Politik

Syrien vor neuer Zukunft? Rebellen erobern Damaskus - Assad geflohen

Länger als 13 Jahren dauert der Bürgerkrieg in Syrien. Am Ende geht es schnell. Russland macht aus der Flucht von Machthaber Al-Assad ein Geheimnis. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten hat die Reaktionen vom Sonntag für Sie zusammengefasst.
08.12.2024 17:02
Lesezeit: 3 min

Machtwechsel im von Diktatur und Bürgerkrieg geplagten Syrien: Eine islamistische Rebellengruppe hat Präsident Baschar al-Assad, einen brutalen Machthaber im Nahen Osten, vertrieben. Nach Angaben des russischen Außenministeriums ist er außer Landes. Einen Ort nannte das Ministerium nicht.

USA und EU stufen HTS als Terrororganisation ein

Die islamistische Gruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) führt die Rebellenallianz an. Haiat Tahrir al-Scham bedeutet in etwa Organisation für die Befreiung (Groß-)Syriens. Diese Islamisten haben teilweise Kontakte zum türkischen Militär und zu Türkei-nahen Milizen.

Die Europäische Union und die USA stufen HTS als Terrororganisation ein. Unklar ist, wer das gespaltene Land künftig regieren wird und ob Syrien einen geeinten Weg zur Demokratie findet.

Millionen Flüchtlinge hoffen

Millionen Flüchtlinge gibt der Sturz Assads Hoffnung, wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Insgesamt wurden fast 14 Millionen Menschen vertrieben, davon sind 7,2 Millionen im eigenen Land auf der Flucht. Die Türkei, Jordanien, der Libanon, Ägypten und der Irak haben die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Rund 700.000 Syrer leben als Flüchtlinge oder Asylbewerber in Deutschland.

Scholz, USA und EU begrüßen Ende der Assad-Herrschaft

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nannte das Ende der Herrschaft von Al-Assad eine gute Nachricht. Er habe sein Volk auf brutale Weise unterdrückt und unzählige Menschen auf dem Gewissen. "Das syrische Volk hat entsetzliches Leid erfahren", sagte der Kanzler. Auch die neue EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas begrüßte den Sturz.

Tausende feiern in Deutschland

Allein in Berlin feierten Tausende den Sturz Al-Assads. Am Oranienplatz in Kreuzberg versammelten sich beispielsweise laut Polizei am Nachmittag rund 5.000 Menschen. In Nordrhein-Westfalen zählte die Polizei mehr als 2000 Menschen in mehreren Städten bei Kundgebungen.

13 Jahre Bürgerkrieg bis zum Sturz Assads

Al-Assad regierte seit dem Tod seines Vaters Hafis, der diktatorisch herrschte, im Jahr 2000. Es gab Protesten gegen ihn während des Arabischen Frühlings 2011. Aus der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste entwickelte sich ein Bürgerkrieg, den Assad nur mit militärischer Hilfe Russlands, des Irans sowie der libanesischen Hisbollah-Miliz politisch überlebte.

Die Rebellengruppe hatte die Offensive gegen die Regierungstruppen am 27. November begonnen. Am 7. Dezember erreichten sie die Hauptstadt. Augenzeugen berichteten, viele syrische Soldaten hätten ihre Uniformen ausgezogen, die wenigsten Gegenwehr geleistet. Die Armeeführung erklärte schließlich Assads Regierung für beendet und schickte die Soldaten nach Hause.

Rebellen: "Das Ende dieser dunklen Ära"

"Der Tyrann Baschar al-Assad ist geflohen", teilten die Aufständischen in sozialen Medien mit. "Wir verkünden, dass die Hauptstadt Damaskus (von ihm) befreit wurde." Der 8. Dezember markiere "das Ende dieser dunklen Ära" der Unterdrückung unter Assad und seinem Vater Hafis, die das Land mehr als 50 Jahren regierten.

Die Rebellen verhängten in Damaskus eine Ausgangssperre, die um 16.00 Uhr Ortszeit (14.00 Uhr MEZ) begann und am Montagmorgen um 5.00 Uhr (3.00 Uhr MEZ) enden soll.

Ist Abu Mohammed al-Dschulani der neue starke Mann?

Nach den Worten ihres Anführers Abu Mohammed al-Dschulani will das Rebellenbündnis die Macht friedlich übernehmen. Öffentliche Einrichtungen in Damaskus "werden bis zur offiziellen Übergabe unter Aufsicht des früheren Ministerpräsidenten bleiben", teilte Al-Dschulani mit.

Die USA haben vor Jahren ein Kopfgeld von zehn Millionen US-Dollar (rund 9,5 Millionen Euro) auf den einstigen Extremisten ausgesetzt. Inzwischen gibt sich der 42-jährige Al-Dschulani, der mit bürgerlichen Namen Ahmed Hussein al-Scharaa heißt, moderat.

