Rückkehr zur Präsenzpflicht? Wann die Produktivität im Homeoffice sinkt
Nicht rausmüssen bei Kälte, Eis und Schnee, keine Viren im Großraumbüro abbekommen – gerade im Winter bietet das Homeoffice viele Vorteile. Die Deutschen schätzen das Arbeiten von zu Hause aus sehr. Dies belegt auch eine Auswertung des ifo-Instituts unter Arbeitnehmern im März 2025. Danach arbeiten Deutsche mindestens an 1,6 Tagen pro Woche remote - und belegen damit EU-weit Platz Zwei hinter den Finnen.
"Trotz prominenter Beispiele von Unternehmen, die ihre Beschäftigten zurück ins Büro holen, zeigen unsere Ergebnisse, dass die Homeoffice-Quote seit 2023 international stabil ist", kommentiert ifo-Forscher Mathias Dolls die Studie.
Seit der Pandemie hat es sich in vielen Berufen fest etabliert, zumindest einen Teil seiner Arbeitszeit zu Hause abzuleisten. Doch ist die Produktivität in den eigenen vier Wänden genauso groß wie Office?
Fest steht: Inzwischen gibt einen Trend zur Rückkehr ins Büro. Eine Präsenzpflicht befürworten vor allem Arbeitgeber, die befürchten, dass Mitarbeiter ihre Zeit im Homeoffice nutzen, um nebenbei anderen privaten Aufgaben zum Beispiel im Haushalt nachzugehen. Dabei begehen die Deutschen laut einer Studie von Onlinehändler Galaxus am seltensten Arbeitszeitbetrug: Knapp ein Drittel der Erwerbstätigen verbringt ihren gesamten Arbeitstag im Homeoffice ausschliesslich mit beruflichen Tätigkeiten. Das hört sich effektiv und produktiv an, auch weil der Arbeitsweg wegfällt. Doch das nur bis zu einem bestimmten Punkt. Zu diesem differenzierten Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation.
Studie: Warum die Produktivität im Homeoffice steigt
Wie effektiv arbeiten wir im Homeoffice wirklich? Um das herauszufinden, haben die Studienverantwortlichen mit der Techniker Krankenkasse zusammengearbeitet. Schon vor der Coronapandemie hat die TK ihren Mitarbeiter bis zu 60 Prozent Homeoffice-Anteil erlaubt. Im Rahmen der Studie Höhere Produktivität im Homeoffice? wurden etwa 11.000 Mitarbeitende der TK darüber befragt, wie sie zu Homeoffice stehen, und ihre Produktivität in den eigenen vier Wänden sowie im Büro gemessen.
Dabei wurde festgehalten, wie viele Kundentelefonate und sogenannte Postkorbmeldungen sie im Büro und im Homeoffice in derselben Zeit erledigen können. Postkorbmeldungen fassen dabei Kundenanfragen per Post, Chat oder per Mail zusammen. Das Ergebnis: Im Schnitt konnten TK-Mitarbeiter im Homeoffice rund 20 Prozent mehr Telefonate und Nachrichten von Kunden beantworten.
Die Studienverantwortlichen halten fest, dass die Produktivitätssteigerung wohl daran liegt, dass das Beantworten von Mails und Telefonaten keine größere Interaktion mit Kollegen erfordert. Mitarbeitende sind im Homeoffice in der Lage, schneller Anfragen abzuarbeiten – ohne Ablenkungen.
Dementsprechend haben auch 68 Prozent der befragten TK-Mitarbeiter angegeben, dass sie im Homeoffice konzentrierter arbeiten können. Zudem können sie im Homeoffice Privatleben und Beruf besser vereinbaren (77 Prozent) und ihre Arbeitszeit flexibler gestalten (68 Prozent).
Kipp-Punkt: Wenn die Produktivität im Homeoffice sinkt
Aus diesen Ergebnissen ließe sich jetzt leicht die These ableiten, dass Mitarbeiter umso produktiver sind, je öfter sie im Homeoffice arbeiten können. Das ist laut den Studienergebnissen aber nicht so. Stattdessen haben die Verantwortlichen einen sogenannten „Kipp-Punkt“ für die Produktivität im Homeoffice festgestellt. An diesem stagniert die Produktivitätssteigerung. Wird der Homeoffice-Anteil danach weiter erhöht, sinkt die Produktivität sogar wieder.
Dieser Kipp-Punkt lag bei der aktuellen Untersuchung bei einem Homeoffice-Anteil von 60 Prozent: Haben die TK-Mitarbeitenden mehr als drei Tage pro Woche zu Hause gearbeitet, schafften sie weniger als Kollegen im Büro.
Ein Faktor dafür könnte laut Studienverantwortlichen sein, dass manche Aufgaben – wie Meetings, direkte Absprachen mit Kollegen und Workshops – in Präsenz effizienter durchgeführt werden können. Durch die Hindernisse der Remote-Kommunikation verlieren Homeoffice-Mitarbeitende hier an Produktivität.
Abschließend geben die Autoren zu Bedenken: „Der Kipp-Punkt ist ausschließlich als bestmögliche Kompromisslösung auf Gesamtunternehmensebene zu verstehen. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, sich fortlaufend in den jeweiligen Verantwortungsbereichen darüber auszutauschen, wie Belange des Unternehmens, seiner Kunden und individuelle, wie rollenspezifische Präferenzen […] in einem guten Gleichgewicht gehalten werden können. Das Thema muss also immer wieder adressiert und diskutiert werden.“
Fazit: Hyprides Arbeiten - die Dosis machts
Mehr als drei Tage pro Woche zu Hause kann die Arbeitsleistung oder Motivation einschränken. Sicherlich kann das Ergebnis der Technischen Krankenkasse für andere Unternehmen mit ähnlichen Arbeitsstrukturen und Aufgabengebieten nur ein Beispiel sein. Doch gibt es überhaupt eine goldene Homeoffice-Regel?
Ob zwei, drei oder vier Homeofficetage - es kommt auf die Bedingungen vor Ort an und hängt vom Tätigkeitsprofil sowie der Branche ab. Doch eins ist klar: Der kleine Smalltalk beim Kaffeeholen, die spontane Verabredung zur gemeinsamen Mittagspause - es fehlt die soziale Interaktion, wenn man tagaus, tagein allein am heimischen Schreibtisch sitzt. Auch um der schleichenden Entfremdung entgegen zu wirken, holen immer mehr Arbeitgeber ihre Mitarbeiter tageweise zurück ins Büro. Homeoffice und Präsenz im Büro: Hypriden Arbeiten kann für beide Seiten Vorteile bieten- aber die Balance muss stimmen.
Präsenzpflicht: Müssen Angestellte zurück ins Büro?
- Einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice gibt es in Deutschland nicht, daher können Arbeitgeber ihre Mitarbeiter häufig zurück ins Büro holen.
- Grundlage für die Einführung einer Präsenzpflicht fürs Büro sind entsprechende Regelungen zum Arbeitsort im Arbeitsvertrag oder der Betriebsvereinbarung sowie das Direktionsrecht des Arbeitgebers.
- Die angeordnete Rückkehr ins Büro birgt für Arbeitgeber aber auch Risiken, denn nicht selten klagen die Angestellten über mehr Stress und weniger Motivation. Mitunter können Kündigungen die Folge sein.

