Finanzen

Silberpreis: Warum sich der physische Markt vom Papiermarkt an der Börse entkoppelt

Die Entkoppelung zwischen dem physischem Silberpreis und dem Papiermarkt ist das Szenario, auf das viele Edelmetall-Investoren seit Jahrzehnten warten – und das sich im Februar 2026 gerade in Echtzeit vollzieht. In einer "normalen" Welt bestimmt der Terminmarkt (Papier-Silberpreis an der COMEX) den Preis. In einer Entkoppelung bricht dieses System zusammen. Was gerade passiert.
13.02.2026 18:51
Aktualisiert: 06.03.2026 12:32
Lesezeit: 4 min
Silberpreis: Warum sich der physische Markt vom Papiermarkt an der Börse entkoppelt
Silberbarren bei der Österreichischen Gold- und Silber-Scheideanstalt GmbH (Foto: dpa). Foto: Georg Hochmuth

Silberpreis: Hohe Volatilität

Der Silbermarkt erlebte in den vergangenen zwei Wochen eine Phase extrem hoher Volatilität, die von historischen Rekordhochs und einem anschließenden „brutalen Pullback“ geprägt war. Ende Januar und Anfang Februar 2026 durchbrach Silber erstmals die Marke von 100 USD pro Unze und erreichte in der Spitze sogar über 121 USD.

Auslöser waren unter anderem Exportbeschränkungen Chinas und geopolitische Spannungen. Auf den rasanten Anstieg folgte eine massive Korrektur. Innerhalb weniger Tage fiel der Preis deutlich zurück. Nach einem beispiellosen Ausverkauf stürzte der Preis bis auf etwa 71,00 USD bzw. markierte am 6. Februar einen Acht-Wochen-Tiefstand bei 64,08 USD. Inzwischen hat sich der Kurs wieder leicht stabilisiert und pendelt aktuell im Bereich von 81 bis 86 USD.

Physisches Silber im „Achterbahn-Modus“: Entkoppelung und Knappheit

Die Entwicklung von physischem Silber in Form von Münzen und Barren in den letzten zwei Wochen war hingegen von einer extremen Entkoppelung vom Börsenpreis geprägt. Während der Papiermarkt historisch schwankte, reagierte der physische Markt mit massiven Aufschlägen und Lieferengpässen.

Als der Börsenpreis Ende Januar auf über 121 USD schoss, löste dies eine weltweite Kaufwelle bei Privatanlegern aus. Viele Edelmetallhändler waren binnen Stunden ausverkauft. Der Preis für eine Unze physisches Silber lag aufgrund von Handelsaufschlägen oft deutlich über dem Spotpreis. Beim brutalen Absturz des Spotpreises auf bis zu 64 USD passierte etwas Ungewöhnliches: Die Preise für physische Ware fielen nicht im gleichen Maße mit. Da Händler ihre Bestände zu deutlich höheren Kursen eingekauft hatten, weiteten sie die Spreads (Differenz zwischen An- und Verkauf) massiv aus, um Verluste zu vermeiden. Aufgrund der historischen Volatilität von über 35 % an einem einzigen Tag verlangten Verkäufer zusätzliche Risikoprämien. Obwohl sich der Spotpreis aktuell bei ca. 85 USD stabilisiert hat, bleibt physisches Silber im Vergleich zum Vorjahr teuer (ein Plus von über 155 %). Investoren zahlen derzeit weiterhin hohe Aufschläge, da die physische Knappheit und Lieferverzögerungen bei den Prägestätten anhalten. Aktuell kostet eine Unze Silber in Münzform bei deutschen Händlern im Mittel weiterhin ca. 95 Euro, bei einem Börsenpreis von ca. 72 Euro. Viele Händler arbeiten bei ihren Angeboten aktuell auch mit Lieferzeiten, da die Beschaffung der Ware immer schwieriger wird.

Die weltweite Nachfrage nach Silber übersteigt das Angebot bei weitem

Der globale Silbermarkt befindet sich in einer historischen Phase der Unterversorgung. Während das Edelmetall oft im Schatten von Gold steht, zeigen aktuelle Marktdaten eine dramatische Schieflage: Die Welt verbraucht seit Jahren deutlich mehr Silber, als die Minen fördern können. Laut dem Silver Institute steuert der Markt im Jahr 2025 auf sein fünftes Defizitjahr in Folge zu.

