. Für einen Singlehaushalt liegt die Armutsgrenze laut WSI bei maximal 1.350 Euro im Monat, für einen Vier-Personen-Haushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.830 Euro.

Vertrauensverlust und politische Teilhabe

Die zunehmende Armut und die damit einhergehenden Zukunftssorgen wirken sich laut Experten negativ auf das Vertrauen in politische und staatliche Institutionen aus. Weniger als die Hälfte der in Armut lebenden und der Menschen mit prekären Einkommen glaubt, dass die Demokratie in Deutschland grundsätzlich gut funktioniert. Rund ein Fünftel vertraut dem Rechtssystem nur eingeschränkt. Viele Betroffene sehen für sich kaum Möglichkeiten, ihre Anliegen in der Gesellschaft zu vertreten.

„Die Daten zeigen, dass Deutschland sich in einer Teilhabekrise befindet, die sich in den letzten Jahren verstärkt hat“, erklärt WSI-Forscherin Spannagel. Ein Teil der Bevölkerung wendet sich daher „deutlich vom politischen System ab.“

Zur Bekämpfung dieser Entwicklung fordern die Studienautoren eine Stärkung diverser gesellschaftlicher Institutionen, darunter Tarifverträge, die gesetzliche Rente und öffentliche Infrastrukturen wie Verkehrswege, Energienetze sowie das Bildungs- und Gesundheitssystem. Neben einer Reform der Schuldenbremse wird auch eine effektivere Besteuerung hoher Vermögen vorgeschlagen, um die nötigen Mittel zu generieren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen EU Listing Act entfesselt Europas Kapitalmärkte
24.06.2026

Europa will seine Unternehmen zurück an die Börse locken. Der EU Listing Act verspricht kürzere Prospekte, niedrigere Kosten und mehr...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Chip-Ausverkauf zieht Nasdaq-Titel nach unten
23.06.2026

Erfahren Sie, welche Faktoren die Technologiewerte unter Druck setzen und wo Anleger jetzt noch Chancen sehen.

DWN
Politik
Politik Putin: "Nato bereitet sich auf Krieg mit uns vor"
23.06.2026

Wladimir Putin wirft der Nato offen Kriegsvorbereitungen gegen Russland vor und kritisiert die steigenden Militärausgaben im Westen. Seine...

DWN
Finanzen
Finanzen Urlaubseuro 2026: In diesen Ländern bekommen Sie am meisten Urlaub für Ihr Geld
23.06.2026

100 Euro klingen nach 100 Euro, doch im Urlaub entscheidet das Reiseziel über ihren wahren Wert. Eine neue Analyse zeigt, wo Reisende 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Warum wird in deutschen Geschäften so brutal viel geklaut?
23.06.2026

Der Einzelhandel klagt über steigende Verluste durch Diebstahl. Welche Produkte besonders begehrt sind, wie sich Händler dagegen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kleinunternehmer kürzen Gehalt statt Kredit aufzunehmen
23.06.2026

Fast jeder zweite Selbstständige in Europa verzichtet auf Lohn, um unabhängig zu bleiben. Was steckt hinter dem Stolz, auf Kredite zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Minijob 2026: Rückkehr in die Rentenversicherung möglich – was zu beachten ist
23.06.2026

Wer sich als Minijobber von der Versicherungspflicht befreien ließ und bislang keinen Eigenanteil für die Rentenversicherung zahlt, kann...

DWN
Politik
Politik Rentenreform trifft fast alle Deutschen
23.06.2026

Die Rentenkommission hat 33 Empfehlungen erarbeitet – und die Regierung will das Konzept vollständig umsetzen. Was kommt damit auf die...