Politik

Brombeer-Koalition in Thüringen vorm Aus? SPD übt Kritik am Koalitionsvertrag

Erst am Freitag stellten CDU, BSW und SPD den fertigen Koalitionsvertrag für Thüringen vor. Doch jetzt regt sich Widerstand: Der linke Flügel der SPD sieht die Zusammenarbeit kritisch und könnte den Koalitionsvertrag per Online-Abstimmung ablehnen – das wiederum könnte die AfD stärken.
26.11.2024 13:55
Lesezeit: 2 min
Brombeer-Koalition in Thüringen vorm Aus? SPD übt Kritik am Koalitionsvertrag
Georg Maier (links, SPD), Thüringer Parteichef, Katja Wolf, BSW-Fraktionschefin, Mario Voigt, CDU-Fraktionschef: Die Thüringen-Koalition steht offenbar doch nicht. (Foto: dpa). Foto: Martin Schutt

Nachdem CDU, BSW und SPD letzten Freitag den gemeinsamen Koalitionsvertrag präsentierten, schienen die wochenlangen Streitigkeiten um die Bildung einer Landesregierung scheinbar beseitigt. Doch jetzt regt sich interner Widerstand in der SPD: Während CDU und BSW den Koalitionsvertrag auf einer Mitgliederversammlung beziehungsweise von Funktionären bestätigen lassen möchten, hat die SPD eine Online-Abstimmung ins Leben gerufen, die bis zum 9. Dezember laufen soll. Und die könnte die Brombeer-Koalition noch platzen lassen!

Thüringer SPD startet Mitgliederbefragung

Daran sollen die 3.400 Mitglieder des thüringischen Landesverbandes teilnehmen. Jedoch könnten die stimmenstarken Jusos, die immerhin 700 der Mitglieder ausmachen, dort für Widerstand sorgen. Zudem ist fraglich, ob alle älteren Parteimitglieder an der technischen Abstimmungsmethode teilnehmen.

Eine Abstimmung in Echtzeit auszurichten, beispielsweise in Zusammenhang mit der Listenaufstellung für die Bundestagswahl am 14. Dezember, hatte die Parteiführung abgelehnt. Vermutlich auch, weil sich der CDU-Landesvorsitzende Mario Voigt noch vor Weihnachten zum Ministerpräsidenten wählen lassen möchte.

Jusos lehnen Regierungsbildung ab

Die Jusos hatten sich wie auch der linke Flügel der SPD vor wenigen Tagen gegen eine Koalition mit den Christdemokraten und dem BSW ausgesprochen – zahlreiche Parteimitglieder könnten daher gegen den 100-seitigen Koalitionsvertrag stimmen. Für die mögliche Regierung wäre das ein fatales Signal. Schon jetzt kommen die drei Parteien auf nur 44 der 88 Sitze und haben somit keine absolute Mehrheit.

Dementsprechend müssten die Linke oder eben die AfD im Landtag für Anträge der Koalition stimmen – vor allem mit letzterer wollen die Genossen aber unter keinen Umständen zusammenarbeiten. Würden die SPD-Mitglieder den Koalitionsvertrag deshalb oder wegen der migrationskritischen Ausrichtung des Papiers ablehnen, müsste neu verhandelt oder die SPD ausgeschlossen werden.

Kommt es doch zu einer Minderheitenregierung?

Das wiederum würde bedeuten, dass sich die Regierungsbildung weiter verzögert oder eine Minderheitsregierung aus CDU und BSW erst recht auf die Stimmen der AfD angewiesen wäre – und einer Zusammenarbeit aufgrund der fehlenden Gegenstimmen der SPD aufgeschlossener wäre.

Mit 32 Sitzen stellt die AfD die stärkste Fraktion im Thüringer Landtag und verfügt damit obendrein über eine Sperrminorität. Die sowieso starke Stellung der Partei könnte durch den innerparteilichen Widerstand in der SPD also noch einmal gestärkt werden.

Wagenknecht sah positive Entwicklungen

Das BSW hat bereits für den 7. Dezember einen Parteitag einberufen, bei dem über die Zustimmung zum Koalitionsvertrag abgestimmt wird. Anders als beim Sondierungspapier kamen von der Parteigründerin Sahra Wagenknecht diesmal positive Reaktionen auf den geplanten Koalitionsvertrag.

