Wirtschaft

Bargeldloses Schweden: So schützen sich Banken und Behörden vor Cyberangriffen und digitalen Bedrohungen

Schweden gilt als Vorreiter bei digitalen Zahlungen, doch diese Abhängigkeit macht das Land verwundbar. Sicherheitsbehörden und Finanzinstitute bereiten sich auf Szenarien vor, in denen Cyberangriffe den Zahlungsverkehr stören und Vertrauen in das Bankensystem erschüttern könnten. Wie gut ist Schweden auf solche Bedrohungen vorbereitet?
27.10.2025 06:03
Lesezeit: 3 min
Bargeldloses Schweden: So schützen sich Banken und Behörden vor Cyberangriffen und digitalen Bedrohungen
Cyberangriffe gefährden Schwedens bargeldloses Zahlungssystem und das Vertrauen in die Banken (Foto: iStock.com, nrqemi) Foto: nrqemi

Cyberangriffe bedrohen das bargeldlose Schweden

Marcus Murray beschäftigt sich seit über zwei Jahrzehnten mit den Schwachstellen von Finanzinstitutionen. Als Gründer von Truesec, einem der größten schwedischen Cyber-Sicherheitsunternehmen, half er Banken in ganz Skandinavien, sich gegen Hackerangriffe zu schützen.

Inzwischen fürchten seine Kunden jedoch zunehmend nicht gewöhnliche Kriminelle, sondern staatlich gesteuerte Gruppen, die nicht auf Geld aus sind, sondern Zahlungssysteme lahmlegen und das Vertrauen in Finanzinstitutionen untergraben wollen, wie die Agentur Bloomberg berichtet.

Steigende Sorge vor russischer „Hybridkriegsführung“

In den nordischen und baltischen Ländern wächst die Besorgnis über russische „Hybridkriegsführung“, also eine Reihe kleinskaliger, aber wirkungsvoller Maßnahmen wie Sabotage oder Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur.

In den letzten Jahren sind insbesondere private Unternehmen, vor allem Banken, verstärkt Ziel solcher Operationen geworden. Marcus Murray erklärt: „Das Bankensystem ist für die Russen ein prioritärer Angriffspunkt. Sie wissen genau, wie groß der Schaden sein kann, wenn es lahmgelegt wird.“

Schweden als führende bargeldlose Gesellschaft

Fast 90 Prozent aller Transaktionen in Schweden erfolgen elektronisch. Das macht das Finanzsystem besonders anfällig für Cyberbedrohungen. Die Regierung in Stockholm erhöht die Verteidigungsausgaben und appelliert an die Bürger, sich auf mögliche Krisen vorzubereiten.

Gleichzeitig arbeitet die Riksbank mit der Privatwirtschaft zusammen, um die Widerstandsfähigkeit der Zahlungssysteme zu stärken und den Zugang zu Bargeld selbst bei Netzausfällen sicherzustellen.

Maria Lundström, Leiterin der Abteilung für Krisenvorsorge bei der Riksbank, warnt: „Wenn das System ausfällt, sind die Folgen sofort spürbar, von fehlendem Zugang zu Lebensmitteln bis hin zu Problemen bei Lohn- und Sozialleistungszahlungen.“

Vorbereitung auf Cyberangriffe und Stromausfälle

Die Zentralbank hat kritische Punkte des nationalen Zahlungssystems analysiert und Pläne für zwei Hauptszenarien entwickelt: groß angelegte Cyberangriffe sowie langanhaltende Unterbrechungen der Stromversorgung und der Datenkommunikation. Dabei geht es nicht nur um technische Sicherheitsmaßnahmen, sondern auch um die Aufrechterhaltung des Zugangs zu grundlegenden Finanzdienstleistungen.

Cyberangriffe und Desinformation untergraben Vertrauen

Es bedarf keiner ausgeklügelten Hacks, um Chaos auszulösen. Im April wurde das digitale Authentifizierungssystem BankID, ein zentraler Bestandteil der schwedischen Zahlungsinfrastruktur, durch einen DDoS-Angriff lahmgelegt. Millionen Menschen konnten für mehrere Stunden weder Swish nutzen noch Rechnungen bezahlen oder sich bei Banken einloggen.

Maria Lundström vergleicht die Situation mit einem vollen Laden, in den niemand eintreten kann, obwohl das Gebäude unversehrt bleibt. Solche Angriffe können mit Desinformationskampagnen kombiniert werden, um Angst zu schüren und Vertrauen zu zerstören.

Marcus Murray erinnert an die Ereignisse in der Ukraine vor der russischen Invasion, als Bankkunden SMS über angeblich verschwundene Ersparnisse erhielten, während Cyberangriffe den Kontozugang blockierten.

