Unternehmen

Selbstständige in Deutschland: Von der Politik vergessen – jeder fünfte Selbstständige steht vor dem Aus

Die Zahlen sind alarmierend: Jeder fünfte Selbstständige in Deutschland steht vor dem Aus, während die Großwirtschaft auf Erholung hofft. Die Politik verschärft die Krise noch – und ignoriert weiterhin 90 Prozent aller Unternehmen im Land, auch bei der Aktivrente. Warum wird ihre Bedeutung politisch so stark unterschätzt?
18.11.2025 11:00
Lesezeit: 3 min

Jeder fünfte Selbstständige sieht Existenz bedroht

Seit der Corona-Pandemie hat sich die wirtschaftliche Lage für Freiberufler, Selbstständige und Kleinbetriebe extrem verschlechtert. Denn während des Lockdowns konnten viele von ihnen über Monate nicht arbeiten, sofern sie vom persönlichen Kontakt mit ihren Kunden abhängig waren. Seitdem läuft es für Selbstständige schlechter als vorher, denn die deutsche Wirtschaft hat sich nach der Pandemie nicht mehr richtig erholt. Inzwischen stellt die aktuelle Wirtschafts- und Auftragsflaute Selbstständige, Freiberufler und Kleinbetriebe vor immer größere und existenzielle Probleme.

Die Konsequenz: Inzwischen denkt ein Fünftel von ihnen ans Aufhören, wenn die wirtschaftliche Lage nicht bald besser wird. Das geht aus einer aktuellen Ifo-Umfrage hervor. Wieso ignorieren die Regierenden konstant die existenzbedrohende Krise der Kleinstunternehmer?

Je länger diese Flaute dauert, umso weniger wird bestellt

Die Zahlen sind alarmierend: 19 Prozent der Selbstständigen in Deutschland erwägen die Geschäftsaufgabe. Während Konzerne bereits den nächsten Aufschwung wittern, kämpfen Freiberufler und Kleinstunternehmer mit existenzbedrohenden Auftragslücken. Der Jimdo-ifo Geschäftsklimaindex stürzte im Oktober auf minus 23,7 Punkte – ein deutliches Signal, dass die Krise der Selbstständigen sich verschärft, statt abzuklingen.

Auftragsflaute trifft Kleinstunternehmer härter als den Rest der Wirtschaft

Fast der Hälfte aller Selbstständigen fehlen aktuell die Aufträge. Konkret beklagen laut „n-tv“ 46,6 Prozent der Befragten mangelnde Aufträge – deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft mit 36,9 Prozent. Besonders betroffen sind Baubetriebe und das verarbeitende Gewerbe, wo die Geschäftsklimaindizes am stärksten sinken. Beide Sektoren leiden unter der Kombination aus hohen Energiekosten, Materialengpässen und zurückhaltenden Investitionen. Besser positioniert sind Selbstständige in den Bereichen IT-Sicherheit, Energieeffizienz und Gesundheitsdienstleistungen.

Doch die Unsicherheit wächst parallel: Einem Drittel der Selbstständigen fällt es inzwischen schwer, ihre Geschäftsentwicklung überhaupt noch einzuschätzen. „Der wirtschaftliche Druck auf Selbständige ist weiterhin hoch, viele warten noch immer auf den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung“, erklärt Ifo-Expertin Katrin Demmelhuber laut „br.de“. In der Wirtschaftsflaute halten sich Konsumenten und Unternehmer eher zurück mit Ausgaben und Investitionen. Dadurch bleiben auch bei vielen Selbständigen und Kleinunternehmern die Aufträge aus.

Diese Stagnation steht in krassem Gegensatz zur Gesamtwirtschaft, wo die Geschäftserwartungen zwischen September und Oktober um 3,9 Punkte stiegen. „Die deutsche Wirtschaft hofft weiter auf eine Belebung der Konjunktur im kommenden Jahr“, so Demmelhuber.

Politische Ignoranz verschärft die Krise

Besonders bitter für die betroffenen Unternehmer: Die Politik ignoriert ihre Lage systematisch. Das jüngste Beispiel ist die geplante Aktivrente, die Selbstständige komplett ausschließt. Ab 2026 sollen Rentner bis zu 2000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen können – aber nur, wenn sie angestellt sind.

„Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind so hart wie seit Jahren nicht und anstatt gegenzusteuern, verschärft die Politik die Lage vieler Selbstständiger noch“, kritisiert Jimdo-CEO Matthias Henze laut „n-tv“. Der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD) hat bereits eine Petition gegen diese Ungleichbehandlung gestartet.

Während Industriekonzerne bei jeder Konjunkturdelle mit Milliardenhilfen rechnen können, müssen die eigentlichen Leistungsträger der Wirtschaft – Selbstständige und Kleinstunternehmer – die Krise allein durchstehen. Die Aktivrente ist dabei nur das jüngste Beispiel für die strukturelle Diskriminierung.

Wer heute gründet, braucht nicht nur eine brillante Geschäftsidee, sondern auch einen Plan B für den Fall, dass die Politik wieder einmal die 90 Prozent der Wirtschaft übersieht, die nicht an der Börse notiert sind. Für Entscheider bedeutet das: Diversifizieren, Rücklagen bilden und politische Interessenvertretung stärken.

Selbstständige: Die unterschätzte Wirtschaftsmacht

Dabei repräsentieren Selbstständige und Kleinstunternehmen laut „Zeit“ fast 90 Prozent aller Unternehmen in Deutschland und beschäftigen rund acht Millionen Menschen – zehnmal mehr als die Automobilindustrie. Trotzdem werden sie politisch systematisch übersehen.

„Die Enttäuschung darüber, bei der Einführung der Aktivrente übergangen worden zu sein und von der Regierung erneut nicht gesehen zu werden, dürfte maßgeblich zur Verschlechterung der Erwartungen beigetragen haben“, sagt VGSD-Vorstandsvorsitzender Andreas Lutz laut „br.de“. Die Konsequenz: Immer weniger Menschen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Trotz Rekordbeschäftigung sinkt die Zahl der Selbstständigen seit Jahren. Die meisten Gründungen erfolgen nur noch im Nebenerwerb – das unternehmerische Risiko erscheint vielen zu hoch.

Die Folge: Die Krise der Selbstständigen und die damit einhergehende sinkende Gründungsbereitschaft führen am Wirtschaftsstandort Deutschland mittelfristig zu weniger Innovation, geringerer Wettbewerbsfähigkeit und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Wenn die Politik nicht gegensteuert, droht Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückzufallen – gerade in zukunftsträchtigen Branchen, wo agile Kleinunternehmen oft die Innovationstreiber sind.

Fazit: Strukturelle Diskriminierung von Selbstständigen

Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, lohnt es sich schon lange nicht mehr, in Deutschland selbstständig zu sein: Trotz vieler Arbeitsstunden bleibt Selbstständigen nach Abzug aller Kosten kein ausreichender Gewinn übrig. Unternehmerische Freiheit wird zur körperlichen und finanziellen Selbstausbeutung. Und die Voraussetzungen für Kleinstunternehmer am Standort werden nicht besser: Neben dem wachsenden bürokratischen Aufwand sind auch die Kosten für Energie und Mobilität gestiegen und höhere Mieten belasten die Budgets zusätzlich. Es erscheint daher nachvollziehbar, dass viele Bewerber bei einem attraktiven Arbeitsmarkt ein sicheres Angestelltenverhältnis dem Wagnis der Selbstständigkeit vorziehen.

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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