Politik

Kampf um Aleppo: Wie Russlands Hilfe über den Ausgang entscheiden könnte

Innerhalb kurzer Zeit erobern Rebellen weite Teile der syrischen Großstadt Aleppo. Syriens Regierung plant eine Gegenoffensive. Wie geht es im Bürgerkriegsland weiter?
01.12.2024 13:51
Lesezeit: 3 min
Kampf um Aleppo: Wie Russlands Hilfe über den Ausgang entscheiden könnte
Syrische Oppositionskämpfer stehen auf und neben einem erbeuteten Panzer des syrischen Regimes in Kafr Naya in der Provinz Aleppo (Foto: dpa). Foto: Anas Alkharboutli

In Syrien hat eine Rebellen-Allianz innerhalb weniger Stunden in einer Blitzoffensive fast die gesamte Millionenstadt Aleppo im Norden des Bürgerkriegslandes unter ihre Kontrolle gebracht. Der Vorstoß überraschte auch das Regime von Baschar al-Assad. Experten sprechen von einem entscheidenden Wendepunkt. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von Entscheidungen ab, die in Russland getroffen werden – Moskau ist ein enger Verbündeter Assads.

Die Truppen von Präsident Assad und ihre Verbündeten standen diese Woche unter starkem Druck durch eine Offensive der Rebellen-Allianz unter der Führung der islamistischen Gruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Am Mittwoch starteten sie die Offensive „Abschreckung der Aggressionen“ und erzielten in nur wenigen Tagen große Gebietsgewinne rund um Idlib und Aleppo. Die Allianz hat inzwischen auch die Kontrolle über die gesamte benachbarte Provinz Idlib übernommen. Am Freitag rückten die Rebellen bis an den westlichen Stadtrand Aleppos vor und drangen weiter in die Stadt vor, die jahrelang unter der Kontrolle der Regierung stand.

Luftangriff auf Aleppo – viele Tote

Wenige Stunden nachdem die syrische Regierung bestätigt hatte, dass große Teile Aleppos an die Rebellen verloren gegangen waren, wurde das Stadtzentrum von einem schweren Luftangriff getroffen. Mindestens 16 Menschen kamen ums Leben, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Der mutmaßliche Angriff russischer Kampfflugzeuge am Samstagnachmittag verletzte außerdem 20 Personen. Es war der erste Luftschlag auf Aleppos Zentrum seit Beginn der Offensive der Rebellen. Zuvor hatte die syrische Regierung zwar den Verlust großer Teile der Stadt bestätigt, jedoch den Aufständischen vorgeworfen, es sei ihnen bisher nicht gelungen, sich fest in der Stadt zu etablieren, da weiterhin gezielte Angriffe gegen sie ausgeführt würden, hieß es in einer Mitteilung der syrischen Streitkräfte, die von der Staatsagentur Sana verbreitet wurde.

Laut der syrischen Armee wurden die Rebellen von „Tausenden ausländischen Terroristen“ unterstützt und seien mit schweren Waffen und einer Vielzahl von Drohnen vorgerückt. Dutzende Soldaten der Regierung seien gefallen. Aufgrund der vielen Fronten und der hohen Zahl der Angreifer sei beschlossen worden, sich zurückzuziehen und einen Gegenangriff vorzubereiten. „Ich kann mein Glück kaum fassen“, sagte ein Aktivist an der Seite der Rebellen, Abdulkafi Alhamo, der Deutschen Presse-Agentur. „Nach acht Jahren konnte ich zurückkehren und durch die Straßen Aleppos laufen.“ Er wurde 2016 an der Seite von Rebellen aus der Stadt vertrieben. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich zurückkommen würde“, sagte er.

Kampf um Aleppo: Mehr als 300 Tote

Der syrische Bürgerkrieg, der seit 2011 wütet, hat das Land vollständig gespalten. Assad kontrollierte zuletzt mit Unterstützung seiner Verbündeten Russland und Iran etwa zwei Drittel des Landes. Der Nordwesten wird größtenteils von Oppositionskräften beherrscht. Eine politische Lösung des Konflikts ist weiterhin nicht in Sicht.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind seit Beginn der überraschenden Offensive der Rebellen-Allianz am Mittwoch mindestens 327 Menschen ums Leben gekommen. Darunter sind mehr als zwei Dutzend Zivilisten. Die Beobachtungsstelle, die ihren Sitz in Großbritannien hat, bezieht ihre Informationen aus einem Netz von Informanten vor Ort.

Experte: „Viel hängt von Russland ab“

Viel werde nun davon abhängen, wie sich Assads Verbündeter Russland verhalte, sagte Heiko Wimmen von der Denkfabrik International Crisis Group der Deutschen Presse-Agentur. „Ohne substanzielle russische Luftunterstützung wird Assad Aleppo vermutlich nicht zurückerobern können“, erklärte Wimmen. In diesem Fall könnten die Rebellen möglicherweise weitere Gebietsgewinne erzielen. Doch Russland habe zu viel in Assad investiert, um ihn jetzt fallen zu lassen. Assads zweiter Verbündeter Iran befinde sich derweil in der Defensive, erklärte Wimmen weiter. Rebellen hätten offenbar diese Schwäche des Irans als günstige Gelegenheit erkannt.

Ein Sprecher einer der Rebellengruppen sagte der dpa, die schnelle und erfolgreiche Offensive sei auch durch den „Zusammenbruch der proiranischen Milizen“ in Syrien möglich gewesen. Diese Milizen hätten ihre Stellungen verlassen und die syrischen Truppen im Kampf gegen die Rebellen im Stich gelassen. Der Iran und die von ihm unterstützten Milizen sind neben Russland die wichtigsten Verbündeten Assads im Bürgerkrieg in Syrien. Ihre indirekte Beteiligung am Gaza-Krieg sowie die darauf folgenden Angriffe Israels auf iranische und proiranische Ziele in der Region hätten sie jedoch erheblich geschwächt.

Bürgerkrieg in Syrien: Erinnerung an Kampf um Aleppo 2016

Aleppo war bereits in den ersten Jahren des syrischen Bürgerkriegs ein Zentrum schwerer Gefechte zwischen Rebellengruppen und Truppen der Regierung sowie deren Verbündeten. 2016 wurden die Rebellen unter schweren Kämpfen aus den östlichen Stadtteilen Aleppos vertrieben. Russland und der Iran unterstützten die Regierungstruppen von Assad dabei, die vollständige Kontrolle über Aleppo zurückzugewinnen.

Während der Kämpfe zwischen 2012 und 2016 wurde Aleppo nahezu vollständig zerstört. Der damalige Kampf um Aleppo war einer der heftigsten und brutalsten im syrischen Bürgerkrieg. Heute wurde die Stadt weitgehend wieder aufgebaut, und etwa 2,5 Millionen Menschen leben mittlerweile in Aleppo. Die Offensive der Rebellen-Allianz stellt den ersten großen Angriff auf Aleppo seit 2016 dar.

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