Oppositionelle aus berüchtigtem Gefängnis Saidnaja befreit

Die Rebellen ließen zahlreiche unter Assad Inhaftierte frei. Sie stürmten nach eigenen Angaben das berüchtigte Militärgefängnis Saidnaja nördlich von Damaskus, in dem unter anderem politische Gefangene inhaftiert waren. Wegen des brutalen Vorgehens im Gefängnis erhielt es unter den Syrern den Spitznamen "Schlachthaus".

Jubel in Damaskus

Im Zentrum von Damaskus brach nach Assads Flucht Jubel aus. Anwohner klatschten dort auf der Straße, einige waren beim Gebet zu beobachten, wie Augenzeugen berichteten. In sozialen Netzwerken machten Videos von Anwohnern die Runde, die auf einen Panzer klettern und feierliche Gesänge anstimmen. Der US-Sender CNN berichtete, dass Menschen Paläste von Al-Assad geplündert hätten.

Biden: Die außergewöhnlichen Ereignisse werden genau beobachtet

Das Weiße Haus teilte mit, US-Präsident Joe Biden beobachtete die Ereignisse genau und stehe in ständigem Kontakt mit den regionalen Partnern. Zuvor hatte der designierte US-Präsident Donald Trump klargemacht, er wolle nicht, dass sich die USA in irgendeiner Form in die Krise in Syrien einmischten, weil das nicht ihr Kampf sei.

Netanjahu: Historischer Tag

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach von einem "historischen Tag in der Geschichte des Nahen Ostens". Bei einem Besuch auf den besetzten Golanhöhen sagte Netanjahu: "Das Assad-Regime ist ein zentraler Teil der iranischen Achse des Bösen - dieses Regime ist gestürzt."

Russland: Sind in Kontakt mit Rebellen-Gruppen

Das russische Außenministerium in Moskau erklärte, in Kontakt mit den Rebellen zu stehen. Seinen Militärstützpunkten drohe derzeit keine Gefahr, hieß es. Russland leistete seit 2015 militärische Unterstützung für Assad.

Russland unterhält in Syrien eine Luftwaffenbasis und einen Marinestützpunkt mit Kriegsschiffen im Mittelmeerhafen von Tartus. Für Russland hat die Präsenz dort strategische Bedeutung wegen des Zugangs zum Mittelmeer.

Der Iran hofft auf weiter gute Beziehungen mit Syrien

Der Iran ist einer der engsten Verbündeten Assads, will aber die Entscheidung des syrischen Volkes akzeptieren, so das Außenministerium. Aufständische stürmten die iranische Botschaft in Damaskus und verwüsteten sie laut iranischen Medienberichten. Alle Diplomaten und Mitarbeiter hätten die Botschaft jedoch bereits verlassen, so das Außenministerium in Teheran.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Nach der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Trump:Standard Chartered sieht XRP als potenziell renditestärkste Kryptowährung im Jahr 2026

Vor dem Hintergrund der Genehmigung eines XRP-ETFs durch Donald Trump und einer deutlich verbesserten regulatorischen Lage in den USA...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Humanoide Roboter: KI treibt Robotik voran und schafft Milliardenmarkt
08.01.2026

Humanoide Roboter entwickeln sich von der Vision zur realen Technologie mit tiefgreifenden Folgen für Wirtschaft und Arbeit. Steht die...

DWN
Immobilien
Immobilien Wachstumsphase vorbei: Wohnungen werden erstmals seit Jahrzehnten kleiner
08.01.2026

Die durchschnittliche Wohnung in Deutschland ist seit den Sechzigerjahren deutlich größer geworden. Das ändert sich nun: Grund sind hohe...

DWN
Politik
Politik Handelskonflikt spitzt sich zu: Chinas Exportüberschuss setzt EU unter Druck
08.01.2026

Chinas Handelsmacht wächst schneller als die politischen Reaktionsmechanismen in Europa. Wie lange kann die EU diese Entwicklung noch...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Alphabet hielt Nasdaq im Plus, Dow und S&P 500 fielen
08.01.2026

Die Wall Street schloss am Mittwoch uneinheitlich, da Investoren neue Risiken in Venezuela sowie Anzeichen einer Abkühlung des...

DWN
Politik
Politik Grönland als Machtfaktor: Was Washington wirklich plant
07.01.2026

Donald Trump spricht offen über Grönland und meint nationale Sicherheit. Hinter den markigen Worten verbirgt sich eine geopolitische...

DWN
Politik
Politik Trump Eskalation: Warum Europas Vertrauen in die USA zerbricht
07.01.2026

Donald Trump handelt, als wäre Weltpolitik ein persönliches Machtspiel. Seine Entscheidungen erschüttern Allianzen, zerstören Vertrauen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitslosigkeit: Mehr Arbeitslose im Dezember - Talsohle erreicht?
07.01.2026

Mehr als 2,9 Millionen Menschen ohne Job – so viele waren es schon seit langem nicht mehr in einem Dezember. Gibt es Hoffnung auf einen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Venezuelas Öl: Wie die USA den nächsten Zugriff vorbereiten
07.01.2026

Ein Wochenende reicht, um die Fantasie der Märkte zu befeuern. Während US-Ölkonzerne an der Börse steigen, rücken Venezuelas...