Wirtschaft

US-Angriffe auf Iran: Droht ein neues Gasloch wie bei Russland?

US-Luftangriffe auf den Iran setzen neue Dynamik im globalen Energiemarkt frei. Droht Europa nach dem russischen Gas-Schock der nächste Preisschub?
26.06.2025 10:57
Aktualisiert: 26.06.2025 11:02
Lesezeit: 2 min
US-Angriffe auf Iran: Droht ein neues Gasloch wie bei Russland?
Explodierende Energiepreise: Die Iran-Krise könnte ein Gasloch von der Größenordnung Russlands verursachen – Verbraucher und Unternehmen zahlen die Rechnung. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

Nahost-Konflikt bedroht globale Versorgungslinien

Die Energiekrise in Europa könnte eine neue Dimension erreichen: Nach den gezielten US-Luftangriffen auf iranische Atomanlagen spitzt sich die Lage in der Region dramatisch zu. Insbesondere die Gefahr einer Schließung der Straße von Hormus – der wichtigsten Route für Flüssigerdgas (LNG) aus Katar – bereitet den Märkten Sorgen. Zwar brachte ein verkündeter Waffenstillstand am Dienstag kurzfristig Entspannung, doch die geopolitische Unsicherheit bleibt hoch.

Der Iran besitzt mit dem South-Pars-Gasfeld unter dem Persischen Golf eines der größten Erdgasvorkommen der Welt. Gemeinsam mit Katars North Field liefert die Region jährlich mehr als 350 Milliarden Kubikmeter Erdgas – mehr als der gesamte Jahresbedarf der EU. Ein Stopp dieser Lieferungen hätte gravierende globale Folgen.

Europa droht neue Gas-Volatilität

Für Europa, das seit dem Ukraine-Krieg massiv auf Flüssigerdgas setzt, wäre eine Unterbrechung der Lieferungen aus dem Persischen Golf vor allem eines: teuer. Zwar gehen nur rund 15 Prozent der Transporte über die Straße von Hormus nach Europa, doch schon diese Menge würde reichen, die Preise massiv in die Höhe zu treiben. Hinzu kommt der Dominoeffekt: Ausfälle in Asien verschärfen den globalen Wettbewerb um LNG-Frachten – mit Folgen für europäische Verbraucher und Unternehmen.

Die Gasspeicher in Europa sind derzeit zu rund 56 Prozent gefüllt – weniger als in den Vorjahren, aber ausreichend, um die aktuellen Lieferausfälle kurzfristig abzufedern. Doch Experten warnen: Die aktuellen Einlagerungsraten reichen nicht, um das von Brüssel gesetzte 90-Prozent-Ziel bis November zu erreichen.

Gaspreise unter Druck – Lage bleibt angespannt

Nach dem militärischen Schlag der USA schnellte der Preis für den nächsten Monatskontrakt am TTF-Handelspunkt in den Niederlanden um über 20 Prozent nach oben, fiel dann aber infolge des Waffenstillstands wieder auf rund 35 Euro pro Megawattstunde. Die SEB Bank rechnet dennoch mit weiter steigenden Preisen – bis Jahresende könnte der europäische Durchschnittspreis auf 45 Euro/MWh steigen.

Bedeutung für Deutschland

Für Deutschland bleibt die Lage heikel: Die energieintensive Industrie leidet bereits unter den Folgen hoher Gaspreise. Neue Preissprünge würden die Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich schwächen. Gleichzeitig ist die Abhängigkeit von LNG-Lieferungen gestiegen – insbesondere, da russische Gasimporte nahezu vollständig weggefallen sind. Drohende Engpässe im LNG-Markt könnten Deutschland erneut zum Spielball geopolitischer Konflikte machen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Marius Vaitiekūnas

Zum Autor:

Marius Vaitiekūnas ist ein ausgewiesener Experte für Geopolitik und internationale Wirtschaftsverflechtungen. Geboren 1985 in Kaunas, Litauen, schreibt er als freier Autor regelmäßig für verschiedene europäische Medien über die geopolitischen Auswirkungen internationaler Konflikte, wirtschaftlicher Machtverschiebungen und sicherheitspolitischer Entwicklungen. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind die globale Energiepolitik und die sicherheitspolitischen Dynamiken im osteuropäischen Raum.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kritische Rohstoffe: Europas unterschätzter Machtfaktor
26.05.2026

Lange Zeit galt die Globalisierung als Garant für Wohlstand und Stabilität. In einer vernetzten Welt, so die Theorie, würde der freie...

DWN
Politik
Politik Trump-Strategie zerlegt Amerikas Macht in Echtzeit
26.05.2026

Donald Trump sendet an China ein Signal, das kaum gefährlicher sein könnte. In der Taiwan-Frage rückt er von jener Abschreckung ab, auf...

DWN
Panorama
Panorama Pflegeversichung: Kinderlose sollen höheren Pflegebeitrag zahlen
26.05.2026

Die Finanzlage der Pflegeversicherung spitzt sich dramatisch zu. Jetzt prüft die Bundesregierung höhere Beiträge für Kinderlose – und...

DWN
Finanzen
Finanzen Wenn der EURIBOR steigt, wird die Mathematik weniger freundlich
26.05.2026

Der EURIBOR steigt wieder und signalisiert, dass die Zeit des billigen Geldes nicht zurückkehrt. Für Immobilienkäufer, Unternehmen und...

DWN
Politik
Politik Baltische Luftraumüberwachung wird zum Testfall für Europas Ostflanke
26.05.2026

Eine Drohne dringt in estnischen Luftraum ein, kurz darauf kündigt Polen Kampfjets für Ämari an. Was wie ein regionales Signal wirkt,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie steigert Umsatz und streicht Stellen
26.05.2026

Die deutsche Industrie meldet erstmals seit fast drei Jahren wieder steigende Umsätze – doch gleichzeitig beschleunigt sich der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft SpaceX-Börsengang könnte die gefährlichste Wette des Jahres werden
26.05.2026

SpaceX soll an die Börse, und die Zahlen wirken gigantisch. Doch hinter der möglichen Rekordbewertung stehen Milliardenverluste, enorme...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU Inc.: Europas Tech-Traum droht an Amerika zu zerbrechen
26.05.2026

Europa gründet, forscht und erfindet. Doch wenn aus Ideen Konzerne werden sollen, wandern viele der besten Firmen in Richtung USA. Mit EU...