Politik

Putins Bündnisse zerfallen: Iran wird zum Schlüsselrisiko

Russlands Außenpolitik steckt in der Krise: Verbündete im Nahen Osten und darüber hinaus zweifeln zunehmend am Wert der Partnerschaft mit Moskau. Während der Ukraine-Krieg Kräfte bindet, geraten alte Netzwerke ins Rutschen. Wird Putins Machtprojektion zur strategischen Sackgasse?
20.01.2026 11:00
Lesezeit: 6 min
Putins Bündnisse zerfallen: Iran wird zum Schlüsselrisiko
Der russische Präsident Wladimir Putin im Kreml – Russlands Netzwerk bröckelt (Foto: dpa). Foto: Mikhail Metzel

Russlands Macht – ein Papiertiger, Verbündete fallen einer nach dem anderen weg

Die russische Außenpolitik steckt in einer systemischen Krise. Mit der Entscheidung für eine offene Konfrontation mit dem Westen verliert der Kreml in seiner Einflusssphäre zunehmend an Boden, berichtet das litauische DWN-Partnerportal Verslozinios. Moskau hatte gehofft, ein Sieg in dieser Auseinandersetzung würde seinen Status weit über Europa hinaus wiederherstellen. Doch von Damaskus bis Teheran haben autoritäre Regime, die zuvor von engen Beziehungen zum Kreml profitierten, in den vergangenen 13 Monaten in entscheidenden Momenten erlebt, dass Russlands Unterstützung kaum belastbar ist. Gefangen im selbst ausgelösten Krieg gegen die Ukraine fehlen Moskau in seiner früheren Einflusszone zunehmend die Hebel zur Reaktion – Russland bleibt oft nur noch das machtlose Zusehen.

Russlands Außenpolitik, die derzeit faktisch von Russlands autoritärem Machthaber Wladimir Putin geprägt wird, der international wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in der Kritik steht, wird zunehmend in einem informellen Kreis loyaler Vertrauter gesteuert. Dazu zählen Vertreter der Präsidialverwaltung, der Sondergesandte Kirill Dmitrijew sowie weitere Mittelsmänner, während der klassische diplomatische Apparat häufig nur noch repräsentative Aufgaben erfüllt. Dieses Modell sichert zwar maximale Kontrolle, schwächt jedoch Rückkopplung, interne Kritik und damit die Selbstkorrekturfähigkeit des Systems.

Schwache Institutionen und eine verfestigte Stagnation in den Führungsetagen haben Moskau die Fähigkeit genommen, wirksam auf die Herausforderungen zu reagieren, die der Krieg gegen die Ukraine ausgelöst hat. Der Verlust russischen Einflusses hat sich seit 2022 deutlich beschleunigt und ist inzwischen in zahlreichen Regionen sichtbar. Das durch den Krieg beschädigte Vertrauen macht Russland als Partner weniger attraktiv. Moskau ist vielerorts nur noch einer von mehreren externen Akteuren – nicht mehr der dominierende und zunehmend weniger in der Lage, internationale Agenden zu prägen.

Putins Bündnissystem bröckelt: Krieg, Verluste und schwindender Einfluss

Das globale Netzwerk an Partnern und Verbündeten, das Putin über zwei Jahrzehnte aufgebaut hat, zerbricht. Was als schnelle Operation in der Ukraine gedacht war, hat sich nach massiver Fehleinschätzung Moskaus zu einem brutalen Abnutzungskrieg entwickelt. Über nahezu vier Jahre Krieg in der Ukraine hat Moskau nur einen begrenzten Teil des Landes zeitweise besetzt. Nach NATO-Angaben kostete dies Russland rund 1,1 Millionen Tote und Verwundete; ein Bündnisvertreter bezifferte die Zahl der Gefallenen auf etwa 250.000.

Auch im Inland wachsen die Belastungen. In diesem Monat waren nach einem ukrainischen Raketenangriff im Grenzgebiet Belgorod rund 600.000 Menschen ohne Strom. Der Krieg erreicht immer häufiger auch russisches Territorium. International fällt das Bild noch schlechter aus: Putin kann kaum noch etwas tun, um den Zerfall seines Bündnissystems aufzuhalten.

Seit Ende 2024 ist der Kreml im Nahen Osten in eine ungünstige Lage geraten. Auslöser war der Sturz der Regierung des syrischen Diktators Baschar al-Assad, eines der engsten regionalen Standbeine Moskaus. Russland habe zudem seinen engsten Partner in Südamerika nicht schützen können, als die USA in einer überraschenden Operation Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro festgenommen hätten, der im Mai des Vorjahres noch demonstrativ zur russischen Siegesparade gereist sei.

