Wo Europa klimatisch gerade steht
Beim Stichwort klimaneutrale Städte entstehen oft Bilder futuristischer Metropolen: überall Fahrräder, Kommunikation über Virtual-Reality-Headsets, Autos höchstens noch als Erinnerung – vergleichbar mit Japans Zukunftsvision Woven City des Autobauers Toyota. Genau in diese Richtung soll sich auch Europa innerhalb der nächsten 15 Jahre bewegen. Doch wie realistisch ist der futuristische Traum von der smarten, grünen Stadt wirklich?
Der aktuelle Stand ist deutlich weniger euphorisiert: Die EU-Minister haben sich nach einigem Ringen auf ein Klima-Zwischenziel geeinigt: Die Emissionen der Europäischen Union sollen bis 2040 im Vergleich zu 1990 um 90 Prozent sinken. Nur fünf Prozent davon dürfen durch die Anrechnung hochwertiger internationaler Zertifikate beeinflusst werden. Bis 2035 sollen die Emissionen der EU um knapp 67 bis 72 Prozent fallen.
Die Europäische Union plant, bis 2050 als erster Kontinent vollständig klimaneutral zu werden. Ein ambitioniertes Ziel, das nach stringenten Plänen verlangt: Unter dem Titel „100 klimaneutrale Städte bis 2030“ rief die EU bereits 2021 eine neue Mission ins Leben, die Förderungen über Horizont Europa, das wichtigste Forschungs- und Innovationsprogramm Europas, an besonders engagierte und zukunftsorientierte Städte vergeben soll. Die Städte Aachen, Dortmund, Dresden, Heidelberg, Leipzig, Mannheim, München und Münster haben sich bereits für die Mission gemeldet und wollen mit ihrem Engagement zeigen, dass Klimaneutralität ein erreichbares Ziel ist.
Gleichzeitig wird betont, dass Klimaneutralität keine Aufgabe von Eliten ist, sondern ein gemeinsames soziales und wirtschaftliches Projekt: „Gemeinsam wollen wir herausfinden, wie wir Verhaltensänderungen auslösen und festgefahrene Konsummuster aufbrechen können – keine einfache Aufgabe, da eine Stadt darauf typischerweise keinen direkten Einfluss nehmen kann“, so Agnes Schönfelder, Geschäftsstelle Local Green Deal der Stadt Mannheim.
Herausforderung Stadt: Warum die Innenstädte zum Klimaschlüssel werden
Es macht Sinn, bei der Herausforderung Klimawandel zuerst bei den Städten anzusetzen. Denn Städte verbrauchen Studien zufolge weltweit mehr als zwei Drittel der Energie und sind für rund 70 Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Gleichzeitig sind Stadtbewohner von vielen Konsequenzen des Klimawandels – zum Beispiel von extremer Hitze – überdurchschnittlich stark betroffen. Aufgrund des raschen demografischen Wandels werden bis 2050 deutlich mehr Menschen in Städten leben als heute, was urbane Klimarisiken weiter verschärft. Eine Lösung muss her.
Um das Ziel einer klimaneutralen Stadt zu erreichen, braucht es vor allem eines: zukunftsweisende, innovative Stadtkonzepte. Die Herausforderung liegt darin, eine Balance zwischen den verschiedenen Bedürfnissen des Systems Stadt und den Anforderungen des Klimas insgesamt zu finden. So wäre zum Beispiel eine Stadt ganz ohne Nahverkehr, in der man sich nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad fortbewegen dürfte, zwar besonders emissionsarm – die Realität von Menschen und Wirtschaft lässt ein solches Modell jedoch kaum zu.
Das sieht auch Bundesumweltminister Carsten Schneider so: „Gut gemachter Umweltschutz macht unser Land lebenswerter, sicherer und reicher. Umwelttechnologien sind schon bisher deutlich stärker gewachsen als der Durchschnitt, sie sind Exportschlager und schaffen Jobs in Deutschland. Hier sind wir stark, und diese Stärken wollen wir ausbauen.“
Eine Stadt klimaneutral zu gestalten, bedarf einer Vielzahl stadtplanerischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen. Drei Aspekte, die besonders großen Einfluss auf die Emissionsdynamik von Städten haben, seien dabei hervorgehoben:
Der Gebäudesektor als Klimabremse – und Marktchance
Gebäude machen in Deutschland etwa 35 Prozent des Energieverbrauchs und 30 Prozent der CO₂-Emissionen aus. Schon mit der Novellierung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und des Heizungsgesetzes wurde die energetische Sanierung deutscher Gebäude in Angriff genommen. Eine wahre Mammutaufgabe, wenn man bedenkt, dass ein erheblicher Teil des Gebäudebestands eine niedrige Energieeffizienz aufweist.
