Wirtschaft

Transportbranche zwischen Stagnation und Hoffnung: Deutschlands Schlüsselrolle

Die Transportbranche steht unter anhaltendem Druck durch Konjunkturschwäche, politische Unsicherheit und Personalmangel. Wird die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zum entscheidenden Stabilitätsanker für Logistik und Transporte in Europa?
30.01.2026 05:55
Lesezeit: 4 min
Transportbranche zwischen Stagnation und Hoffnung: Deutschlands Schlüsselrolle
Die europäische Transportbranche steht unter Druck, während sich die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland als Schlüsselfaktor für Logistik und Transporte abzeichnet (Foto: dpa) Foto: Martin Schutt

Transportbranche unter Dauerstress, Europa rückt stärker in den Fokus

Die jüngste Umfrage unter den Mitgliedern der Transportinnovationsassoziation TIA zeigt, dass Transport- und Logistikunternehmen ihre Chancen in einem langwierigen Überlebenswettbewerb abwägen und zugleich risikoreiche Möglichkeiten in Asien prüfen. Gleichzeitig rücken wachsende Märkte in Nord- und Südeuropa sowie eine mögliche wirtschaftliche Belebung Deutschlands stärker in den Blick.

Die Transportinnovationsassoziation TIA, die mehrere Dutzend Transport- und Logistikunternehmen vereint, hat der Wirtschaftszeitung Verslo Žinios aktuelle Umfrageergebnisse vorgelegt. Diese spiegeln die Bereitschaft der Unternehmen wider, sich auf ein weiteres schwieriges Jahr einzustellen.

Rugilė Andziukevičiūtė-Buzė, Leiterin der TIA, erklärt, dass für die Transportunternehmen nicht mehr die Kraftstoffpreise das größte Problem darstellen. Stattdessen bereiten die Beziehungen zu staatlichen Institutionen sowie die Suche nach Arbeitskräften die größten Schwierigkeiten.

Stabile Umsätze ohne Wachstumsperspektive

„2025 war für den Logistiksektor stabil, jedoch ohne jeglichen Wachstumsschub. Die meisten Unternehmen konnten ihre Umsätze halten, doch weder der Markt noch seine Akteure spürten eine nachhaltige Erholung“, fasst Andziukevičiūtė-Buzė die Lage zusammen.

Laut Umfrage bezeichneten knapp 47 Prozent der Unternehmen das vergangene Jahr als stabil, während 42,6 Prozent es als enttäuschend bewerteten. Nur jedes zehnte Unternehmen meldete positive Ergebnisse, während 55,3 Prozent bereits konkrete Anzeichen einer wirtschaftlichen Abschwächung wahrnehmen.

Risikoreiche Ostverbindungen gewinnen an Reiz

Die TIA stellt fest, dass 83 Prozent der litauischen Transportunternehmen ihre Zukunft weiterhin in Westeuropa sehen. Gleichzeitig wächst die Zahl jener Unternehmer, die sich auf risikoreiche, aber ertragreiche Transporte aus China über Russland und Belarus einlassen.

Andziukevičiūtė-Buzė erklärt, dass der Anreiz vorwiegend in den Margen liege. Während diese in Westeuropa unter dem Druck intensiver Konkurrenz sinken, seien auf östlichen Routen weiterhin Gewinnspannen von bis zu 25 Prozent erreichbar.

„Es handelt sich nicht um eine breite Bewegung, doch ihr Umfang ist groß genug, um von einer klar umrissenen Hochrisiko-Nische zu sprechen“, erläutert sie. Unternehmen kalkulieren dabei längere Zollverfahren, unvorhersehbare Grenzwartezeiten, regulatorische Unsicherheiten und Reputationsrisiken bewusst ein.

Arbeitskräftemangel belastet den Betrieb

Der Mangel an Arbeitskräften wird in der Umfrage als strukturelles Kernproblem benannt, das nicht nur das Wachstum hemmt, sondern auch die Aufrechterhaltung des Tagesgeschäfts erschwert. Zusätzlichen Druck erzeugt die Verschärfung der Regeln zur Beschäftigung von Drittstaatsangehörigen.

„Die Verhandlungen über das Ausländergesetz und das Quotensystem verlaufen schleppend und liefern der Wirtschaft bislang keine verlässlichen und planbaren Lösungen“, so Andziukevičiūtė-Buzė. Die Möglichkeit, mittel- und langfristig zu planen, sei für viele Unternehmen faktisch entfallen.

46,8 Prozent der Befragten sehen den Fahrermangel als kritische Herausforderung. In offenen Kommentaren berichten Unternehmen von wachsenden Spannungen, da einzelne Fahrer ihre stärkere Verhandlungsposition ausnutzen und rechtliche Mittel einsetzen, was vereinzelt bis zu Klagedrohungen und operativen Blockaden führe.