Zwischen 2021 und 2024 summierte sich die Lücke auf rund 678 Millionen Unzen, was etwa zehn Monaten der weltweiten Minenförderung entspricht. Bis Ende 2025 wird ein kumulierter Fehlbetrag von fast 800 bis 820 Millionen Unzen erwartet. Für das Jahr 2024 wurde ein Defizit von etwa 148,9 Millionen Unzen verzeichnet und für 2025 prognostizieren Experten eine weitere Lücke von rund 117 bis 149 Millionen. Sichtbar wird die Knappheit vor allem in den Tresoren der London Bullion Market Association (LBMA). Dort fielen die Bestände von über 31.000 Tonnen im Jahr 2022 auf etwa 22.126 Tonnen im März 2025 – der niedrigste Stand seit Jahren.

Das Silberangebot kann nicht elastisch ausgeweitet werden

Die Silberförderung reagiert kaum auf steigende Preise, was an der Struktur des Bergbaus liegt. Über 70 Prozent des Silbers fallen lediglich als Nebenprodukt beim Abbau von Kupfer, Blei oder Zink an. Minenbetreiber weiten ihre Produktion daher nur aus, wenn die Preise dieser Basismetalle steigen, nicht primär wegen des Silberpreises. Bei neuen Silberminen dauert es von der Entdeckung einer neuen Lagerstätte bis zur ersten Förderung oft 7 bis 10 Jahre. Außerdem sinkt in bestehenden Minen der Silbergehalt im Gestein kontinuierlich, was die Förderung teurer und weniger effizient macht.

Am Rohstoffterminmarkt Comex herrscht chronische Silberknappheit

Wenn man über die Knappheit von Silber spricht, führt kein Weg an der COMEX (Commodity Exchange) vorbei. Sie ist der weltweit bedeutendste Handelsplatz für Terminkontrakte auf Edelmetalle und fungiert als das "Preisfindungszentrum" für Silber und Gold. Die COMEX ist eine Abteilung der CME Group (Chicago Mercantile Exchange) mit Sitz in New York. Während in London (LBMA) primär der physische Interbankenhandel stattfindet, ist die COMEX die wichtigste Börse für Futures. Der an der COMEX ermittelte Preis gilt weltweit als Referenzpreis für physisches Silber.

Minenbetreiber nutzen die Börse, um ihre zukünftige Produktion preislich abzusichern; Industrieverbraucher sichern sich gegen steigende Preise ab. Große Hedgefonds und Banken handeln hier auf Preisbewegungen, oft ohne jemals die Absicht zu haben, das Metall physisch zu besitzen.

Das Besondere an der COMEX ist das massive Missverhältnis zwischen gehandeltem Volumen und vorhandenem Metall. Ein Silber-Future an der COMEX umfasst standardmäßig 5.000 Unzen. An einem durchschnittlichen Handelstag wird oft ein Vielfaches der gesamten Weltjahresproduktion in Form von Kontrakten gehandelt. Das nennt man "Papiersilber", da die meisten Positionen vor Ablauf glattgestellt (verkauft) werden. Nur ein kleiner Bruchteil (meist unter 5-10 Prozent) der Kontrakte führt tatsächlich zu einer physischen Auslieferung. Wenn ein Käufer jedoch auf Lieferung besteht, muss die Börse das Metall in ihren lizenzierten Tresoren bereitstellen. Hauptsächlich wurde dort jedoch bisher „gezockt“.

Deshalb entkoppelt sich der physische Silberpreis vom Börsenpreis

Da an der Börse hauptsächlich gezockt wurde, konnte sich der Silberpreis dort also frei bilden, wobei die meisten Marktteilnehmer gar kein Silber ausgezahlt bekommen wollten. Jetzt ist das anders – bereits die Februar-Futures wurden Ende Januar an der Comex zu 98 Prozent physisch eingefordert. Für Ende März gibt es eine sogenanntes „Open Interest“ von ungefähr 500 Millionen Unzen Silber, also Kontrakte in diesem Umfang, die auf physische Lieferung bestehen könnten.

Die Silberspeicher der Comex sind aber bald schon leer. Man spricht von ca. 103 Millionen Unzen Silber, die dort verfügbar sind. Das physische Silber ist also absolut knapp. Wenn jetzt wieder die meisten Marktteilnehmer auf physische Lieferung bestehen, wird es spannend. Die Comex kann das nicht liefern. Sie hat zwar Instrumente, um das zu regulieren, aber sie wird nicht liefern können. Damit hat sie ihre Funktion als preisbildende Rohstoffbörse für Silber verloren dann. Es wird spannend, was dann passiert.

Währenddessen wird das physische Silber auf andere Weise beschafft. Große Techindustrien, die einen kontinuierlich hohen Bedarf an Silber haben, treten bereits direkt mit den Produzenten in Kontakt und sichern sich den Output aus den Silberminen. Merken Sie sich den 27. Februar – dann müssen die Besitzer der März-Kontrakte an der Comex melden, ob sie physische Lieferung wollen oder sich in Cash auszahlen lassen.

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