Politik

Putins Risikooffensive: Warum 2027 zum Wendepunkt für Europa werden kann

Ein zunehmend risikofreudiger Kreml und eine bröckelnde amerikanische Schutzgarantie treffen auf ein Europa, das gefährlich unvorbereitet wirkt. Die sich zuspitzende Machtkonkurrenz zwischen Russland, China und den USA führt laut führenden Analysten in eine Phase wachsender Verwundbarkeit. Nun stellt sich die Frage, ob Europa die drohende Eskalation rechtzeitig erkennt und seine strategische Abhängigkeit überwinden kann.
25.11.2025 05:58
Lesezeit: 4 min
Putins Risikooffensive: Warum 2027 zum Wendepunkt für Europa werden kann
Zwischen Putins Risikooffensive, Chinas Ambitionen und Amerikas Zögern wächst Europas Verwundbarkeit. (Foto: dpa/Russian Presidential Press Service/) Foto: Uncredited

Eine zunehmend aggressive Strategie des Kremls

Ein Wladimir Putin mit wachsender Bereitschaft, Risiken einzugehen. Eine autokratische Allianz, die den Westen vor historischen Widerstand stellt. Und eine geopolitische Kombination, die in wenigen Jahren einen großen Krieg auslösen kann. Diese Perspektiven skizziert eine der führenden amerikanischen Sicherheitsexpertinnen, Andrea Kendall-Taylor, für Europa und die internationale Gemeinschaft. Über viele Jahre hinweg spielte sie eine zentrale Rolle im amerikanischen Nachrichtendienst. Als stellvertretende Leiterin des Nationalen Nachrichtendienstrats führte sie bis 2018 die strategische Analyse zu Russland und der sogenannten Eurasien-Region. Zuvor analysierte sie als leitende CIA-Expertin ebenfalls russische und eurasische Entwicklungen.

In einem ausführlichen Gespräch mit dem Wirtschaftsmedium Børsen betont Kendall-Taylor, heute Direktorin des renommierten Center for a New American Security, dass die Welt in eine “weit turbulentere und gewalttätigere Ära” eintritt. Sie warnt, dass der Westen vor härteren Gegnern steht als zu jedem Zeitpunkt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. China, Russland, Iran und Nordkorea – von ihr und einem Mitautor als “Achse der Umwälzung” bezeichnet – arbeiten immer enger zusammen. “Sie stellen eine ernste Bedrohung dar und schaffen ein tragfähiges Gegenmodell zur westlich geprägten Weltordnung”, sagt sie. Besonders eine Entwicklung habe jedoch das Potenzial, alles zu überlagern: eine gefährliche Abfolge geopolitischer Ereignisse, die zu einem militärischen Zusammenstoß zwischen Nato und Russland führen könnte, während das Bündnis durch unglückliche zeitliche Koinzidenzen geschwächt wäre. “Es ist eine sehr ernsthafte Gefahr. Und es ist entscheidend, dass Europa das versteht”, sagt sie.

Ein gefährlicher Doppelkonflikt: China, Taiwan und Europas Verwundbarkeit

Kürzlich untersuchte Kendall-Taylor ein Szenario, das sie als zunehmend realistisch einstuft: Was passiert, wenn die Vereinigten Staaten gleichzeitig in einen militärischen Konflikt mit China geraten und Russland Europa angreift? Gemeinsam mit drei Kolleginnen und Kollegen analysierte sie die Verteidigungspläne der Nato und die militärischen Fähigkeiten der USA. Die Schlussfolgerung ihrer umfassenden Untersuchung ist düster. Nach ihrer Einschätzung entstünde ein Mangel an kritischen, hochspezialisierten Fähigkeiten, die sowohl für die Verteidigung Europas als auch für den Schutz Taiwans nötig wären, dem wahrscheinlichen Epizentrum eines Konflikts zwischen Washington und Peking. Besonders knapp wären weltraumgestützte Aufklärung, bodengebundene Luft- und Raketenabwehr, weitreichende Präzisionswaffen, Drohnen, Kampfflugzeuge, einsatzbereite Bodentruppen sowie spezialisierte militärische Einheiten. Die Vereinigten Staaten hätten somit nicht genug Ressourcen, um beide Schauplätze gleichzeitig abzudecken. Die Autoren betonen, dass dieses Problem nicht erst im Fall eines vollständigen Krieges entsteht, sondern schon deutlich früher. Eine chinesische Blockade Taiwans würde wahrscheinlich “Lücken in der europäischen Verteidigung erzeugen”, weil Washington eine solche Krise als Vorstufe eines größeren Krieges mit China betrachten könnte. Kendall-Taylor fasst es zusammen: “Wenn die USA in eine Krise mit China im Pazifik verwickelt sind, werden sie diese höher priorisieren als Europa. Wir werden dann nicht die Ressourcen haben, um Verstärkungen in dem Umfang bereitzustellen, den die Nato erwartet.” Unter Präsident Donald Trump sei zudem ungewiss, ob die USA überhaupt bereit wären, diese Rolle zu übernehmen.