Politische Unsicherheit prägt Unternehmensentscheidungen

Die Umfrage zeigt, dass 2025 weniger die Marktnachfrage als vielmehr die Unvorhersehbarkeit staatlicher Entscheidungen und geopolitische Risiken das Handeln der Unternehmen bestimmten. 83 Prozent der Befragten bewerteten die politische Unsicherheit als größten Risikofaktor.

„Für die Wirtschaft ist nicht entscheidend, dass sich Regeln ändern, sondern dass unklar bleibt, wann und in welcher Form dies geschieht“, erklärt Andziukevičiūtė-Buzė. Diese Unsicherheit wirke als Bremse für Investitionen und langfristige Entscheidungen.

Zurückhaltende Investitionen und pragmatischer Nachhaltigkeitskurs

Der vorsichtige Ausblick prägt auch die Investitionsprioritäten. Nach Einschätzung der TIA-Leiterin wird die Digitalisierung der Logistik 2026 eher schrittweise als disruptiv verlaufen. Transportmanagementsysteme sind bei 72,3 Prozent der Unternehmen etabliert, während lediglich 8,5 Prozent aktiv Investitionen in KI-Lösungen planen.

Auch im Bereich Nachhaltigkeit dominiert Pragmatismus. 51,1 Prozent der Befragten geben an, dass Kunden nicht bereit sind, höhere Preise für klimafreundlichere Transporte zu zahlen. Für kleinere Unternehmen, die mit 1,5 bis 2,5-fach höheren Kosten konfrontiert sind, bleibt Nachhaltigkeit damit vielfach eine wirtschaftliche Herausforderung.

Erwartungen bleiben gedämpft

Die Umfrage deutet darauf hin, dass 2026 für den litauischen Transport- und Logistiksektor kein Jahr des Aufschwungs wird. Knapp 60 Prozent der Unternehmen erwarten eine Entwicklung auf dem Niveau von 2025, weitere 34 Prozent rechnen mit einer möglichen weiteren Abschwächung.

„Der Sektor befindet sich nicht in einer Phase des Wartens auf Wachstum, sondern in einem dauerhaften Anpassungsmodus“, fasst Andziukevičiūtė-Buzė zusammen. Ausschlaggebend sei weniger die Marktentwicklung als die Verlässlichkeit staatlicher Rahmenbedingungen.

Neue Impulse aus Nord und Süd

Der Citadele-Ökonom Aleksandras Izgorodinas blickt dennoch mit vorsichtigem Optimismus auf 2026. Er sieht Chancen in Skandinavien sowie in Spanien und anderen südeuropäischen Staaten, gestützt durch niedrige Zinsen und eine geringere Abhängigkeit von der Industrie.

In Skandinavien könnten Bauwirtschaft und Immobilienmarkt anziehen, was auch für Transportunternehmen relevant sei. Gleichzeitig verzeichnen die Aktienmärkte Südeuropas deutliche Zugewinne, da Investoren diese Länder wieder stärker in den Fokus nehmen.

Deutschland als möglicher Wendepunkt

Izgorodinas erwartet zudem eine mögliche wirtschaftliche Belebung in Deutschland, auch wenn diese mit Unsicherheiten verbunden bleibt. Nach einem nahezu stagnierenden Jahr 2025 könnte das Wachstum 2026 über ein Prozent liegen, gestützt durch einen rekordhohen Staatshaushalt.

Ein spürbarer Effekt sei jedoch frühestens in der zweiten Jahreshälfte zu erwarten. Für Transportunternehmen mit enger Anbindung an den deutschen Markt eröffne dies Chancen, erfordere jedoch weiterhin Vorsicht.

Frühindikatoren für den deutschen Aufschwung

Als wichtige Signale nennt Izgorodinas den vom Statistikamt Destatis veröffentlichten Lkw-Fahrleistungsindex sowie den MDAX, der die Entwicklung mittelgroßer börsennotierter Unternehmen abbildet. Auch die Erwartungen der deutschen Papierindustrie gelten als aussagekräftig, da sie eng mit der industriellen Nachfrage verknüpft sind.

Sein Rat lautet, die Entwicklung in Deutschland aufmerksam zu verfolgen. Ein schnelleres Anlaufen der Konjunktur könnte bereits ab dem zweiten Quartal sichtbar werden und neue Impulse für den europäischen Transportsektor liefern.

Deutschlands Rolle für die Stabilität des Transportsektors

Für Deutschland verdeutlicht die Analyse die zentrale Rolle des Landes innerhalb der europäischen Transportketten. Eine schrittweise wirtschaftliche Erholung hätte nicht nur nationale Bedeutung, sondern würde auch die Logistikströme in Mittel- und Osteuropa stabilisieren. Entscheidend bleibt, wie rasch Investitionsprogramme umgesetzt und administrative Hürden reduziert werden.

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