Die bisherigen Verhandlungen in Thüringen wurden maßgeblich durch Forderungen von Wagenknecht zu den Themen Krieg und Frieden beeinflusst. Die Namensgeberin des BSW zeigte sich nun zufrieden mit dem Verlauf der Gespräche. Nach allem, was sie wisse, sei der geplante Koalitionsvertrag ihrer Partei mit CDU und SPD „deutlich anders als das Sondierungspapier. Und darüber sind wir sehr froh“, sagte Wagenknecht in der ARD-Talksendung „Maischberger“. Allerdings habe es dafür auch Druck gegeben.

Die drei Parteien einigten sich auf eine Präambel zum Koalitionsvertrag, die das Thema Krieg und Frieden aufgreift, was jedoch bisher nicht im Sinne von Wagenknecht war. Das BSW wollte daraufhin nachbessern. Es hieß, dass die friedenspolitischen Positionen des BSW nun auch im Vertragstext berücksichtigt würden.

Ziele festgelegt, Ressortverteilung noch offen

Laut den Beteiligten umfasst der Koalitionsvertrag konkrete Projekte und Ziele in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Migration, Verwaltungsmodernisierung, Soziales und kommunale Entwicklung. Weitere Details sollen am Freitag bekannt gegeben werden. „Uns ist ein guter Aufbruch gelungen, der das Leben der Thüringer spürbar verbessern wird“, erklärten die Partner. Die Gespräche seien zügig und pragmatisch verlaufen, wobei alle Beteiligten gezeigt hätten, „dass sie über parteipolitische Grenzen hinweg im Interesse des Landes handeln“.

Es wurde auch der Zuschnitt der Ministerien diskutiert. Derzeit hat Thüringen neben dem Ministerpräsidenten acht Fachministerien sowie einen Staatskanzleichef im Ministerrang. Der Ressortzuschnitt sei noch nicht endgültig festgelegt, hieß es aus Verhandlungskreisen.

Thüringen-Koalition auf knappen Sitzvorsprung angewiesen

CDU, BSW und SPD verfügen im Thüringer Landtag über 44 von 88 Sitzen. Eine mögliche Brombeer-Koalition, die nach den Parteifarben benannt wird, wäre somit bei Entscheidungen auf mindestens eine Stimme der Opposition – also von Linke oder AfD – angewiesen.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose: Experten sehen weiterhin Potenzial am Markt
30.11.2025

Die Entwicklung am Goldmarkt sorgt derzeit für besondere Aufmerksamkeit, da viele Anleger Orientierung in einem zunehmend unsicheren...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Start-ups: Talente ziehen lieber in die USA statt nach Europa
30.11.2025

Immer mehr europäische Start-ups verlagern ihre Aktivitäten in die USA, um dort leichter an Risikokapital zu gelangen. Kann Europa durch...

DWN
Politik
Politik Militärischer Schengen-Raum: Wie die EU die Truppenmobilität beschleunigen will
30.11.2025

Die sicherheitspolitischen Spannungen in Europa erhöhen den Druck auf die EU, ihre militärische Handlungsfähigkeit neu auszurichten. Wie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Digital Champions: Das sind die neuen deutschen Tech-Vorbilder
30.11.2025

Von Leipzig bis Heidelberg entsteht eine Generation von Startups, die KI-Forschung in Markterfolg übersetzt. Digitale Champions wie Aleph...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Blase durch steigende Investitionen: Wie EU und deutsche Wirtschaft betroffen sind
30.11.2025

Die rasanten Investitionen in künstliche Intelligenz lassen Experten vor einer möglichen KI-Blase warnen. Droht diese Entwicklung, die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Rüstungsindustrie im Aufschwung: USA profitieren von der Aufrüstung
30.11.2025

Europa versteht sich gern als Friedensmacht, die auf Diplomatie und Werte setzt, während in ihrem Inneren eine hochdynamische Sicherheits-...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland übernimmt ausländische Markenrechte: Mehr als 300 Brands gefährdet
30.11.2025

Ausländische Marken geraten in Russland zunehmend unter Druck, seit viele Unternehmen ihre Aktivitäten im Land eingestellt haben. Wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa im Schuldenstrudel: Warum die alten Mächte wanken und der Süden aufsteigt
29.11.2025

Europa war lange in zwei Gruppen geteilt. Es gab die Staaten mit fiskalischer Disziplin, angeführt von Deutschland, und die...