Politik

Schuldenbremse-Reform: Bundesbank macht konkreten Vorschlag zur Reform der Schuldenbremse

Die Bundesbank hat einen Reformvorschlag zur Schuldenbremse vorgelegt, um dem Bund größere finanzielle Spielräume für milliardenschwere Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung zu ermöglichen.
04.03.2025 16:07
Aktualisiert: 04.03.2025 16:07
Lesezeit: 2 min

Bundesbank schlägt Schuldenbremse-Reform vor

Ein entsprechendes Dokument liegt der Deutschen Presse-Agentur und "Table Media" vor. Kern des Vorschlags ist eine Anpassung der Verschuldungsregelungen mit erweiterten Kreditmöglichkeiten, "die jedoch überwiegend für zusätzliche Sachinvestitionen vorgesehen sind". Die Neuverschuldung soll sich daran orientieren, ob die Staatsverschuldung über oder unter 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegt. Diese Schwelle ist in den EU-Maastricht-Verträgen als zentrale Verschuldungsgrenze definiert.

Die seit 2009 im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse beschränkt die Neuverschuldung des Bundes: Sie darf pro Jahr maximal 0,35 Prozent des BIP betragen. Nach Einschätzung der Bundesbank wäre es wirtschaftlich vertretbar, die Obergrenze für die strukturelle Nettokreditaufnahme des Bundes bei einer Schuldenquote unter 60 Prozent auf bis zu 1,4 Prozent des BIP anzuheben. Bei einer Quote über 60 Prozent hält die Bundesbank eine Begrenzung auf 0,9 Prozent des BIP für angemessen.

Sollte die Reform der Schuldenbremse umgesetzt werden, könnte der Kreditspielraum des Staates nach Berechnungen der Bundesbank bis 2030 um etwa 220 Milliarden Euro im Vergleich zum aktuellen Stand steigen. Selbst bei einer Schuldenquote oberhalb von 60 Prozent blieben noch etwa 100 Milliarden Euro zusätzlicher Spielraum.

EU-Vorgaben zur Schuldenbremse bleiben Maßstab

Die Bundesbank betont, dass die EU-Schuldenregeln nicht infrage gestellt würden. Die 60-Prozent-Marke bleibe "zentraler Orientierungspunkt der Vorschläge". Liegt die Schuldenquote über dieser Schwelle, müsse die Obergrenze so bemessen sein, "dass sie mittelfristig wieder unter 60 Prozent sinkt". Laut den Wirtschaftsexperten der Bundesbank dürften die vorgeschlagenen höheren Kreditspielräume "die Einhaltung des 60-Prozent-Referenzwerts für die Schuldenquote ausreichend absichern".

Wie viele andere Euro-Länder hat auch Deutschland in den vergangenen Jahren regelmäßig die 60-Prozent-Grenze überschritten – trotz eines generell rückläufigen Schuldenniveaus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag die Schuldenquote in Deutschland 2023 bei 62,9 Prozent und sank bis Ende des dritten Quartals 2024 auf 62,4 Prozent.

Bundesbank hatte bereits 2022 Vorschläge zur Reform der Schuldenbremse gemacht

Der aktuelle Vorschlag der Bundesbank baut auf Überlegungen aus dem Jahr 2022 auf. Damals hielt es die Bundesbank für wirtschaftspolitisch tragbar, die Grenze für die strukturelle Nettokreditaufnahme des Bundes bei Schuldenquoten unter 60 Prozent auf bis zu 1,0 Prozent des BIP zu erhöhen. Für eine Schuldenquote über 60 Prozent wurde eine Begrenzung auf 0,5 Prozent des BIP vorgeschlagen.

Die im Grundgesetz festgeschriebene Schuldenbremse soll verhindern, dass die Staatsverschuldung so stark wächst, dass dauerhaft neue Kredite nötig werden, um bestehende Schulden zu bedienen. Allerdings erlaubt die Schuldenbremse in wirtschaftlich schwachen Phasen eine vorübergehende Erhöhung der Neuverschuldung. Sobald sich die Wirtschaftslage verbessert, müssen diese zusätzlichen Schulden wieder reduziert werden.

Darüber hinaus kann die Schuldenbremse "bei Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Notlagen, die sich der Kontrolle des Staates entziehen", ausgesetzt werden. Diese Ausnahme wurde zwischen 2020 und 2022 genutzt – zunächst wegen der Corona-Pandemie und später zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sowie der Energiekrise.