Tests der Banken auf reale Angriffe

Europäische Finanzinstitute durchlaufen regelmäßig sogenannte TIBER-Tests, bei denen reale Angriffsszenarien simuliert werden. In Schweden arbeiten dabei die jeweilige Bank, die Riksbank und unabhängige Expertenteams, oft von Truesec, zusammen, um Angriffe nachzustellen.

Die größten Banken werden häufiger geprüft, und die Ergebnisse verbessern sich von Jahr zu Jahr. Marcus Murray betont jedoch: „Solange kein echter Angriff erfolgt, lässt sich die vollständige Bereitschaft nicht überprüfen.“

Stärkung der Sicherheitsstrukturen

Auf Grundlage behördlicher Empfehlungen verstärken die Banken ihre Sicherheitsabteilungen. Die skandinavische SEB richtete 2024 eine spezielle Einheit für den zivilen Schutz ein, geleitet von der ehemaligen Riksbank-Beamtin Lisa Leirnes. Ziel sei es, die Kontinuität der Dienstleistungen selbst unter Kriegsbedingungen sicherzustellen.

Auch Nordea plant Szenarien für Krisenfälle und arbeitet mit Regulierungsbehörden zusammen, um die Funktionsfähigkeit zentraler Finanzdienstleistungen zu gewährleisten, selbst unter extremen Bedingungen. Swedbank und Handelsbanken berichten ebenfalls von Maßnahmen zur Erhöhung der operativen Resilienz.

Zentralisiertes Krisenmanagement und Notfallzahlungen

Die Riksbank unterstützt zudem ein Gesetzesvorhaben, das ihr die formale Verantwortung für das Management operativer Krisen im Finanzsektor überträgt. Ein weiteres Projekt sieht ein System vor, mit dem Kartenzahlungen auch ohne Internetzugang möglich sein sollen.

Maria Lundström erläutert, dass es um einen „sanften Übergang in den Notfallmodus“ geht, um die grundlegenden Dienstleistungen auch bei Netzausfällen aufrechtzuerhalten. Das System soll lokale Zahlungen bis zu einer Woche ermöglichen und deren Nutzung auf notwendige Einkäufe in Supermärkten, Apotheken und Tankstellen beschränken.

Die Lehren für Deutschland

Auch deutsche Banken und Zahlungssysteme könnten von ähnlichen Szenarien betroffen sein. Die schwedischen Vorbereitungen zeigen, wie wichtig Resilienz, Krisenpläne und Notfallinfrastrukturen sind, um Vertrauen in Finanzsysteme zu erhalten. Deutschland sollte diese Erfahrungen nutzen, um seine eigenen Zahlungssysteme gegen Cyberangriffe und hybride Bedrohungen zu stärken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gerät wegen steigender US-Anleiherenditen ins Stocken
15.09.2026

Erfahren Sie, welche globalen Entwicklungen die Aktienmärkte derzeit ausbremsen und warum Anleger jetzt besonders wachsam sein müssen.

DWN
Panorama
Panorama Werden Kippen viel teurer? Tabakbranche warnt vor "Exzess"
15.09.2026

Damit der Bund zusätzliche Einnahmen erzielt, sollen Deutschlands Raucher stärker zur Kasse gebeten werden als bisher. Doch bringt das...

DWN
Finanzen
Finanzen Northrop Grumman-Aktie: Dieser Megaauftrag könnte den Kurs zünden
15.09.2026

Europas Rüstungsaktien sind davongezogen, doch ausgerechnet ein US-Gigant hinkt hinterher. Northrop Grumman steht vor milliardenschweren...

DWN
Technologie
Technologie United States Space Force: USA bestätigen Weltraumwaffen
15.09.2026

Der Weltraum wird zum neuen militärischen Machtfeld: Die USA bestätigen erstmals offiziell Waffen im Orbit. Dahinter steht die United...

DWN
Politik
Politik Merz kündigt Entlastungen bei Spritpreisen an
15.09.2026

Die Spritpreise steigen weiter und bringen immer mehr Autofahrer an ihre Belastungsgrenze. Kanzler Merz kündigt nun schnelle Entlastungen...

DWN
Politik
Politik "Vor Kraft kaum laufen": AfD will Volkspartei werden
15.09.2026

Die rechtspopulistische AfD hat in Sachsen-Anhalt einen historischen Wahlerfolg erzielt und könnte am kommenden Sonntag weiter zulegen....

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie springt über 1.000 Euro: Neuer Auftrag sorgt für Rückenwind – ist das die Trendwende?
15.09.2026

Die Rheinmetall-Aktie meldet sich mit einem kräftigen Kurssprung über die Marke von 1.000 Euro zurück. Ein neuer Munitionsauftrag...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zerfällt die WTO?
15.09.2026

Die Welthandelsorganisation WTO verliert weiter an Bedeutung. Sie warnt nun vor massiven Wohlstandsverlusten, wenn sich die Weltwirtschaft...