Wirtschaft

Verpackungssteuer Tübingen: Bundesverfassungsgericht bestätigt Rechtmäßigkeit

Das Bundesverfassungsgericht hat die Verpackungssteuer Tübingen als verfassungsgemäß bestätigt. Die Abgabe, die seit Januar 2022 auf Einwegverpackungen wie Kaffeebecher und Pommesschalen erhoben wird, sorgt für Rechtssicherheit und könnte als Modell für andere Städte dienen. Experten fordern eine bundesweite Regelung.
22.01.2025 16:55
Lesezeit: 2 min
Verpackungssteuer Tübingen: Bundesverfassungsgericht bestätigt Rechtmäßigkeit
Im Bild: Eine McDonald's To-Go-Tüte und ein To-Go-Becher liegen auf einem Mülleimer auf der Neckarbrücke in Tübingen. Verpackungssteuer Tübingen fördert den Wechsel zu Mehrweg-Lösungen und verringert die Müllflut. (Foto: dpa) Foto: Bernd Weißbrod

Kaffeebecher, Pizzakartons, Plastikbesteck: Wer in Tübingen Speisen und Getränke verkauft, muss auf Einwegverpackungen und andere Produkte eine Verpackungssteuer zahlen. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden: Diese umstrittene Abgabe ist verfassungsgemäß. Damit besteht nun Klarheit - auch für andere Städte und Gemeinden.

Im konkreten Fall entschied der Erste Senat über die Verfassungsbeschwerde einer Betreiberin eines Schnellrestaurants in Tübingen. Eine Franchise-Nehmerin von McDonald's hatte nach Angaben des Fast-Food-Konzerns gegen die Verpackungssteuer Tübingen Beschwerde eingelegt. Damit richtete sie sich auch gegen ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das bereits im Mai 2023 die Rechtmäßigkeit der Tübinger Verpackungssteuer bestätigt hatte.

Die Richterinnen und Richter in Karlsruhe wiesen die Verfassungsbeschwerde der Betreiberin zurück. Zwar greife die Erhebung der Verpackungssteuer Tübingen in die im Grundgesetz garantierte Berufsfreiheit der Verkäufer ein, erklärte der Senat. Dieser Eingriff sei jedoch verfassungsgemäß. Die Stadt Tübingen könne sich auf die Steuergesetzgebungskompetenz der Länder berufen. Es handele sich bei der Verpackungssteuer Tübingen um eine "örtliche" Verbrauchssteuer.

Tübingen als Vorreiter – Folgen andere Städte?

Die Verpackungssteuer Tübingen besteht seit dem 1. Januar 2022. Sie wird auf Einwegverpackungen, -geschirr und -besteck beim Verkauf von Speisen und Getränken zum Mitnehmen oder für den sofortigen Verzehr erhoben. Es spielt keine Rolle, aus welchem Material die Artikel bestehen. Der Steuerbetrag liegt bei 50 Cent für Einwegverpackungen wie Kaffeebecher, 50 Cent für Einweggeschirr wie Pommesschalen und 20 Cent für Einwegbesteck sowie Strohhalme.

Tübingen hat mit dieser Steuer eine Vorreiterrolle übernommen. In der Universitätsstadt zeigt sie bereits die beabsichtigte Wirkung, erklärte Oberbürgermeister Boris Palmer. Die Abgabe fördere Mehrweg-Lösungen und reduziere die Müllflut im Stadtbild erheblich. "Wir wissen von vielen Städten, dass sie nur auf das Urteil gewartet haben, um ebenfalls eine Verpackungssteuer nach dem erfolgreichen Tübinger Vorbild auf den Weg zu bringen", so Palmer. "Dafür ist jetzt der Weg frei."

Forderung nach bundesweiter Lösung

Die Deutsche Umwelthilfe begrüßte die Rechtssicherheit, die das Urteil des Bundesverfassungsgerichts anderen Städten und Gemeinden bietet, und forderte diese auf, dem Tübinger Modell zu folgen. Jede weitere kommunale Verpackungssteuer erhöhe den Druck auf die künftige Bundesregierung, eine bundesweite Einweg-Abgabe auf To-go-Verpackungen einzuführen, sagte Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz.

Der Deutsche Städtetag erwartet, dass nun mehr Städte eine lokale Verpackungssteuer einführen werden. "Der Aufwand der Städte für die großen Mengen an achtlos weggeworfenen Einwegverpackungen wächst immer mehr", sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy. Mit den Einnahmen könnten die hohen Reinigungskosten gemildert werden. Der Städtetag wolle bei der nächsten Bundesregierung für eine bundesweite Regelung werben.

Angst vor rechtlichem Flickenteppich

Auch der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) sprach sich für eine bundesrechtliche Lösung aus – "denn die Kommunen werden wohl unterschiedlich vom Instrument der kommunalen Verpackungssteuer Gebrauch machen, was zu einem unübersichtlichen Flickenteppich führen könnte."

Der Handelsverband Deutschland warnte ebenfalls vor einem Flickenteppich von individuellen Verpackungssteuern. Für Unternehmen bestehe die Gefahr einer verwirrenden Vielzahl von unterschiedlichen Regelungen, die einen erheblichen bürokratischen Aufwand mit sich brächten. Der Bundesverband der Systemgastronomie sprach von einer finanziellen Belastung seiner Mitglieder durch zunehmenden bürokratischen und technischen Aufwand.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Forschungsstandort Europa 2026: Zwischen Exzellenz und Sparzwang
25.05.2026

Europa forscht stark, doch Kürzungen bei Horizon Europe bedrohen den Anschluss an USA und China. Was das für Talente, Patente und...

DWN
Politik
Politik Weltbekannter Professor sieht gefährliche Veränderung bei Trump
25.05.2026

Francis Fukuyama sieht Trump politisch geschwächt, aber gerade deshalb gefährlich. Für Dänemark und Grönland könnte die nächste...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Arbeitsmarkt: Wer durch KI ersetzt wird, zahlt jahrelang
25.05.2026

KI soll Unternehmen schneller, schlanker und profitabler machen. Doch für Beschäftigte, die durch neue Technologien ihren Job verlieren,...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktienempfehlungen: Günstige Aktien trotz KI-Hype, Zinsrisiko und Rüstungsboom
25.05.2026

Viele Anleger jagen weiter den teuersten KI-Gewinnern hinterher, doch Morningstar sieht die spannendere Chance woanders. Zehn globale...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
25.05.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Klimarisiken in Europa: Warum der Mittelstand besser vorsorgen muss
25.05.2026

Klimarisiken und Nachhaltigkeit werden für Europas Mittelstand zu entscheidenden Faktoren für Finanzierung, Wettbewerbsfähigkeit und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Veggie-Burger-Boom verliert an Tempo: Fleischersatz in Deutschland erstmals rückläufig
25.05.2026

Pflanzliche Fleischalternativen haben den Lebensmittelmarkt in Deutschland stark verändert. Doch nach Jahren kräftigen Wachstums sinkt...

DWN
Technologie
Technologie Meta: WhatsApp-Inkognito-Modus kommt für KI-Unterhaltungen
25.05.2026

Meta erweitert WhatsApp um neue KI-Funktionen und verspricht dabei mehr Datenschutz. Nutzer sollen künftig inkognito mit der Meta AI...