Politik

Reiche zur Energiewende: "Kosten müssen runter"

Die Energiewende ist teuer, der Stromnetzausbau stockt – und die Verbraucher zahlen die Zeche. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will das ändern und kündigt einen Realitätscheck an. Betreiber erneuerbarer Energien sollen künftig stärker in die Pflicht genommen werden. Gleichzeitig warnt Reiche vor unrealistischen Verbrauchsprognosen und fordert eine Reform des Systems, das den Ausbau bislang belohnt, ohne auf die Systemkosten zu achten. Ihr Ziel: ambitionierte Klimaziele erreichen, ohne den wirtschaftlichen Rahmen zu sprengen.
17.07.2025 08:39
Lesezeit: 3 min

Reiche plant Kurswechsel bei der Energiewende

Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche strebt einen Kurswechsel bei der Energiewende an. "Die Kosten müssen insgesamt runter", sagt die CDU-Politikerin. "In den vergangenen Jahren war das politische Ziel allein auf den Zubau fixiert. Die Energiewende wird aber nur erfolgreich sein, wenn wir den Ausbau der Erneuerbaren und die Kosteneffizienz konsequent zusammenbringen. Das muss das Ziel sein." Betreiber von Ökostrom-Anlagen sollen sich aus Reiches Sicht künftig an der Finanzierung des Stromnetzausbaus beteiligen.

"Realitätscheck" im Sommer

Ende des Sommers will Reiche einen "Realitätscheck" zur Energiewende vorlegen. "Wir brauchen zwingend mehr Steuerbarkeit, um die Volatilität der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien ausgleichen zu können. Auch Speicher spielen zum Ausgleich eine Rolle. Sie sind Teil der Lösung, aber reichen allein nicht aus. Wir werden uns die Ergebnisse genau anschauen, und dann die notwendigen Schlüsse daraus ziehen."

Netzausbau bleibt ein Nadelöhr

Reiches Amtsvorgänger Robert Habeck (Grüne) hatte mit verschiedenen Maßnahmen den Ausbau des Ökostroms vor allem aus Wind und Sonne vorangetrieben. Die erneuerbaren Energien sollen eine Schlüsselrolle spielen, damit Klimaziele erreicht werden. Der Ausbau der Stromnetze hält jedoch nicht Schritt. Wegen fehlender Netze müssen erneuerbare Anlagen immer wieder drosseln. Ausgleichsmaßnahmen gegen Netzengpässe kosten viel Geld. Um den vor allem im Norden erzeugten Windstrom in große Verbrauchszentren im Süden zu transportieren, sollen Tausende neue Kilometer Stromleitungen verlegt werden. Ein Großteil ist aber noch nicht fertig.

Milliardenbelastung für den Steuerzahler

Mit Blick auf geplante Entlastungen der Stromkunden bei den Netzentgelten, mit denen unter anderem der Netzausbau finanziert wird, sagt die Ministerin: Momentan würden Kosten vom Stromkunden in die öffentlichen Haushalte und damit auf den Steuerzahler verschoben – in einer Größenordnung von rund 30 Milliarden Euro. "Wir lösen damit nicht das grundlegende Problem. Die Entlastungen bei der Stromsteuer, die Abschaffung der Gasspeicherumlage, die teilweise Übernahme der Netzkosten und die Übernahme der schon länger in den Haushalt verlagerten EEG-Kosten machen zusammen rund 30 Milliarden Euro aus." Die Energiewende müsse kosteneffizienter werden. "Und das geht auch."

Stromverbrauch könnte langsamer steigen

Eine wesentliche Kenngröße sei der prognostizierte Stromverbrauch, sagt Reiche. "Die letzte Regierung hat angenommen, dass der Stromverbrauch schon 2030 auf bis zu 750 Terawattstunden steigt, bis 2035 gibt es Prognosen von 1.000 Terawattstunden." Das wäre eine Steigerung von fast 50 Prozent innerhalb weniger Jahre. "Seriöse Studien zweifeln, ob diese Steigerungen der Realität standhalten. Wir werden eine deutliche Zunahme der Elektrifizierung sehen, insbesondere im Bereich der Wärmepumpen, der Elektromobilität, der Digitalisierung. Ob in den von der Ampel angenommenen Größenordnungen, darf bezweifelt werden."

Betreiber von Ökostrom-Anlagen sollen mitfinanzieren

Der Ausbaupfad der erneuerbaren Energien und der Netzausbau müssten synchronisiert werden, sagt Reiche. Betreiber von Anlagen erneuerbarer Energien müssten mehr Systemverantwortung übernehmen. Sie sollten sich an der Finanzierung des Netzausbaus beteiligen.

"Systemverantwortung heißt, dass die Kosten für den Netzausbau nicht mehr nur über die Netzbetreiber und die allgemeinen Netzentgelte von den Stromkunden zu bezahlen sind", sagt Reiche. Die Kosten für den Netzausbau liegen bisher voll beim Netzbetreiber und werden über die Netzentgelte von den Stromkunden bezahlt.

Bundesnetzagentur prüft Reform der Netzentgelte

Für die Reform der Netzentgelte ist die Bundesnetzagentur zuständig. In einem Diskussionspapier ist auch die Rede von einer Verbreiterung der Finanzierungsbasis durch eine Beteiligung von "Einspeisern" an den Netzkosten.

Faire Kostenverteilung gefordert

"Wir müssen zu einer fairen Verteilung der Verantwortung kommen", sagt Reiche. "Wir brauchen die Erneuerbaren für die Dekarbonisierung. Wir brauchen sie auch, weil es innovative Technologien sind. Aber Risiko und Kosten dürfen nicht einseitig auf die Kunden übertragen werden. Die Erneuerbaren können und müssen mehr Systemverantwortung übernehmen. Und das heißt auch, Verantwortung für die Kosten des Gesamtsystems zu übernehmen und einen Beitrag zur Netzstabilität, zur Regelbarkeit und zur Steuerbarkeit zu leisten."

Vergütungssystem soll reformiert werden

Reiche sagt weiter: "Das bisherige System, das erneuerbare Energien teilweise vergütet, egal, ob sie einspeisen oder nicht, bedarf aus volkswirtschaftlicher Sicht schnellstens einer Überarbeitung." Den Ausbaupfad könne man dann beibehalten, wenn Systemverantwortung durch die Erneuerbaren wahrgenommen werde.

Klimaziele bleiben im Fokus

Die Ministerin sagt, sie habe sich ausdrücklich zu den Klimazielen 2045 bekannt. "Aber die Ziele sind sehr, sehr ambitioniert. Jeder, der sich mit der Frage ernsthaft beschäftigt, wird dem zustimmen."

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein. Klimaneutralität bedeutet, dass nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden, als auch wieder gebunden werden können.

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