Maduro blamiert sich: Warum Russlands Systeme versagen

Der CEPA-Analyst Alexander Koljandr erinnert daran, dass Maduro regelmäßig russische Luftabwehrsysteme bei Militärparaden präsentiert habe – doch in der von Donald Trump organisierten Operation hätten diese keinerlei Wirkung gezeigt. „Das ist sowohl Inkompetenz des venezolanischen Regimes als auch Russlands“, sagt der Experte.

Noch peinlicher sei, dass Moskau sich nicht einmal gegen eine US-Operation wehren konnte, bei der ein unter russischer Flagge fahrender Öltanker beschlagnahmt worden sei. Auch die Cyberabwehr Venezuelas habe auf russische technische Hilfe gesetzt – die sich erneut als unzureichend erwiesen habe, als US-Cyberangriffe die Stromversorgung in großen Teilen der Hauptstadt Caracas lahmgelegt hätten.

Maduros mutmaßliche Nachfolgerin Delcy Rodríguez habe letztlich kaum eine andere Wahl, als Kooperationsangebote der USA anzunehmen und die Beziehungen zu alten Partnern zu lockern. Doch die russische Verlustserie ende nicht in Südamerika – ein weiteres Beispiel sei Iran. Während innenpolitische Spannungen zunehmen und die Zukunft des Regimes unsicher wirkt, kann Russlands Partner lediglich abwarten, wie die USA ihre nächsten Schritte gegenüber Teheran abwägen.

Donald Trump schloss militärische Schläge gegen das konservativ-religiöse Regime, das Iran seit 1979 beherrscht, nicht aus. In dieser Woche wiederholte er die Drohung und warnte, Washington werde „sehr harte Maßnahmen“ ergreifen, falls gegen inhaftierte Demonstranten Todesurteile vollstreckt würden. Trump erklärte zudem, jedes Land, das Handel mit Iran treibe, werde mit zusätzlichen 25 Prozent Strafzöllen belegt.

Für Russland bleibt Teheran ein wichtiger strategischer, militärischer, wirtschaftlicher und handelspolitischer Partner im Nahen Osten. „Moskau betrachtet einen möglichen Verlust Irans als deutlich größere Gefahr für seine regionale Macht als Syrien, Venezuela oder Armenien. Denn Iran ist selbst eine Regionalmacht und verschafft Russland eine Plattform, um Allianzen zu knüpfen und Einfluss auszubauen“, sagte Max Hess, Gründer der Political-Risk-Beratung Enmetena Advisory, gegenüber CNBC.

Sicherheitsrisiko für Russland: Wenn Teheran ins Chaos rutscht

Mario Bikarsky, Senior Analyst bei Verisk Maplecroft für Europa und Zentralasien, stimmt zu: Ein Regimekollaps wäre für Moskau eine ernsthafte Herausforderung, weil er einen weiteren Einflussverlust bedeuten würde. Zugleich könnte er eine breitere Destabilisierung im Kaukasus auslösen – jener Region, die Russland und Iran geografisch trennt. „Proteste gab es in Iran schon früher. Russland beobachtete sie stets, reagierte aber nicht, weil es wohl davon ausging, das Regime halte stand. Dieses Mal wächst der Druck jedoch nicht nur im Inneren, sondern auch von außen. Sollte das Regime stürzen, müsste Russland wahrscheinlich schnell nach neuen Wegen suchen, um Instabilität von seinen Grenzen fernzuhalten und zugleich Einfluss in der Region zu bewahren“, so Bikarsky gegenüber CNBC.

Sollte es zu einem Machtvakuum kommen und rivalisierende Fraktionen um die Kontrolle ringen, könnte dies weitere Gewalt und Unruhen auslösen – ein Szenario mit „erheblichen sicherheitspolitischen Risiken für Russland und viele andere Staaten der Region“, betonte Bikarsky. Eine gemeinsame antiwestliche Grundhaltung verbindet Russland und Iran ebenso wie internationale Sanktionen. Für Moskau war Iran nach Beginn der großflächigen Invasion in die Ukraine einer der wenigen Partner, auf die es bei militärischer Unterstützung zählen konnte.

Der Krieg hat diese Beziehung deutlich vertieft: Iran lieferte Russland „Shahed“-Drohnen und Berichten zufolge auch Raketen, Munition und Artillerie. Im Gegenzug erhielt Iran militärische Technologie und Aufklärungsinformationen aus Russland sowie finanzielle Unterstützung für Raumfahrt- und Raketenprogramme. Teheran soll zudem Interesse an russischen Kampfjets vom Typ Su-35 und Luftabwehrsystemen S-400 gehabt haben – ob diese tatsächlich geliefert wurden, bleibt unklar.