Ein doppelter Konflikt würde nach ihrer Einschätzung zwangsläufig zu einer verzögerten Nato-Reaktion führen. Dadurch entstünde eine gefährliche Lage, in der Europa versucht sein könnte, nachzugeben, anstatt sich Putin entgegenzustellen.

Zeitfenster 2027: Warum Russland und China gleichzeitig eskalieren könnten

Die entscheidende Frage lautet, ob dieses Szenario rein theoretisch ist oder eine realistische Gefahr darstellt. Kendall-Taylor antwortet klar: Ja, es ist real. Sie verweist auf amerikanische Geheimdienstquellen, wonach Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping seine Streitkräfte angewiesen hat, bis 2027 bereit zu sein, Taiwan zu annektieren. Gleichzeitig sehen europäische Nachrichtendienste 2027 als jenes Jahr, in dem Russland militärisch in der Lage wäre, ein Nato-Land in Europa anzugreifen. “Gespräche mit den baltischen Staaten bestätigen genau dieses Jahr als kritischen Zeitpunkt”, sagt sie. Auf die Frage, ob Putin und Xi dieses Szenario bewusst ausnutzen könnten, betont sie, dass ihre Zusammenarbeit massiv zugenommen habe und sie genau wüssten, dass sie gemeinsam die USA an die Grenzen ihres militärischen Leistungsvermögens bringen könnten. Eine direkte Koordination hält sie jedoch für unwahrscheinlich, da beide Akteure unabhängig agierten und ihre eigenen strategischen Ziele verfolgten. Kendall-Taylor sieht in dieser Lage auch einen Grund, weshalb die US-Regierung unter Trump zögert, sich stärker in der Ukraine zu engagieren. Washington wolle Reserven für eine mögliche Konfrontation mit China zurückhalten.

Bei Putin sei die Entwicklung eindeutiger: Er sei zunehmend bereit, hohe Risiken einzugehen. Sollte China militärisch gegen Taiwan vorgehen, würde er nach Einschätzung der Analystin versuchen, Territorium in Europa zu erobern – etwa die baltischen Staaten oder Svalbard in Norwegen – und anschließend seine nuklearen Fähigkeiten einsetzen, um die Nato an einer Reaktion zu hindern. Sie führt dies auf eine langfristige Entwicklung zurück: Putins Risikoappetit habe sich im Laufe seiner politischen Karriere stetig gesteigert. Die jüngsten hybriden Angriffe in Europa, darunter Drohnenüberflüge und Luftraumverletzungen, seien nach ihrer Überzeugung ebenfalls Werk des Kremls. Diese Zwischenfälle zeigten, dass Putin bereit sei, gefährliche Situationen auf europäischem Boden zu provozieren, um die Belastungsgrenzen Europas zu testen. Sie hält sogar für möglich, dass Putin bewusst einen Vorfall mit der Nato herbeiführen möchte, um eine neue Eskalationsstufe zu erreichen. Sein Ziel sei es, die Nato als machtlos darzustellen, Angst zu erzeugen und Europa sowie die USA politisch auseinanderzutreiben. Europa müsse diese Strategie durchkreuzen, so Kendall-Taylor, da Putin sein eigenes historisches Vermächtnis darin sehe, Russland als dominierende Macht auf dem europäischen Kontinent wieder zu etablieren.

Was Putins Risikooffensive für Deutschland bedeutet

Nach Einschätzung der Analystin ist es zwingend notwendig, dass die europäischen Staaten – auch Deutschland – ihre Verteidigungsfähigkeit rasch und umfassend stärken. Gleichzeitig bleibe der Kontinent in den kommenden Jahren stark von den Vereinigten Staaten abhängig, sowohl technologisch als auch militärisch. Für Deutschland bedeutet das, sich intensiver mit der strategischen Unsicherheit auseinanderzusetzen, die aus einer möglichen Prioritätsverlagerung Washingtons resultiert. Auch wenn Berlin seine Verteidigungsausgaben erhöht und die Bundeswehr modernisiert, bleibe der Ausgang einer möglichen Eskalation stark davon abhängig, ob die USA eingreifen könnten oder wollten. Sollte kein direkter Deutschland-Bezug möglich sein, bleibt festzuhalten, dass die Bundesrepublik innerhalb Europas eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der Abschreckung spielt und dass die aktuellen geopolitischen Entwicklungen auch ohne konkrete nationale Ereignisse unmittelbare sicherheitspolitische Relevanz haben. Kendall-Taylor schließt mit einer ernüchternden Einschätzung: Unter Präsident Joe Biden hätte sie die Wahrscheinlichkeit eines amerikanischen Eingreifens im Ernstfall auf einhundert Prozent geschätzt. Unter Donald Trump liege sie bei siebzig Prozent. “Ich wünschte, ich könnte einfach ja sagen. Aber die Wahrheit ist, dass ich unsicherer bin als je zuvor.”

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