Gebäudesanierung ist nicht nur ein klimarelevantes Ziel, sondern ebenso eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Eine schlechte Effizienzklasse führt zu hohen Nebenkosten und lässt den Immobilienwert sinken. Immobilien sind in Deutschland nach wie vor lohnenswerte Investitionsobjekte, insbesondere wenn man die anhaltende Mietenkrise betrachtet. Es lohnt sich also auch finanziell, in Gebäude zu investieren. Kommunen profitieren ebenfalls von reduzierten Energieausgaben – und können gespartes Geld in soziale Projekte und Infrastruktur reinvestieren.
Die energetische Sanierung von Gebäuden bietet darüber hinaus einen weiteren Win-win-Effekt: Investitionen reduzieren nicht nur CO₂-Emissionen, sondern eröffnen auch wirtschaftliche Chancen, unter anderem durch die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Digitalisierung: Smart Cities brauchen smarte Systeme
Wenn man in der Stadtplanung von Digitalisierung spricht, geht es vor allem um zwei Dinge: bessere Planbarkeit und Zeitersparnis. Smarte Technologien – zum Beispiel Systeme, die den Energieverbrauch in Gebäuden automatisch anpassen – dienen der Steuerung und Optimierung von Prozessen, die manuell kaum zu leisten wären. Auch der ewige Schmerzpunkt der deutschen Bürokratie kann durch eine starke digitale Infrastruktur mithilfe von Automatisierung entschärft werden, etwa indem sie die Kommunikation und den Datenaustausch zwischen Ämtern erleichtert. Das minimiert Wartezeiten und Frust – und spart Ressourcen.
Verkehr: Mobilität neu gedacht
Nachhaltige Mobilität möchte Städte für Menschen statt für Autos gestalten, ohne den Alltag der Bürger unnötig zu verkomplizieren. In einer klimaneutralen Stadt wird auf erschwinglichen, zuverlässigen öffentlichen Nahverkehr und sichere Fahrradwege gesetzt, um die Notwendigkeit eines eigenen Pkw – und damit verbundene Nachteile wie Stau, Lärm und Abgase – zu reduzieren. Unverzichtbare Personen- und Lieferfahrzeuge können elektrisch betrieben und im Rahmen eines Carsharing-Modells ausgeliehen werden und so ebenfalls entlastend wirken.
Das klingt im ersten Moment sicher ungewohnt, vor allem für Bürger, die daran gewöhnt sind, morgens ins Auto zu steigen und zur Arbeit zu fahren. Doch beim Thema Mobilität geht es zugleich um Stadtplanung. Wenn Städte so gebaut werden, dass alles Notwendige fußläufig oder schnell mit dem Fahrrad erledigt werden kann, sinkt auch das Bedürfnis nach einem eigenen Pkw. In Barcelona sieht man bereits die Wandlung hin zu sogenannten Superblocks: Vierteln, in denen die Bewohner eine eigene Infrastruktur haben, die lange Autofahrten überflüssig macht.
Die Eindämmung des Verkehrs ist für die Einhaltung der Klimaziele Europas enorm wichtig. Denn Verkehr verursacht einen erheblichen Anteil der Emissionen in Deutschland.
Was Klimaschutz wirklich kostet – und bringt
Wenn man in der Politik über Klimaschutz spricht, wird häufig die Wirtschaftlichkeit möglicher grüner Vorhaben in Frage gestellt. Oder im Volksmund: Wer soll das bitte bezahlen?
Diese Sorge ist nicht unbegründet – es kostet natürlich Geld, zum Beispiel Gebäude zu sanieren. Doch die Kosten des Klimaschutzes sind nur die halbe Geschichte.
Investitionen in Klimaschutz bedeuten zugleich Investitionen in Innovation: Es entstehen neue Technologien, Geschäftsmodelle und Berufe, die das komplexe Problem in Angriff nehmen. Insbesondere der Energiesektor profitiert vom Ausbau erneuerbarer Energien, und auch im Gebäudesektor wandeln sich die Märkte hin zu sauberen, klimafreundlichen Heiztechnologien wie Wärmepumpen.
Der Weg hin zur Klimaneutralität ist gepflastert mit Fortschritt – nicht nur im Sinne der Forschung, sondern auch darin, wie Wirtschaft und Wissenschaft Hand in Hand gehen und neue Stadtkonzepte ermöglichen können. Es wäre also falsch, Klimaschutz als reines „Geldausgeben“ zu sehen. Der Return on Investment wird sich lohnen und in Städten wie Geldbeuteln sichtbar werden.
Laut dem aktuellen Klimaschutzbericht von 2025 sind die angestrebten Ziele für 2030 erreichbar – jedoch nur, wenn man die beschlossenen Maßnahmen vollumfänglich umsetzt. Ohne dieses konsequente Vorgehen, so das Bundesumweltministerium, „bleibt das Langfristziel der Treibhausgasneutralität 2045 außer Reichweite“. Das bedeutet: keine Angst vor fortschrittlicher Klimapolitik. Davon können Deutschland und die EU profitieren.