Ein Hinweis auf Russlands Grenzen im Iran-Konflikt zeigte sich, als Moskau bereits zuvor von Gegenmaßnahmen absah, als die Spannungen zwischen Iran und Israel während des zwölf Tage dauernden Kriegs im vergangenen Jahr eskalierten.

Partner mit begrenztem Wert

Russland konnte Teheran militärisch kaum stützen – es fehlten die Mittel. Zudem wäre ein direkter Konflikt mit den USA und Israel für Moskau existenzgefährdend. Analysten werten Russlands vorsichtige Linie als Signal an die iranische Führung, wie begrenzt ein Bündnis mit Putin tatsächlich ist.

„Russland kann dem iranischen Regime nichts Substanzielles anbieten, was es retten könnte. Es ist zu spät – und ich bin nicht einmal sicher, ob es jemals realistisch gewesen wäre, dem Regime im Inneren zu helfen, als die Bevölkerung aufstand. Die Vorstellung, Russland würde Iran zur Hilfe kommen oder massiv Militärressourcen einsetzen, ist äußerst unwahrscheinlich“, sagte Bilal Saab vom Chatham House-Programm für Nahost und Nordafrika gegenüber CNBC.

Russland setze stets die eigenen Interessen an erste Stelle und glaube nicht an echte Allianzen – zumindest nicht unter Putins Herrschaft. Beziehungen seien oft eher Machtsymbolik als verlässliche Partnerschaft. „Russland würde versuchen, Beziehungen zu jeder neuen Führung in Teheran aufzubauen, um sicherzustellen, dass die eigenen Interessen berücksichtigt werden. Andernfalls wäre Russland vollständig aus dem Nahen Osten verdrängt“, sagte Hess. Ein solcher Ausgang wäre aus seiner Sicht für Moskau strategisch nachteilig.

„Auch wenn Russland aktuell nicht in der Lage ist, militärische Stärke zu demonstrieren oder sehr intensive Handelsbeziehungen aufzubauen, will es dennoch als Partner in der Region gelten und seine Einflussreste nicht kampflos den USA überlassen“, so Hess.

Keine echten Verbündeten: Russland zeigt Härte – vor allem in der Ukraine

In den vergangenen Wochen habe Moskau Iran unter anderem in Russland gefertigte „Spartak“-Radpanzer und Kampfhubschrauber geliefert, vermutlich um dem Regime beim Vorgehen gegen Proteste zu helfen, sagte Nikita Smagin, Experte für russisch-iranische Beziehungen bei Carnegie, gegenüber Politico. „Allerdings macht sich das iranische Regime kaum Illusionen über die Beziehung zu Russland. Wenn die Lage wirklich kritisch wird, würde Moskau sich zurückziehen – wie im Fall Assad“, sagte Smagin.

Allianzen mit Moskau seien ohnehin oft weitgehend Fiktion, meint der frühere russische Diplomat Boris Bondarew. „Weder Venezuela noch Iran sind Teil eines russischen Imperiums. Nach der Invasion in die Ukraine war es für Russland wichtig zu zeigen, dass es nicht isoliert ist – das ist vor allem Propaganda“, sagte Bondarew. Smagin betonte zudem, dass das Partnerschaftsabkommen zwischen Iran und Russland bewusst keine Klausel zur gegenseitigen Verteidigung enthalte. Er beschreibt die Beziehung als „stabil“, aber geprägt von „erheblichem Misstrauen“.

„Diese beiden Länder sind keine echten Verbündeten. Es sind strategische Partner aus Notwendigkeit – weil beide Seiten kaum Alternativen haben“, sagte er. Putin selbst äußerte sich bislang weder zu Entwicklungen in Venezuela noch in Iran und folgt damit seinem Muster, schlechte Nachrichten lieber von Untergebenen kommentieren zu lassen. Um zu demonstrieren, dass Russland nicht nachgibt, werde Moskau Wege suchen, Dominanz zu zeigen – vor allem in der Ukraine, prognostizierte Bondarew und verwies darauf, dass Russland in der vergangenen Woche eine ballistische Rakete vom Typ „Oreschnik“ abgefeuert habe. Unabhängig davon, ob Russland international gedemütigt wurde oder nicht, warnte der frühere Beamte davor, auf eine Mäßigung zu hoffen: „Selbst wenn der Kreml schwach ist, wird er versuchen, Stärke zu zeigen.“

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