Für die Feststellung einer Notlage reicht im Bundestag eine einfache Mehrheit. Eine Reform der Schuldenbremse im Grundgesetz erfordert dagegen eine Zweidrittelmehrheit. Eine solche Mehrheit haben SPD und Union gemeinsam mit den Grünen nicht, weshalb sie auf Stimmen von AfD oder Linken angewiesen wären. Diese verfügen zusammen über eine Sperrminorität.

Debatte über die Schuldenbremse-Reform nimmt Fahrt auf

Kritiker der Schuldenbremse argumentieren, dass sie dringend notwendige Investitionen, etwa in Klimaschutz oder Infrastruktur wie Straßen und Schienen, behindere. Zudem ist unklar, wie Deutschland höhere Verteidigungsausgaben finanzieren soll. Nach der Bundestagswahl hat die Diskussion über eine Schuldenbremse-Reform an Dynamik gewonnen. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel betonte in der vergangenen Woche, dass "die Schuldenbremse als Stabilitätsinstrument erhalten bleiben" müsse. Gleichzeitig befinde sich Deutschland "in einem anderen wirtschaftlichen Umfeld als vor 15 Jahren, als die Schuldenbremse eingeführt wurde". Ein Sondervermögen für die Bundeswehr könnte demnach in eine modifizierte Schuldenbremse integriert werden.

Mehr Flexibilität bei der Schuldenbremse sei jedoch kein Allheilmittel, wie die Bundesbank in ihrem Monatsbericht vom Februar festhält: Auch mit einer Reform bleibe es "unabdingbar, Prioritäten neu zu setzen und Finanzmittel effizienter einzusetzen". Zudem sei "eine fokussierte Verwaltung wichtig, die Entscheidungen schnell trifft und die Digitalisierung effektiver nutzt".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Datenschutz in Casino-Apps und was deutsche Nutzer wirklich erwarten

Spieler schreiben an ihr Online-Casino und verlangen Auskunft darüber, welche Daten über sie gespeichert wurden. Das Casino antwortet...

DWN
Finanzen
Finanzen Börsenboom treibt Reichtum der Eliten: Ist eine Vermögenssteuer überfällig?
27.05.2026

Wer mehr als 100 Millionen Dollar besitzt, gilt als superreich. In Deutschland gehören Tausende Menschen dazu - Tendenz steigend, wie eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Direktinvestitionen. Europas neue Angst vor China-Geld
27.05.2026

China investiert so viel wie nie in Europas Schlüsselindustrien. Ausgerechnet jetzt verschärft die EU ihre Regeln für ausländische...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Agrartechnik wird elektrisch: Ex-VW-Chef Diess will E-Traktor auf den Markt bringen
27.05.2026

Früher VW-Boss, jetzt Landmaschinen-Pionier? Herbert Diess plant einen E-Traktor mit Wechsel-Akkus für Landwirte. Diese sollen schon bald...

DWN
Politik
Politik China-Politik: Zwischen Vorsicht und Fairness - Reiches Spagat
27.05.2026

Bundeswirtschaftsministerin Reiche sucht in Peking den Dialog mit China. Doch seltene Erden, fairer Wettbewerb und die Debatte über...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mini-Wachstum: Wirtschaftsweise senken erneut Prognose - Abschwung setzt sich fort
27.05.2026

Einen Aufschwung der deutschen Wirtschaft gibt es langfristig nicht: Der Sachverständigenrat erwartet nur noch ein Mini-Wachstum von 0,5...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tech-Börsengänge mit Rekordwerten lassen Experten zweifeln
27.05.2026

SpaceX, OpenAI und Anthropic könnten mit ihren Tech-Börsengängen neue Rekordbewertungen erreichen. Experten warnen jedoch vor Hype,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Einführung: Erfolg entscheidet sich im Mindset, nicht im Code
27.05.2026

Bei der Implementierung von KI denken viele zunächst an die technischen und datenschutzrechtlichen Komponenten. Doch der eigentliche...

DWN
Politik
Politik Antragsloses Kindergeld aber weniger Elterngeld? Wie die Regierung für mehr Kinder sorgen will
27.05.2026

Die Geburtenrate befindet sich parallel zur Wirtschaftskrise auf einem historischen Tiefstand. Kinder rücken plötzlich in den Fokus der...