Wirtschaft

Armut in Deutschland - ein Tabuthema

Über 14 Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut. Auch die Mittelschicht ist immer häufiger betroffen. Viele davon wollen nicht darüber reden und versuchen, sich selbst zu helfen.
29.09.2024 16:01
Lesezeit: 3 min
Armut in Deutschland - ein Tabuthema
Besorgniserregend ist auch der Bildungsstand der Armutsbetroffenen: 60 Prozent verfügen über einen mittleren oder höheren Bildungsabschluss. Immer häufiger trifft es auch die Mittelschicht. (Foto: iStock.com, Karl-Hendrik Tittel) Foto: Karl-Hendrik Tittel

Wer in Deutschland arbeitet, kann davon nicht mehr unbedingt leben. Viele Beschäftigte müssen mehrere Jobs ausüben, um über die Runden zu kommen und bleiben trotzdem arm. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind 1,9 Millionen Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr in zwei Jobs beschäftigt gewesen. Das sind mehr als doppelt so viele Bürger, wie noch Anfang der 90er Jahre. Besonders betroffen sind Alleinstehende mit Kind.

Viele arme Rentner in Deutschland

Aber auch Rentner arbeiten immer häufiger im Ruhestand, um den Lebensstandard halten zu können. Aber auch die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten zwingen gerade Menschen mit einer kleinen Rente dazu, diese durch eine zusätzliche Beschäftigung aufzubessern. Aktuell finden sich unter den Erwerbstätigen 1,123 Millionen Menschen, die älter als 67 Jahre alt sind. Im Vergleich zum Jahr 2000, mit 481.000 Rentnern in Arbeit, hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Bei den über 75-Jährigen hat sich die Zahl der geringfügig Beschäftigten sogar verdreifacht.

42,3 Prozent der deutschen Rentner müssen mit weniger als 1.250 Euro netto im Monat auskommen. 26,4 Prozent der Rentenempfänger haben sogar weniger als 1.000 Euro zur Verfügung. Von diesen Minirenten betroffen sind zur über der Hälfte (53,5 Prozent) Rentnerinnen.

Armutslevel auf hohem Niveau

Das eine Einkommen reicht eben vielfach nicht mehr aus. Im Jahr 2022 lebten fast 17 Prozent der Menschen in Deutschland in Armut, insgesamt 14 Millionen, wie der Paritätische Armutsbericht 2024 nun feststellte.

In Deutschland lag 2022 die Schwelle zur Armut bei Alleinstehenden bei einem Einkommen von 1.186 Euro im Monat, bei einem Paar ohne Kinder bei 1.779 Euro. Als Alleinerziehende mit einem Kind unter 14 Jahren liegt die Armutsschwelle bei einem Einkommen von weniger als 1.542 Euro monatlich; Paare mit zwei Kindern unter 14 Jahren gelten bei weniger als 2.490 Euro als armutsgefährdet.

Kinderarmut steigt

Das hohe Niveau der Armut in Deutschland festigt sich seit Jahren, allerdings sind zunehmend auch Kinder von Armut betroffen. 20 Prozent der Armen in Deutschland sind aktuell Kinder und Jugendliche. Problematisch ist das Ergebnis der Studie auch in der Hinsicht, dass unter den erwachsenen Armen knapp zwei Drittel entweder arbeiten oder bereits in Rente sind. 34 Prozent der Erwachsenen unter den Armen arbeiten, davon alleine 30 Prozent Rentner.

Auch der Bildungsstand der Armen ist alarmierend: 60 Prozent von ihnen haben einen mittleren oder sogar höheren Bildungsabschluss. Die Mittelschicht ist dabei immer häufiger betroffen. Durch die massive Steigerung der Lebenshaltungskosten geraten auch Menschen in finanzielle Not, die bis vor einigen Jahren überhaupt nicht zu den risikobehafteten Bevölkerungsgruppen gehört haben.

Fehlende Kinderbetreuung als Armutsrisiko

Auch die fehlende Kinderbetreuung führt gerade bei Menschen, die im Schichtdienst einen Beruf ausgeübt haben oder einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen wollen, oft zu schwierigen Situationen, die das Armutsrisiko erhöhen. Fehlt es an Hortplätzen, können Mütter und gerade alleinerziehende Mütter nur in einem reduzierten Maße arbeiten. Verlieren sie die Stelle, haben sie auch kaum Anspruch auf Arbeitslosengeld. Außerdem erwerben sie wenig Rentenansprüche und sind deshalb dann auch von Altersarmut betroffen.

Verzicht auf staatliche Leistungen aus Scham

Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung feststellte, nehmen ferner 40 Prozent der Menschen, die ein Anrecht auf staatliche Leistungen hätten, diese gar nicht in Anspruch. Viele davon nicht einmal aus Unwissenheit, sondern weil sie sich für ihre Armut schämen und lieber in verdeckter Armut leben wollen, bzw. sich aus der Situation selbst befreien wollen. Wer seine Lebenshaltungskosten nicht mehr selbst verdienen kann, fühlt sich dann oft als Versager.

Das Steuersystem als weiteres Problem

Die Kluft zwischen den Einkommensschichten wächst in Deutschland auch durch das gültige Steuersystem, wie der Experte für Armutsforschung, Manuel Schechtl, erklärt. Zwar werden finanziell leistungsstarke Haushalte stärker zur Kasse gebeten, aber einkommensschwache Haushalte müssen trotzdem einen überproportional hohen Anteil ihres Einkommens für Sozialabgaben und Steuern aufbringen. Die reichsten Verdiener in Deutschland geben ca. 40 Prozent ihres Einkommens ab, bei den ärmsten Erwerbstätigen sind es aber auch 35 Prozent. Gutverdiener können zudem umfangreich Steuervergünstigungen in Anspruch nehmen; diese Vorteile gibt es bei Geringverdienern nicht.

Ärmere Haushalte sind durch die Struktur unseres Steuersystems und auch durch die hohen Sozialabgaben besonders stark belastet, erklärt Schechtl weiter. Zusätzlich belasten indirekte Steuern, wie die Mehrwertsteuer, immer mehr durch die Teuerung von Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern.

Reformen auch im Sozialsystem notwendig

Aktuell werden Geringverdiener spätestens mit Eintritt der Altersrente zum Armutsfall und bleiben dann den Rest ihres Lebens von Sozialtransfers abhängig. Aber nicht nur das Rentensystem führt für viele unweigerlich in die Armutsfalle, auch die Beiträge zur Krankenversicherung sind ungerecht gestaltet, wie Schechtl weiter ausführt.

Gutverdiener müssen für ihr Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze keine Abgaben mehr an die Krankenkasse bezahlen, Geringverdiener hingegen ab dem ersten Euro. Würde die Beitragsbemessungsgrenze deutlich angehoben werden oder gar entfallen, würden den Krankenkassen mehr Beiträge zufließen und Geringverdiener könnten bei der Beitragszahlung entlastet werden.

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